Geldanlage Emotionen rauslassen!

Bequem der Masse zu folgen, ist an der Börse ein Fehler. Das zeigte spätestens der Börseneinbruch um die Jahrtausendwende, der Deutschlands Anleger kollektiv um ihre Ersparnisse brachte. Eine vermeidbare Erfahrung, urteilen kluge Köpfe - unter anderem ein Nobelpreisträger.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Aller Wolligkeit zum Trotz - mit Schafen mag niemand etwas zu tun haben. Sie riechen manchmal etwas streng, machen monotone Geräusche und ziehen immer nur gesammelt in eine Richtung. Individuelle Suche nach neuen grünen Weiden - Fehlanzeige.

Was bei Pflanzenfressern eine gelungene Überlebensstrategie ist, funktioniert an der Börse nicht. Das zeigte auch der Einbruch von Dax  und Konsorten knapp nach der Jahrtausendwende, die den Anlegern auf breiter Front Verluste von bis zu 90 Prozent bescherten und deren Lust auf Aktien bis heute dämpfte.

Sich von solchen Gefühlen zu lösen, war daher schon immer der Wunsch der aktiven Anleger. Nur wie geht das - immerhin sind Gefühle oft kaum von rationalen Entscheidungen zu trennen. Erst der Hochschullehrer Daniel Kahneman wusste eine fundierte Antwort zu geben und schob dem Wunsch, die Börse nüchtern betrachten zu wollen, ein akademisches Fundament unter. Der Behaviorismus war geboren. Eine Denkschule, die die klassischen Fehler der Geldanlage vermeiden wollte.

"Um Marktgelegenheiten auszunutzen, muss man als Erstes die Fehler vermeiden, zu denen die menschliche Psychologie einen verleiten kann", sagt Michael Hughes, der bei J.P. Morgan das Team für westeuropäische Aktien leitet. Zu schnelles Aussteigen zum Beispiel oder zu langes Halten von Aktien. Wie im Jahr 2000. Einfach weil der Nachbar ja auch noch seine Aktien besitzt.

Fehleinschätzungen also, aber auch die Verlustaversion, die Menschen dazu treibt, eigene Börsengewinne höher zu bewerten als entsprechende Verluste. Psychologisch bedingt ist auch die Unfähigkeit, in längeren Zyklen zu denken. Das führt dazu, als Entscheidungskriterium zum Kauf eines Wertpapiers regelmäßig nur die Wertentwicklung der Vergangenheit zu nutzen.

Problematische Praxis

Problematische Praxis

Solche Fehler zu vermeiden, ist in der Theorie eine treffliche Idee. In der Praxis indes "haben die wenigsten es geschafft, das wirklich umzusetzen", räumt Patrick Hussy ein. Er verwaltet für die Deka einen Fonds, der sich auf diese Denkschule stützt.

Deka, J.P. Morgan oder auch die Luxemburger LGT sind einige der wenigen Fondsanbieter, die sich mit diesem Ansatz näher beschäftigen - warum so wenige? "Erst 2002 wurde der Nobelpreis an Kahneman verliehen und erst seitdem ist diese Schule wirklich bekannt geworden. Und so ein Modell in der Praxis umzusetzen, ist dann noch mal eine andere Herausforderung, die Zeit benötigt", so Hussy.

Bei J. P. Morgan gibt man sich weniger selbstkritisch. "Alle unsere Produkte sind erfolgreich, wenn man die Wertentwicklung zugrunde legt und das ist es auch, was so bemerkenswert an diesem Anlageprozess ist", sagt Hughes. Doch so ganz einfach ist es nicht, sich von seinen Gefühlen auf dem Börsenparkett zu trennen.

Optimistisch, aber nicht zu optimistisch

"Nehmen wir die aktuelle Situation. Da scheint der Himmel schon sehr blau zu sein. Die Börsen steigen, und die Leute sind optimistisch." Ist das also schon die Falle, in die wir bereits 2000 getappt sind? Sicherlich nicht, so Hussy. Denn viele Privatanleger seien dieses Mal ja nicht dabei. Entwarnung also von der Seite. Doch der Blick auf die Aktienkurse ist erst der Anfang des Pflichtenhefts, das die Behavioristen abarbeiten müssen.

Zumindest im Falle der Deka. Für J.P. Morgan ist der Börsenkurs aussagekräftiger Ausfluss des Anlegerverhaltens. Hussy nimmt es da schon etwas genauer. "Die Basis unserer Überlegungen sind der Preis der Aktie, also der Kurs an der Börse. Denn der bündelt ja das Anlegerinteresse. Dazu kommen aber auch die Marktposition sowie die Marktstimmung. Die Marktposition zeigt uns, wo der Anleger tatsächlich investiert ist."

Um die Marktstimmung zu beurteilen, nutzen Manager wie Hussy den Sentix. "Das ist ein aggregierter Index, der die Stimmung unter den Anlegern misst. Sehen wir, dass die Stimmung impulsiv ansteigt, ist das ein Zeichen dafür, dass die Hausse in den Köpfen vieler Anleger nun angekommen ist. Das bedeutet jedoch nicht automatisch das Ende einer Aufwärtsbewegung. Das Herdenverhalten der Anleger bildet vielmehr einen Trend aus. Diesen Trend analysieren wir kontinuierlich, um entweder auch einzusteigen oder um wieder auszusteigen."

Das kann durchaus mit der breiten Masse der Anleger geschehen - aber eben gezielt und nicht notwendigerweise. Asymmetrie, das ist das Schlagwort, mit dem Finanzexperten die Kernfähigkeit der Geldanlage bezeichnen. Einfacher gesagt, sollen Kurssteigerungen mitgenommen und Kursverluste vermieden werden.

Von den Profis profitieren

Von den Profis profitieren

Probleme kann es dabei immer wieder geben. Zum Beispiel im Fall der kognitiven Dissonanz. So gelehrig bezeichnen die Behavioristen den Effekt, dass Menschen anders handeln als sie es ankündigen. Sie erkennen also, dass sie aus bestimmten Aktien aussteigen sollten, wollen das auch - aber lassen es dann doch bleiben.

Mehr als mit normal verwalteten Konkurrenzprodukten lässt sich mit dieser Strategie nicht erwirtschaften - nein, mehr abwerfen soll sie auch gar nicht. "Wir verfolgen in diesem Produkt eine Total-Return-Orientierung, die versucht, in jeder Marktphase aussichtsreiche Einzeltitel zu finden," so Hussy. Wie die Produkte sich allerdings in der Realität schlagen, ist aktuell schwer zu sagen - es gibt nur eine Handvoll davon auf dem Markt und die auch nur seit vergleichsweise kurzer Zeit.

Zumindest lässt sich aber von den Anhängern dieser Schule einiges lernen. Antizyklisch zu investieren - oder dem "contrarian style" zu folgen, wie sich es etwas technischer sagen lässt. Oder auch Gewinne laufen zu lassen. Tipps, die eigentlich etwas zu einfach klingen, um dafür einen Nobelpreis zu bekommen. Aber Tipps, die den Anleger davor schützen, wie ein Schaf seinem Schicksal entgegenzutrotten. Im Gegensatz zur Börse ist das nämlich tatsächlich vorhersagbar.