Lebensversicherer Sinkende Überschüsse

Nach einer stagnierenden Überschussbeteiligung in diesem Jahr müssen die Lebensversicherten künftig mit einer fallenden Verzinsung ihrer Guthaben rechnen. Das erwarten jedenfalls die Unternehmen. Schuld sei das neue Versicherungsvertragsgesetz (VVG), das die Rechte der Verbraucher stärken und sie finanziell besser stellen soll.

Hamburg - Mit Argwohn und Unsicherheit sehen die deutschen Lebensversicherer der Reform des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG) entgegen. Als Konsequenz höchstrichterlicherer Urteile stärkt es die Rechte der Kunden gegenüber der Assekuranz. Zugleich sollen die Verbraucher finanziell besser gestellt werden, zum Beispiel durch eine "angemessene" Beteiligung an den stillen Reserven der Unternehmen und höhere Rückkaufswerte bei einer vorzeitigen Kündigung ihres Vertrages.

Die Reform soll 2008 in Kraft treten und dürfte erhebliche Auswirkungen auf die Lebensversicherer und das Versichertenkollektiv haben. Um zwei zentrale Punkte des VVG-Entwurfs wird hinter den Kulissen noch heftig gerungen: Zum einen soll die Neuregelung der Rückkaufswerte ab 2008 auch für Altverträge gelten, zum anderen sollen die Versicherten an den stillen Reserven auch aus festverzinslichen Wertpapieren beteiligt werden. Beides lehnt die Assekuranz strikt ab.

Im ersten Fall entstünde den Lebensversicherern nach Schätzungen des Branchenverbandes GDV allein durch die damit verbundene Anpassung der so genannten Deckungsrückstellung ein zusätzlicher Aufwand von rund zehn Milliarden Euro. Experten gehen davon aus, dass dieser Aufwand insbesondere zu Lasten künftiger Überschussgewinne der Versicherten gehen dürfte.

Beteiligung an Reserven festverzinslicher Titel strittig

Gegen die Beteiligung der Versicherten an den stillen Reserven aus festverzinslichen Papieren, die etwa 80 Prozent der Kapitalanlagen der Branche ausmachen, argumentiert die Assekuranz im Kern wie folgt: Stille Reserven entstehen nur bei Titeln, deren Kupons über den aktuellen Marktzinsen liegen. Will der Versicherer diese Reserven heben, um einmalig ausschüttungsfähige Erträge für die Versicherten zu erzielen, muss er die Papiere verkaufen. Das allerdings ginge zu Lasten der Zukunft. Denn das Unternehmen könne in der anhaltenden Niedrigzinsphase nur zu einem niedrigeren Zinssatz wieder neu anlegen. Letzterer, befürchtet die Branche, reiche womöglich nicht aus, um den versprochenen Garantiezinssatz der Policen darzustellen. Die durchschnittliche Garantieverzinsung des Versicherungsbestandes aller Lebensversicherer in Deutschland liegt derzeit bei durchschnittlich rund 3,5 Prozent.

Der Bundesrat hat in dieser Frage interveniert und einen Änderungsantrag formuliert. Denn der Gesetzentwurf lasse die gängige Praxis außer Acht, dass der Versicherte bereits während der Laufzeit eines festverzinslichen Titels spätestens aber bei seiner Fälligkeit an den Bewertungsreserven beteiligt wird.

Einzelne wichtige Punkte des VVG sind also umstritten. Inwieweit die Assekuranz hier noch Einfluss auf das Gesetzgebungsverfahren nehmen kann, ist unklar. Nur vor diesem Hintergrund ist vermutlich zu erklären, dass die Vorbereitungen der Unternehmen auf das neue VVG noch nicht weit gediehen sind. Einer Umfrage der Ratingagentur Assekurata zufolge gaben 76 Prozent der Lebensversicherer an, dass sie ihre Arbeiten noch nicht einmal zur Hälfte abgeschlossen haben. Lediglich sechs von insgesamt 81 befragten Unternehmen äußerten, dass sie ihre Vorbereitungen zu rund drei Vierteln als abgeschlossen betrachten.

Rückgang der Verzinsung

Rückgang der Verzinsung erwartet

Einhelligkeit besteht gleichwohl in der Einschätzung, dass das VVG sich negativ auf die laufende Gesamtverzinsung (Garantiezins plus laufende Überschussbeteiligung) der Policen auswirken wird. Die überwiegende Mehrheit (84 Prozent) der Unternehmen erwartet demnach einen Rückgang der Verzinsung. Lediglich 16 Prozent gehen davon aus, dass die Reform ohne Auswirkungen auf die Gewinnbeteiligung bleiben wird. Eine höhere Gesamtverzinsung durch das VVG erwartet nicht ein einziger Versicherer, heißt es in der Assekurata-Studie.

Die laufende Gesamtverzinsung der Lebensversicherer in diesem Jahr beträgt laut Assekurata über alle Vertragsarten und Garantiezinsgenerationen hinweg im Marktschnitt 4,24 Prozent (plus 0,01 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr). Der Branchendienst "Map-Report" kommt in einer nahezu zeitgleich veröffentlichten Studie auf 4,25 Prozent (plus 0,03 Prozentpunkte). "Map-Report" und Assekurata weisen übereinstimmend darauf hin, dass die Unternehmen bei ihren Überschussdeklarationen zusehends nach Tarifgenerationen und Produktarten differenzieren. Vor allem aus verkauftaktischen Gründen würden dabei Neugeschäftskunden oft besser bedient als Bestandskunden. Denn ein höherer Zinssatz nützt den Neukunden nur wenig, da ihr zu verzinsendes Guthaben im ersten Vertragsjahr in der Regel gegen Null tendiert, kritisiert "Map-Report".

Neben dem Garantiezins und der jährlichen Überschussbeteiligung können die Versicherten einen so genannten Schlussüberschuss beziehen. Dieser zählt nicht zu den garantierten Leistungen und steht auch nur jenen Kunden zu, die ihren Vertrag bis zu Ende führen. Zudem kann der Schlussüberschuss bei schwacher Entwicklung an den Kapitalmärkten auch wieder verloren gehen. Die meisten Lebensversicherer in Deutschland zahlen diesen Schlussgewinn als eine Art Durchhalteprämie für vertragstreue Kunden.

Mehr Vertragskündigungen

Unternehmen erwarten mehr Vertragskündigungen

Angesichts der verschärften Rückkaufswertregelungen und der strengeren Vorgaben zur Beteiligung an den stillen Reserven im VVG ist im Markt vielfach die Vermutung geäußert worden, dass die Versicherer die Gewinnbeteiligung ihrer Kunden verstärkt an das Ende eines Vertrages verlagern, sprich den Schlussgewinnanteil zu Lasten der laufenden Überschussbeteiligung deutlich erhöhen werden. Einzelne Unternehmen haben das bereits angekündigt.

Doch zur Überraschung auch von Assekurata spiegelt die Umfrage diese Erwartung nicht wider: Lediglich ein Drittel der Unternehmen erwartet einen Anstieg der Schlussüberschüsse, während 44 Prozent gar einen Rückgang vorhersehen. 22 Prozent der Versicherer erwartet wiederum, dass die VVG-Reform überhaupt keine Auswirkungen auf die Schlussüberschussbeteiligung haben wird.

Da die Versicherten im Zuge der VVG-Reform nach dem jetzigen Stand der Dinge mit höheren Restwerten rechnen dürfen, wenn sie vorzeitig aus ihrem Vertrag aussteigen, könnte dies ihr Stornoverhalten künftig stark beeinflussen. Sie könnten vor allem dann zu einer vorzeitigen Kündigung neigen, wenn ihr Anbieter etwa besonders viel Reserven angehäuft hat, um dann den Auszahlungsbetrag bei steigenden Kapitalmarktzinsen lieber in andere, renditeträchtigere Sparformen anzulegen.

Diese Befürchtung der Versicherer spiegelt sich auch in der Umfrage wider: 58 Prozent der Gesellschaften davon aus, dass die Stornoquote mit dem VVG um bis zu 10 Prozent ansteigen wird. Ausgehend von einer Stornoquote von 5 Prozent im Marktschnitt im Jahr 2005, würde diese Quote dann auf 5,50 Prozent ansteigen. "Insgesamt zeigt sich also in dieser Frage ein gesundes Selbstbewusstsein der Branche hinsichtlich der Kundenbindung", schreibt Assekurata.

Auf weitere Auswirkungen des VVG befragt, gehen rund 75 Prozent der Unternehmen von einer mäßigen Veränderung ihrer Anlagestrategie aus, 8 Prozent der Gesellschaften erwarten, dass sich ihr Anlageverhalten stark verändern werde. Allerdings herrscht in diesem Punkt noch große Unsicherheit und Zurückhaltung, denn lediglich rund die Hälfte der 81 befragten Unternehmen wollten sich zu dieser Frage äußern.

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