Deutschland Kurz vor dem Wirtschaftswunder?

Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Wachstumsprognosen steigen und der Dax nähert sich den 6700 Zählern - ist Deutschland wieder ein Wirtschaftwunderland? Ein bisschen klingt Heidrun Heutzenröder im Gespräch mit managar-magazin.de so. Sie verwaltet den Fondak der Cominvest, den ältesten deutschen Aktienfonds.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Deutsche Aktien sind im Höhenflug - und die Ökonomen sowie Wertpapierexperten weiterhin optimistisch. Sind wir damit in einer Phase der Übertreibung angelangt oder sind die Kurse gerechtfertigt?

Heutzenröder: Der Dax  ist mit einem Kursgewinnverhältnis von 12,5 immer noch moderat bewertet, sowohl gegenüber der eigenen Historie als auch gegenüber anderen Aktienmärkten in der Welt.

Das zeigt sich besonders deutlich gegenüber anderen Asset-Klassen, wie zum Beispiel den Renten. Auch in diesem Vergleich sind deutsche Aktien sehr günstig. Daher bin ich auch optimistisch, dass der Höhenflug an den europäischen Märkten weiter gehen wird. Er wird von dem anhaltenden konjunkturellen Aufschwung getragen, der sich insbesondere nun auch in Deutschland verstetigt.

mm.de: Welche Wirkung wird eigentlich die Abgeltungssteuer 2008 auf das zarte Pflänzlein Aktionärskultur in Deutschland haben?

Heutzenröder: Ebenso wie die Mehrwertsteuererhöhung auf nun 19 Prozent wird die geplante Einführung der Abgeltungssteuer de facto eine eher untergeordnete Rolle spielen. Dass die Regierung mit Steuer- und Gebührenerhöhungen sowie Einschränkungen von Transferleistungen die enorme Verschuldung zu reduzieren versucht, ist uns allen bewusst. Die momentan günstige konjunkturelle Phase kommt diesem Vorhaben entgegen, da sie einen Teil der zusätzlichen Steuern und Belastungen abfedern kann.

mm.de: Also keine Probleme damit?

Heutzenröder: Nun, der mögliche Wegfall der Steuerfreiheit nach mindestens einjähriger Haltfrist von Aktien stimmt mich schon bedenklich. Er würde dem Gedanken des langfristigen Vermögensaufbaus und auch der privaten Altersvorsorge entgegen wirken. Auch die geplante Abschaffung der Verrechnung von Aktiengewinnen gegen Aktienverluste könnte sich nachteilig auf das Anlagemedium "Aktie" auswirken. Benachteiligungen von Kleinaktionären gegenüber so genannten Besserverdienenden wären wahrscheinlich eine weitere negative Auswirkung der beabsichtigten Abgeltungssteuer.

Deutsche Unternehmen ganz vorne

mm.de: Zurück zu der aktuellen Marktsituation - in welchen Sektoren sehen Sie die deutsche Wirtschaft vor der europäischen Konkurrenz, in welchen hinken die Unternehmen hinterher?

Heutzenröder: Deutsche Industriewerte haben in den letzten drei bis vier Jahren gezeigt, dass sie mit engagierten Restrukturierungsmaßnahmen das verlorene Terrain ihrer Wettbewerbsfähigkeit wieder zurückerobert haben. Die beeindruckenden Gewinnentwicklungen der letzten Jahre haben das eindrucksvoll belegt.

Auch drastische Maßnahmen im Finanzbereich haben deutsche Banken und Versicherungen wieder Anschluss an europäische Finanzinstitute finden lassen und werden weiter an ihrer strukturellen Verbesserung arbeiten. Deutsche Unternehmen im Bereich der erneuerbaren Energien sind im europäischen Kontext ganz vorn. Ebenso haben deutsche Immobilienwerte im letzten Jahr eine bemerkenswerte Entwicklung gezeigt und sind dabei, gegenüber ihren europäischen Wettbewerbern, strukturell aufzuholen.

Dagegen hinkt der deutsche Einzelhandel seinen europäischen Konkurrenten hinterher. Auch die deutsche Pharmaindustrie hat in den letzten Jahren stark an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt, sowohl durch Schwächen in den Produktpipelines als auch durch Übernahmen durch internationale Pharmaunternehmen.

mm.de: Mit englischen Aktien wie zum Beispiel HSBC Holdings  ist man auf den ersten Blick zwar national investiert, tatsächlich aber international. Sind deutsche Unternehmen inzwischen genau so aufgestellt? Ist die Nationalität von Aktien also eher zufällig geworden?

Heutzenröder: Im Rahmen der Globalisierung sind insbesondere deutsche Werte aus dem Dax im europäischen Vergleich immer stärker international aufgestellt. Das gilt sowohl für Banken und Versicherungen wie Deutsche Bank  oder Allianz  als auch für Industriewerte, zum Beispiel DaimlerChrysler , Linde  und MAN . Auch viele deutsche Werte aus dem MDax-Segment  zeigen zunehmend Globalisierungstendenzen.

Das hat den Vorteil, dass deutsche Unternehmen nicht nur von im Inland erwirtschafteten Gewinnen profitieren, sondern sich auch an konjunkturellen Aufschwungphasen in anderen Ländern oder Kontinenten beteiligen können. Außerdem sind die Möglichkeiten der Aktiengesellschaften durch die Einführung der "SE", der europäischen Gesellschaft, deutlich erweitert worden. Die Allianz hat die Möglichkeit der Umstellung ja schon genutzt.

mm.de: Welche Rolle spielt die Politik eigentlich inzwischen für Sie als Fondsmanagerin - nur die des Gärtners, der dafür sorgt, dass die Aktien gedeihen?

Staat legt Rahmen fest

Heutzenröder: Der Staat legt die Rahmenbedingungen fest. Dementsprechend sind diese Festlegungen für alle Marktteilnehmer wichtig, sowohl im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich als auch innerhalb einzelner Asset-Klassen.

Alles andere muss der Fondsmanager im Rahmen des definierten Auftrags umsetzen. Da spielt natürlich die Erzielung einer guten oder besseren Wertentwicklung als die Konkurrenz die Hauptrolle. Und es geht auch darum, die Summe der verwaltetetn Gelder sowie die Profitabilität der Kapitalanlagegesellschaft zu erhöhen.

mm.de: Und welche Rolle spielt das Fondsvolumen? Inzwischen ist der Fondak ja gut knapp drei Milliarden Euro schwer und damit schon vergleichsweise groß und sperrig.

Heutzenröder: Da der Fondak insbesondere in den letzten zwei Jahren sein Fondsvolumen stark erhöhen konnte, haben wir Werte aus dem Small-Cap-Bereich sukzessive veräußert. Auf illiquide Titel, die von der Gewichtung innerhalb des Fonds eine untergeordnete Rolle spielen, haben wir in den letzten Jahren ganz verzichtet. Aktien aus dem MDax-Bereich spielen aber weiterhin eine mitbestimmende Rolle im Fonds. Generell sind die meisten MDax-Aktien liquide genug, um nennenswerte Anteile im Fonds darzustellen.

mm.de: In welchen Segmenten beobachten Sie die aktuell größten Chancen - im Small-Cap-Bereich oder eher bei den Klassikern?

Heutzenröder: Für den Fondak ist die Größe nicht das entscheidende Investitionsmerkmal. Die Investmentphilosophie des Fonds beruht auf einem valueorientierten Stockpicking-Ansatz. Deutsche Werte, sowohl aus dem MDax als auch aus dem Dax-Bereich werden dabei nach verschiedenen Kriterien untersucht. Insbesondere Aktien, die eine günstige Bewertung aufweisen, einen hohe Dividendenrendite zeigen und sich auch sonst substanz- und ertragsstark darstellen, kommen als Anlage in Frage.

Es sollten sich auch 2007 sowohl im MDax- als auch im Dax-Segment geeignete Kandidaten finden, die den deutschen Aktienmarkt outperformen können.