Dax-Geflüster Stromblitz abgeleitet

Die Europäische Kommission will Deutschlands Energiefirmen die Leitungsnetze nehmen. Mehr Wettbewerb soll langfristig die Stromrechnung der Haushalte hierzulande senken. Doch Anleger fürchten, dass die Eurokraten damit ganz nebenbei den Dax auf Talfahrt schicken - und somit mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften.
Von Arne Gottschalck und Karsten Stumm

Entsetzen sieht anders aus. Deutschlands Aktienmarkt hat sich von der kleinen Delle zu Jahresbeginn erholt, auch wenn der rechte Schwung derzeit fehlt. Der Standardwerteindex Dax  der Wertpapierbörse in Frankfurt am Main hat mit rund 6680 Indexpunkten nicht nur sein Neujahrsniveau erreicht, er verzeichnet bereits ein kleines Plus.

Und das, obwohl die Europäische Kommission ausgerechnet einige der bedeutendsten deutschen Aktienunternehmen unter Druck setzen will: die Energieversorgungsunternehmen, die aufgrund ihres Gewichtes - Eon  macht zum Beispiel 10 Prozent des Dax aus - besonders großen Einfluss auf die Entwicklung des Index haben.

Kommissionspräsident José Manuel Barroso möchte unter anderem den beiden nordrhein-westfälischen Energieriesen Eon und RWE  das eigene Leitungsnetz nehmen, um mehr Firmen den Weg auf den deutschen Energiemarkt zu ebnen. So soll erst für mehr Wettbewerb und dann für niedrigere Strompreise hierzulande gesorgt werden. Löblich. "Die Kosten- beziehungsweise Ertragslage im Netzgeschäft würde transparenter werden. Und die Netzgesellschaften würden sich gegebenenfalls gegenseitig zu einer "Deutschen Stromnetz-AG" zusammenschließen, so wie die National Grid in Großbritannien", skizziert Fondsmanager Thomas Deser von Union Investment die möglichen Folgen.

RWE als Hauptopfer

Besonders betroffen wäre davon der Essener RWE-Konzern, dem Deutschlands größtes Höchstspannungsnetz gehört; in der Bundesrepublik gibt es etwa 36.000 Kilometer solcher Leitungen, RWE besitzt ungefähr 12.000 Kilometer davon. Aber auch der Düsseldorfer Eon-Konzern verfügt über mehrere tausend Kilometer Höchstspannungsleitungen. "Beide zusammen verfügen über 60 Prozent der Kraftwerkskapazitäten in Deutschland, gut 70 des Hochspannungsnetzes und rund 50 Prozent der Mittel- und Niederspannungsnetze", erklärt Markus Zschaber, Geschäftsführer der V.M.Z.-Vermögensberatung. Und beide vermieten ihr Netz an andere Stromfirmen - gegen eine ansehnliche Durchleitungsgebühr, versteht sich.

Sollte die EU-Kommission mit ihrem Vorschlag Erfolg haben, den Firmen ihre Stromleitungen per Gesetz zu nehmen, verlören beide Unternehmen somit einen Teil ihres lukrativen Geschäfts. Entsprechend nach unten ginge der Gewinn der Energieversorgungsgesellschaften - und ihr Aktienkurs, fürchten nun viele Anleger. Ganz gleich, ob sie selbst überhaupt RWE- oder Eon-Aktien im Depot haben.

Auf den ersten Blick zu Recht. Denn der Einfluss beider Konzerne auf die Entwicklung des bedeutendsten deutschen Aktienmarktbarometers ist so beachtlich, dass selbst Dax-Investoren unter sinkenden Kursen der beiden Energieversorgungsunternehmen zu leiden hätten, die selbst gar keine RWE- oder Eon-Titel besitzen. Schließlich beeinflussen allein die Eon-Anteilsscheine die Dax-Entwicklung so stark, wie keine zweite Aktie.

Höhere Umsätze ohne Netz?

Höhere Umsätze ohne Netz?

Ändert sich der Kurs der Eon-Titel beispielsweise um fast 10 Prozent, bewegt das Deutschlands wichtigsten Aktienindex um nahezu 1 Prozent in die gleiche Richtung.

Zudem zählen auch die RWE-Papiere zu den bedeutenden in Deutschlands Standardwerteindex. Die Aktien des Essener Unternehmens drücken den Dax immerhin noch um gut 0,5 Prozent in die eigene Kursrichtung, falls die Anteilscheine des Konzerns ebenfalls einmal um 10 Prozent schwanken sollten.

Entsprechend groß ist deshalb die Angst der Anleger, dass die EU-Kommission zwar für mehr Wettbewerb auf dem Energiemarkt sorgt - und damit langfristig womöglich die Stromrechnung der Investoren ein Stück weit senkt. Kurzfristig könnten die Eurokraten aber den gesamten Dax auf Talfahrt schicken und so aus Anlegersicht viel mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften.

Gespaltene Meinungen

Energiemarktkenner geben indes Entwarnung. RWE beispielsweise erwirtschafte gerade einmal 10 Prozent seines Umsatzes mit dem Durchleitungsgeschäft. "Und ein Blick auf den Gewinn zeigt, dass hier der Anteil noch geringer ist. Denn das Netzgeschäft ist risikoarm und deswegen mit niedrigeren Margen versehen", sagt Raimund Saxinger, Fondsmanager bei Frankfurt Trust.

Selbst wenn Barrosos EU-Kommission das Dax-Unternehmen RWE also tatsächlich zwingen würde, das Netzgeschäft abzugeben, bliebe der entgangene Gewinn für die Essener überschaubar. Kurzfristig würde er vielleicht noch nicht einmal ins Gewicht fallen.

"Das aktuelle Gewinnniveau reflektiert noch nicht die heutigen, vergleichsweise hohen Strompreise, da ein Teil der heutigen Produktion über Forward-Geschäfte in der Vergangenheit bereits zu einem niedrigeren Level verkauft wurde. Selbst bei unveränderten Strompreisen werden unter diesem Aspekt die Gewinne der Energiefirmen noch steigen", glaubt Frankfurt-Trust-Manager Saxinger.

Der Meinung ist nicht nur er. Speziell Orders institutioneller Anleger haben die Eon- und RWE-Aktien in den vergangenen beiden Tagen deutlich in die Höhe getrieben - und dieses Mal zur Freude der Dax-Anleger: Mitangetrieben von den beiden Versorgeraktien ging das Börsenbarometer wieder in die Höhe.

Sorgenfalten auf der Stirn

Sorgenfalten auf der Stirn

So ganz frei von Sorgen sind die Börsenexperten allerdings doch nicht. Viele Investoren rechnen offenbar damit, dass die Notierungen an der Börse in Frankfurt am Main nur noch einen überschaubaren Zeitraum lang in die Höhe gehen.

"Günstig für den Markt ist allerdings, wenn die Investoren auf die mittlere Sicht ihre Betonung legen", hat Manfred Hübner herausgefunden, Geschäftsführer des Kapitalmarktanalysehauses Sentix.

Eigentlich sollte man bei den Börsenprofis von dieser Ausrichtung ausgehen können. Und derzeit prägen diese das Geschehen an der Börse, die Privatanleger bleiben den Wertpapiermärkten noch immer weitgehend fern. Aber eben nur eigentlich. Denn allzu oft haben sich auch die Experten von Gefühlen leiten lassen - zumindest kurzfristig. Zwar verhielten sich zum Beispiel die Aktien der Deutschen Telekom  im September vergleichsweise ruhig. Obwohl entschieden wurde, dass die Telekom ihr modernstes Netz auch der Konkurrenz würde öffnen müssen. Doch die Entscheidung wurde bereits erwartet, und entsprechend sank der Wert der Papiere aus Bonn in der Zeit davor.

"RWE und Eon haben ihre Stromproduktion 2007 und fast auch schon 2008 vorabverkauft, das heißt, die Erträge für 2007 und 2008 sind schon fast komplett vereinnahmt", sagt Deser von Union Investment. "Die Bewertung der Branche insgesamt liegt im europäischen Durchschnitt. Die deutschen Häuser zählen aber vorläufig weiter zu den "Anlegerlieblingen" im europäischen Stromsektor wegen steigender Dividenden bei moderater Bewertung."

Auch Vermögensverwalter Zschaber ist für die nächsten Wochen entspannt: "Die Bewertungen der Aktien der deutschen Unternehmen Eon und RWE sind immer noch günstig und attraktiv, sodass auch von dieser Seite positive Signale kommen. Die europäische Konkurrenz ist allerdings ähnlich attraktiv." Und deswegen sollten Anleger Anfang März ganz genau Richtung Brüssel schauen - dann nämlich wird über die Kommissionsvorschläge abgestimmt. "Sollte es tatsächlich eine Entfechtung der Stromnetze geben, so kann mit deutlichen Rückschlägen gerechnet werden."

Kurzfristig den Stromblitz also abgeleitet, mittelfristig vielleicht nicht? Die klarste Position beziehen die Betroffenen selbst. Zum Beispiel RWE-Mann Harald Fletcher. Warum, fragt er, diese radikale Lösung? "Wir können Netzbetrieb, wir gewährleisten Versorgungssicherheit und Diskriminierungsfreiheit." Ob die Börse auch jetzt noch mittelfristig davon überzeugt ist?

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