Dax-Geflüster Die Angst der Deutschen vor der Aktie

Die Börse brummt, deutsche Anleger steigen aus. Niemand will der Dumme sein, der nach vier Jahren Hausse zu Höchstkursen kauft und die anstehende Kurskorrektur voll mitbekommt. Doch bringt diese Zauderstrategie Erfolg? Wie man die Angst vor der Aktie besiegen kann.

Schade, dass immer nur die anderen das Geld mitnehmen. Rund 22 Milliarden Euro werden die Dax-30-Unternehmen im kommenden Mai ausschütten - den Großteil davon an ausländische Anleger, die zudem am Höhenflug des Dax viel Freude haben. Deutsche Anleger sind laut Angaben des Deutschen Aktieninstituts (DAI) dagegen auf dem Rückzug: 10,3 Millionen Bundesbürger investierten 2006 noch in Dividendenpapiere, fast eine halbe Million weniger als im Vorjahr.

Während der Dax  am Sechsjahreshoch kratzt und deutsche Aktienfonds mit einer Durchschnittsrendite von knapp 22 Prozent im vergangenen Jahr die Konkurrenz abgehängt haben, zieht sich der Deutsche in, nun ja, bescheidenere Sparformen zurück. Mit Blick auf die folgende Tabelle nicht unbedingt eine weise Entscheidung.

Fonds-Wertentwicklung auf einen Blick

































Fondsgruppe 1 Jahr 3 Jahre 5 Jahre 10 Jahre
Aktienfonds Deutschland
kumuliert
p.a.

21,6
21,6

61,4
17,3

31,0
5,6

122,3
8,3

Aktienfonds Europa
kumuliert
p.a.

18,3
18,3

59,0
16,7

19,5
3,6

111,5
7,8

Aktienfonds international
kumuliert
p.a.

9,3
9,3

41,5
12,3

8,6
1,7

96,1
7,0

Euro-Rentenfonds
kumuliert
p.a.

-0,4
-0,4

9,5
3,1

20,9
3,9

55,1
4,5

Rentenfonds international
kumuliert
p.a.

-2,6
-2,6

7,3
2,4

6,8
1,3

53,9
4,4

Mischfonds international
kumuliert
p.a.

6,1
6,1

25,2
7,8

6,4
1,2

108,6
7,6

Euro-Geldmarktfonds
kumuliert
p.a.

2,32
2,32

6,2
2,02

11,60
2,22

30,53
2,70

Offene Immobilienfonds
kumuliert
p.a.

4,3
4,3

11,0
3,5

19,7
3,7

46,7
3,9

Quelle: BVI; Angaben sind Durchschnittswerte der jeweiligen Fondsgruppe in Prozent, Volatilität Median, per 31. 12 2006:

Was treibt so viele Menschen in Deutschland aus dem Aktienmarkt? Verlockende Geldmarktrenditen in Höhe von 2,3 Prozent können es ebenso wenig sein wie die realen Verluste, die internationale Rentenfonds jüngst erzielt haben. Die Angst der Deutschen vor der Aktie scheint tiefer zu sitzen: Es muss mehrere Gründe geben, warum die Bundesbürger dem Aufschwung am Aktienmarkt so gründlich misstrauen.

Der erste, naheliegende Grund: Das Maigewitter 2006. Viele Anleger warten offenbar seit Monaten auf den nächsten Kursrutsch an der Börse, wie es ihn zuletzt im Mai 2006 gegeben hat. Die scharfe Korrektur hatte damals viele Anleger zu Umschichtungen in Geldmarktfonds getrieben - nun liegt dort mager verzinstes Geld herum und wartet auf die nächste Einstiegschance. Und wartet. Und wartet.

"Psychologisch ist es leicht nachzuvollziehen, bei schärferen Rücksetzern Geld in Sicherheit zu bringen", sagt Hendrik Leber, Geschäftsführer der Frankfurter Vermögensverwaltung Acatis. "Doch auf lange Sicht kann das nicht funktionieren, denn es führt zu einer Rein-Raus-Strategie, die einen großen Teil der möglichen Langfristperformance auffrisst."

Wer Rücksetzer meidet, riskiert viel

Wer Rücksetzer meidet, riskiert viel

Die Versuchung, durch Market Timing den Markt zu schlagen, ist zwar groß, erweist sich aber laut verschiedenen Langzeitstudien als Renditekiller. Nach vier Jahren Hausse sei zwar die Wahrscheinlichkeit deutlich gestiegen, dass es an den Märkten demnächst zu einer Kurskorrektur kommt, gesteht Leber zu. "Doch wer die Nervenstärke hat, diese Kursschwäche auszuhalten, kann auch jetzt noch einsteigen."

Bei der Kaufentscheidung sollten allerdings nicht die Kurssprünge der Vergangenheit, sondern die Gewinnentwicklung und Geschäftsaussichten eines Unternehmens eine Rolle spielen, so Leber. Aktien wie die Allianz  oder BASF  hätten trotz der gestiegenen Kurse noch immer ein vernünftiges Kurs-Gewinn-Verhältnis, und Konzerne wie RWE  oder Eon  verdienten prächtig.

"Wer um jeden Preis einen kurzfristigen Rücksetzer vermeiden will, riskiert, einen langfristigen, stärkeren Aufwärtstrend zu verpassen", sagt Leber. Aktionäre, die Ende Mai bei rund 5600 Zählern aus dem Dax geschüttelt worden sind und seitdem auf den Wiedereinstieg warten, haben binnen sieben Monaten knapp 20 Prozent Performance verpasst.

Der Schreck sitzt tief

Doch so eindrucksvoll war der Kursrutsch im Mai auch wieder nicht, um so viele Anleger zu vergraulen. BVI-Geschäftsführer Stefan Seip vermutet außerdem noch Nachwirkungen des Börsenschocks 2001: "Viele Fondsanleger, die im Börsenhype 1999 investiert haben, sind nach einer atemberaubenden Talfahrt langsam wieder bei ihren Einstiegsniveaus angekommen", erklärt Seip. Bei einigen sitzt der Schreck so tief, dass sie die Gelegenheit nutzten, das Abenteuer Aktie zu beenden: Knapp fünf Milliarden Euro haben Anleger im vergangenen Jahr aus deutschen Aktienfonds abgezogen.

Die lieb gewonnene Versicherung

Das geringe Vertrauen in die Erholungsfähigkeit der Märkte hat auch mit fehlender Vertrautheit mit der Anlageform Aktie zu tun. Deutsche Sparer setzen traditionell stärker auf Lebens- und Rentenversicherungen, die aufgrund strenger staatlicher Vorgaben ihre Aktienquoten stark begrenzen. In den USA dagegen sorgen große Pensionsfonds dafür, dass ein US-Bürger im Durchschnitt stärker am Aktienmarkt partizipiert und langfristig auch höhere Renditen auf sein Erspartes erzielt als der Bundesbürger.

"Im Ausland kümmert man sich selbst um die Rente, während wir uns in Deutschland seit Bismarck darauf verlassen, dass der Staat unsere Pension regelt", meint Ulrich Hocker, Geschäftsführer der Aktionärsvereinigung DSW.

Doch vom Staat ist in Zukunft eher Gegenwind bei der privaten Altersvorsorge zu erwarten.

Gründe für mehr Gelassenheit

Die Steuer naht, die Zeit läuft ab

Als vierter Angstfaktor kommt die aktuelle Steuerdiskussion hinzu. "Der Staat fordert von allen Bürgern eine verstärkte private Altersvorsorge, doch gleichzeitig greift künftig die Steuer bei Aktiensparern stärker zu", meint DAI-Chef Rüdiger von Rosen. Die Reduzierung des Sparerfreibetrags sei ebenso ein falsches Signal wie die geplante Einführung der Abgeltungsteuer: Ab 2009 sollen Aktiensparer alle Erträge aus Aktien, Fonds oder Zertifikaten unabhängig von ihrer Haltedauer mit 25 Prozent versteuern.

Gleichwohl lässt sich die drohende Abgeltungsteuer auch als triftiges Argument wenden, jetzt noch in Aktien zu investieren: Bis Ende 2008 bietet sich deutschen Anlegern noch die Gelegenheit, sich die Steuerfreiheit für langfristige Aktieninvestments zu sichern. Wer durch rechtzeitiges Investieren eine Steuerlast in Höhe von 25 Prozent vermeidet, sollte einen möglichen Rücksetzer am Aktienmarkt in Höhe von 5 bis 10 Prozent umso gelassener überstehen.

"Die Welt ist schockanfälliger geworden"

Was also tun? Gelassenheit üben, meint Fondsmanager Leber. "Man kann langfristig sehr viel entspannter investieren, wenn man schon vorher mit Rückschlägen am Markt rechnet." Diese müsse man entweder aussitzen können oder - bei entsprechenden Rücklagen - sogar als Gelegenheiten für weitere Käufe sehen: "Man sollte gierig sein, wenn andere ängstlich sind, und zurückhaltend, wenn andere gierig sind", zitiert Leber die Investmentlegende Warren Buffett. "Wer langfristig investiert, für den sind Kursrückschläge Kaufgelegenheiten."

Diese Strategie funktioniert freilich nur, wenn man langfristig an ein Happy End und damit an eine generell steigende Tendenz am Aktienmarkt glaubt. "Wer vom Gegenteil überzeugt ist, hat am Aktienmarkt nichts verloren", meint Leber.

Seit Beginn der Aktienhausse im Frühjahr 2003 habe man "ungewöhnlich ruhige Zeiten" an den Aktienmärkten erlebt, meint der Acatis-Fondsmanager. Doch dies dürfte sich bald ändern: Die Welt sei vernetzter und anfälliger für Schocks geworden. Mancher Aktionär mag sich einen neuen Schock an der Börse sogar als günstige Gelegenheit zum Einkauf herbeiwünschen: "Wenn es im Supermarkt Sonderangebote gibt, rennen alle hin. Fallen an der Börse die Preise für Unternehmen, rennen alle weg", meint Leber.

Eine grundsätzliche, positive Zuversicht mit Blick auf die möglichen Langfristrenditen helfe dabei, die Angst vor dem Kursrutsch zu nehmen. Selbst wenn man eine Korrektur nicht gerade herbeisehnt, könne man sie doch gelassener überstehen.

Von dieser gesunden Zuversicht, so Leber, könnten die Deutschen schon ein wenig mehr gebrauchen.

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