Vietnam "Der Markt verändert sich dramatisch"

Vietnam ist am Donnerstag der Welthandelsorganisation (WTO) beigetreten. Die Öffnung des Wachstumsmarkts lässt Anleger hoffen. Für Risikoscheue könnte es allerdings zu früh sein. In den nächsten Jahren wird alles anders, sagt Thomas Gerhardt, Fondsmanager eines neuen Indexzertifikats der DWS, im Gespräch mit manager-magazin.de

mm.de: Warum lohnt es sich, jetzt in Vietnam zu investieren?

Gerhardt: Der Grund ist relativ einfach. Vietnam hat von seinen geografischen Voraussetzungen, seiner großen Bevölkerung, ähnlich wie Deutschland, aber auch von politischen Änderungen her sehr großes Potenzial. Das Land hat nach China das zweithöchste Wirtschaftswachstum, eine sehr, sehr junge Bevölkerung, und es öffnet sich wirtschaftlich dem Westen.

mm.de: Am Donnerstag ist Vietnam der Welthandelsorganisation (WTO) beigetreten. Was ändert das an den langfristigen Bedingungen?

Gerhardt: Das ist nur einer von vielen Schritten. Ein WTO-Beitritt führt dazu, dass gewisse Spielregeln mit dem Ausland für den Handel und Investitionstätigkeiten festgelegt werden. Man ist plötzlich in ein Staatengebilde eingebunden, zu dem man in der Vergangenheit nicht in dieser Art Zugang hatte. Exporte sind in vielen Bereichen für das Land einfacher, dafür muss es in anderen Bereichen natürlich Zugeständnisse machen. Mittel- bis langfristig wird der Handel mit dem Rest der Welt für Vietnam erleichtert. Viele der Erfolgsgeschichten in Asien basierten im ersten Schritt auf Exporterfolgen, und dann erst mit steigendem Wohlstand wurde die lokale, die Konsumkomponente zum Wachstumstreiber. China ist ein gutes Beispiel hierfür.

mm.de: Für welche Branchen erwarten Sie besonders hohes Wachstum?

Gerhardt: Ich glaube, dass sich in der ersten Runde weiterhin die exportabhängigen Sektoren gut entwickeln. Das sind in sehr starkem Maße Agrarexporte. Vietnam ist beispielsweise einer der größten Exporteure von Milchprodukten und, das ist gar nicht so bekannt, der größte Exporteur im Fernen Osten. Dann ist Vietnam im Bereich Textilien sehr stark. Es ist bekannt, dass mehr und mehr Produktion nach Asien verlagert wird. Vietnam ist sowohl hinsichtlich der Qualität als auch der Kosten sehr wettbewerbsfähig, auch im Vergleich zu China. Als Drittes kommt hinzu, dass recht viele ausländische Firmen in Vietnam investieren. Intel  will allein in diesem Jahr ungefähr 500 Millionen Euro in eine Halbleiterfabrik in Ho-Chi-Minh-Stadt investieren. Vietnam wird als Produktionsstandort für verschiedenste Exportgüter an Attraktivität hinzugewinnen.

"Diesmal ist es eine echte Öffnung"

mm.de: Ausländische Firmen profitieren also vom Vietnam-Boom. Aber was sind gute heimische Adressen? Gibt es vietnamesische Bluechips?

Vietnam in Zahlen

Bevölkerung (2005): 83,1 Millionen
Fläche: 329.315 qkm
Hauptstadt: Hanoi
Staatsform: Sozialistische Republik
BIP (2006): 44 Mrd. Euro (+ 8,2 Prozent)
Industrieproduktion (2006): + 17 Prozent
Exporte (2006): + 22,1 Prozent
Importe (2006): + 20,1 Prozent
Verbraucherpreise (2006): + 6,6 Prozent
Direktinvestitionen (1988-2005): 66,2 Mrd. Dollar
Arbeitslosenquote (2005): 5,3 Prozent
Wechselkurs: 1 Euro = 20.625 Dong
Leitzins: 8,25 Prozent
Zins auf zehnjährige Staatsanleihe: 8,95 Prozent
VN-Aktienindex: 865,71
Stand: 10. Januar 2007. Quellen: General Statistics Office, VCBS:

Gerhardt: Wie definieren Sie Bluechips? Nach vietnamesischen Standards gibt es natürlich auch in Vietnam Bluechips. Ist ein vietnamesischer Bluechip vergleichbar mit einer BASF? Wahrscheinlich nicht. Aber das ist ja auch erst der zweite Schritt. Hier sollte eine Trennlinie gezogen werden. Wir haben eine wirtschaftlich sehr attraktive Geschichte, wir haben aber immer noch Schwierigkeiten, dieses Anlagethema zu besetzen.

mm.de: Warum ist das so?

Gerhardt: Weil der vietnamesische Aktienmarkt immer noch sehr unterentwickelt ist. Es hat sich über das vergangene Jahrzehnt kein Mensch dafür interessiert. Ich kann mich erinnern, als ich hier bei der DWS anfing, 1993/94, gab es einmal eine kurze Phase, als man gesagt hat, Vietnam wird das nächste Boomland sein, das Land wird sich öffnen. Sie haben sich aber eben nur kurzfristig geöffnet und das Land dann wieder in einer 180-Grad-Kehrtwendung verschlossen. Ich glaube aber, dieses Mal ist es eine echte Öffnung.

mm.de: Woran machen Sie das fest? Es gibt ja weiterhin Anlagebeschränkungen vor allem für Ausländer.

Gerhardt: Na klar, aber ich mache das an meinen Gesprächen mit multinationalen Unternehmen fest. Sie sagen, Vietnam wird für uns als Produktionsstandort oder auch als Absatzmarkt immer attraktiver. Es sind die Intels, die Siemens, die Daimlers dieser Welt, die dort entweder ihre Produkte verkaufen, oder Produktionsstätten aufbauen wollen oder beides. Des Weiteren sprechen wir natürlich auch mit lokalen Politikern und Zentralbankern.

Wir sehen schon mehr als erste Anzeichen, dass man sich dem Ausland gegenüber öffnet. Ein Land wie Vietnam steht ja schon in einem Wettbewerb mit China, mit Thailand, mit Malaysia, und um in diesem Wettbewerb erfolgreich zu sein, müssen sie investieren. Um zu investieren, brauchen sie Kapital. Sie sind auch auf ausländisches Kapital angewiesen. Um ausländisches Kapital ins Land zu bringen, müssen sie ein attraktives Umfeld bieten. Nur niedrige Lohnkosten bedeuten nicht, dass Unternehmen nach Vietnam gehen und dort produzieren. Denn was nützen mir die niedrigen Lohnkosten, wenn ich Probleme dort habe. Das Umfeld insgesamt muss stimmen.

"Dutzende von Neuemissionen"

mm.de: Wenn Vietnam sich wie China entwickelt, müsste es aufstrebende junge Unternehmen geben, die in naher Zukunft Global Players werden.

Gerhardt: Ja. Nur: Aufstrebende junge Unternehmen, das klingt immer so toll. Der gesamte Aktienmarkt in Vietnam hat aber nur eine Marktkapitalisierung von etwa vier Milliarden US-Dollar. Das ist ein Bruchteil eines Dax-Unternehmens. Selbst die großen Unternehmen in Vietnam sind sehr klein. Die größten Unternehmen haben eine Marktkapitalisierung von ungefähr einer Milliarde Dollar.

mm.de: Welche sind das?

Gerhardt: Das ist zum Beispiel die Milchgesellschaft Vietnam Dairy Products, das ist die Sacom Bank, das ist Vinh Son-Song Hinh Hydro Power, ein Stromhersteller. Die großen Unternehmen dort kommen also aus verschiedensten Bereichen, aber das wird sich in den nächsten 18 bis 24 Monaten komplett ändern.

mm.de: Das macht es doch besonders schwierig, eine sinnvolle Anlagestrategie zu finden.

Gerhardt: Die Anlagestrategie momentan ist relativ einfach: Sie können nur das kaufen, was es gibt. Der Index hat heute 58 Aktien, davon sind vielleicht 20 einigermaßen liquide. Bei allen anderen sind die täglichen Umsätze im fünfstelligen Bereich. In den vergangenen drei Monaten kam der Handel an den vietnamesischen Börsen pro Tag im Schnitt auf ein Volumen von sieben Millionen Dollar. Als Investor müssen Sie im ersten Schritt das kaufen, was groß und liquide ist. Sie können gar nicht anders.

mm.de: Warum sollten Anleger, die in Vietnam investieren wollen, dann auf ein gemanagtes Produkt setzen und nicht einfach ein Zertifikat auf den Börsenindex kaufen?

Gerhardt: Weil wir einen Qualitätsfilter drübergelegt haben. Bei einem Index kaufen Sie immer alles. Mit unserer ausgewiesenen Expertise schätzen wir ein, was gut und was schlecht ist, und die schlechten Aktien sortieren wir aus. Man muss aber fairerweise sagen, dass das in Vietnam schwieriger ist als zum Beispiel in Hongkong. Es fehlt die Auswahl. Der Unterschied zwischen einem aktiven und einem passiven Produkt ist momentan in Vietnam deutlich kleiner als in anderen Märkten.

Aber ich erwarte Dutzende von Neuemissionen in Vietnam über die nächsten zwei Jahre. Neuemissionen laufen dort aber ein bisschen anders als im Rest der Welt. Bei uns ist das in der Regel eine Gesellschaft, die bisher nicht an der Börse war und jetzt an die Börse geht. In Vietnam ist der sogenannte Over-the-Counter-Markt viel größer als der geregelte Markt. In Vietnam sind Neuemissionen also oftmals Gesellschaften, die over the Counter notiert waren und durch die Emission in das geregelte Segment rücken.

Das heißt, der Aktienmarkt wird sich über die nächsten Jahre dramatisch ändern. Viele staatliche Gesellschaften werden privatisiert. Es gibt sogar schon ein paar Namen von Firmen, die bis 2010 privatisiert beziehungsweise teilprivatisiert werden sollen: Electricity of Vietnam und Vietnam Post. Der Aktienmarkt wird sich stark ändern, und wir können als aktiver Manager schnell eingreifen. Wenn wir einen interessanten Titel sehen, der vom Over-the-Counter-Segment in den geregelten Markt geht, dann können wir unseren Index, auf dem das Zertifikat basiert, täglich anpassen. Das ist der Vorteil eines aktiven Ansatzes.

"Investment für erfahrene Kunden"

mm.de: Nach wie vor ist mangelnde Transparenz ein großes Problem für Anleger in Vietnam. Wie gehen Sie damit um?

Gerhardt: Indem wir uns sowohl Analysen zu den Unternehmen angucken als auch selbst hinfahren. Ich fliege in der kommenden Woche nach Vietnam, um Unternehmen zu besuchen. Das ist ein Vorteil, wenn Sie aktiver Manager sind. Wir bauen dort Kontakte auf, wir haben eigene Analysten, die sich die Sachen vor Ort angucken, wir sprechen mit Analysten von den heimischen Investmentbanken und so weiter. Wir machen uns ein Bild von den Unternehmen.

mm.de: Wie erklären Sie sich, dass Sie die Ersten im deutschen Markt sind, die so ein Zertifikat anbieten?

Gerhardt: Die DWS war immer in diesen Bereichen federführend. Wir haben schon Ende der 80er einen Asien-Fonds aufgelegt. Wir haben 1994 den ersten Lateinamerika-Fonds  aufgelegt, und 1996 den DWS India . Wir betreiben das aktiv und sehr erfolgreich. Deshalb wollen wir uns auch hier die Butter nicht vom Brot nehmen lassen. Ich habe ein sehr großes Team. Mittlerweile 13 Leute beschäftigen sich mit aufstrebenden Märkten. Wir schauen uns natürlich immer nach neuen, interessanten, alternativen Märkten um. Wir haben auch schon die Kundschaft dafür. Im Bereich aufstrebende Märkte managen wir 15 Milliarden Euro. Das machen wir sehr erfolgreich, und wenn wir mit einer neuen Idee kommen, haben wir meistens schon die Kunden, die sich für diese Ideen begeistern lassen. Das macht das Ganze natürlich einfacher.

mm.de: Glauben Sie, dass andere Fondshäuser bald nachziehen? Wird Vietnam in naher Zukunft der Renner?

Gerhardt: Ich glaube, man muss die Kirche im Dorf lassen. Vietnam wird kein neues China - einfach deshalb, weil es lange nicht so groß ist. Aber es ist eine interessante Beimischung. Ich kann keinem Anleger raten, 50 Prozent seines Geldes nach Vietnam zu investieren. Er sollte es den Spezialisten wie uns überlassen, zu sagen, ob wir Vietnam in einen bestehenden Asien-Fonds beimischen. Wenn ein Kunde sagt, ich kann das alles selbst und bin mir über die Risiken und Chancen in dem Markt bewusst, dann ist natürlich das Vietnam-Zertifikat  genau das Richtige für ihn. Ein Vietnam-Investment ist für einen erfahrenen Kunden gedacht und nicht für einen, der das erste Mal Aktien kauft oder das erste Mal in Asien investiert.