Bioinvestments Neues Agrar-Zeitalter

Erst die Internetwelle, dann der Solarboom, jetzt der Biotrend: An Deutschlands Börse streben Unternehmen, die zum Beispiel Sprit aus Pflanzen herstellen. Löblich und auch lukrativ für die Firmen. Allerdings nicht immer für die Anleger.
Von Arne Gottschalck und Karsten Stumm

Hamburg - Deutschlands Börse brummt. Die Kurse der bedeutendsten Aktien der Republik erreichen Jahresrekordwerte und der Frankfurter Aktienleitindex Dax  notiert auf so hohem Niveau, wie seit dem Jahr 2001 nicht mehr. Der Aufschwung ist so kräftig, dass längst nicht mehr nur Anleger versuchen, daran zu verdienen. Auch die Unternehmer hierzulande wittern ihr Geschäft: Derzeit planen Woche für Woche bis zu drei Firmen ihr Börsendebüt. 2006 wird es deshalb wohl so viele Börsengänge geben, wie während des Jahrhundertbörsenbooms im Jahr 2000 - mindestens.

Einen kräftigen Anteil daran haben die neuen Börsenstars. Die Anbieter von Biokraftstoffen erleben ihre erste große Blüte, Umsätze und Gewinne der Firmen steigen deutlich. Zuletzt meldete zum Beispiel Cropenergies blendende Geschäfte, eine Beteiligungsgesellschaft des Südzucker-Konzerns . Vergleichsweise gut lief es auch für die Biosprithersteller Verbio  oder die Biodieselanbieter Biopetrol Industries  und EOP Biodiesel . Eigentlich kein Wunder.

Die Unternehmen profitieren von ihren Investitionen in der Vergangenheit. Auf Feldern und in den Wäldern wachsen inzwischen so viele geeignete Pflanzen, dass sie daraus ein Viertel des gesamten Kraftstoffbedarfs Deutschlands destillieren könnten, hat die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe errechnet, die im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums arbeitet.

"Diese Biokraftstoffe haben den großen Vorteil, dass sie mit den heutigen Benzin- und Dieselsorten mischbar sind. Zudem können sie mit der existierenden Raffinerie- und Tankstelleninfrastruktur rasch in den Markt eingeführt werden", sagt Arthur Hoffmann, Senior Portfoliomanager des Schweizer Bankhauses Sarasin. Und für jeden Liter ihres Produkts zahlen nicht nur die Käufer Bares, sondern auch Bund, Länder und selbst die Europäische Union.

Denn der Staat versucht die junge Branche mit millionenschweren Subventionen aus Steuergeldern zu päppeln. Die Finanzhilfen summieren sich derzeit auf gut 40 Cent pro Liter, dabei kostet etwa die Biodieselproduktion auf Rapsölbasis gerade einmal elf Cent pro Liter mehr, hat die Beratungsgesellschaft Meó Consulting ermittelt.

So können die Biodieselanbieter ihren Kraftstoff locker um durchschnittlich zehn Cent je Liter günstiger anbieten als die etablierte Erdölkonkurrenz - und an diesem Preis von 98 Cent pro Liter noch immer komfortabel verdienen. Ein gewaltiger Wettbewerbsvorteil, der die Kassen der Agrarenergiefirmen füllt.

Auch die Zukunftsaussichten der Unternehmen scheinen gesichert. Ölkonzerne und Tankstellen sollen nach dem Willen der Bundesregierung ihr Biospritangebot bis zum Jahr 2015 auf einen Kraftstoffanteil von 8 Prozent ausweiten müssen, in der Bundesrepublik kommen Biokraftstoffe aktuell gerade einmal auf einen Marktanteil von 4 Prozent. Doch die Bereitschaft zum Wandel ist gerade hierzulande groß. "In Deutschland nutzen die ersten Unternehmen sogar schon reinen Biodiesel als Treibstoff für ihre Lastwagenflotten", sagt Sarasin-Experte Hoffmann.

Wenn der Ölpreis fällt ...

Fällt der Ölpreis, sinkt der Biosprit-Elan

Dennoch schießen die Kurse der Biosprit-Börsenneulinge bisher nicht so in die Höhe, wie es Investoren bei dem vorherigen Börsentrendinvestment erlebten, den Solaraktien. Die Südzucker-Tochter Cropenergies beispielsweise musste ihre Aktien zuletzt billiger abgeben als geplant. Und bis heute notieren sie mit einem Preis von 7,30 Euro je Cropenergies-Anteilschein noch immer deutlich unter ihrem ohnehin schon reduzierten Ausgabepreis von acht Euro.

Auch der Bioenergieanbieter Verbio musste vor wenigen Tagen noch Abstriche von seinem angepeilten Aktienverkaufspreis machen. Die Anleger schlugen erst zum Preis von 14,50 Euro zu, Verbio hatte zuvor 17 Euro gefordert.

Das hat mehrere Gründe. Vor allem Privatanleger halten offenbar nicht viel davon, schon zum Börsendebüt Aktien eines Unternehmens zu kaufen. "Unsere Oktober-Umfrage hat zwar ergeben, dass die Stimmung für die Börsenneulinge nicht so schlecht ist wie im August. Doch die Anleger sind noch immer sehr skeptisch. Das gilt auch für institutionelle Investoren", sagt Manfred Hübner, Geschäftsführer der Firma Sentix Behavioral Indices, die Monat für Monat die Anlagestimmung unter privaten und professionellen Investoren für neue Börsenunternehmen misst.

Von denen zeigten zuletzt vor allem britische und amerikanische Großinvestoren den Biospritunternehmen die kalte Schulter. Zu viele Bioenergiefirmen rissen sich zuletzt um das Geld der Anleger, im Tausch gegen Aktien ihrer Gesellschaften. Jetzt haben sowohl Ethanolhersteller wie Cropenergies und Verbio als auch Biodieselfirmen wie Biopetrol Industries, EOP Biodiesel und Gate oder Anlagenbauer wie BDI Biodiesel Probleme, institutionelle Investoren für sich zu gewinnen.

Zugleich haben manche Geldgeber ein wenig den Glauben an die neuen Börsenstars verloren. Denn schon scheint es den Unternehmen ans Geld zu gehen. Die Staatshilfen für die Bio-Stars sollen offenbar Schritt für Schritt zurückgeschraubt werden. Biodiesel wird in Deutschland beispielsweise seit dem 1. August mit neun Cent pro Liter besteuert - das ist genau das Gegenteil einer Subvention.

Zudem läuft das Geschäft der Biospritfirmen nur solange blendend, wie der Preis für konventionelle Energie wie Erdöl hoch ist. Genau der sinkt aber gerade: Amerikanisches Leichtöl ist derzeit für rund 60 Dollar das 159-Liter-Fass zu haben, nahezu 20 Dollar weniger als vor einigen Wochen dafür zu zahlen waren.

Mehr Fabriken als nötig

Mehr Fabriken als nötig

Das ist zwar im historischen Vergleich noch immer viel, und langfristig garantiert solch ein Ölpreisniveau den Bioenergiefirmen durchaus eine gute Zukunft, glauben Experten. Doch der aktuelle Ölpreisrückgang fällt ausgerechnet in die Zeit, in der immer mehr Bioenergiefirmen an die Börse drängen - um ihre Produktion mit dem Geld aus dem Börsengang ausbauen zu können. Und schon drohen Überkapazitäten.

Für den Benzinersatz aus Getreide oder Zuckerrohr beispielsweise werden hierzulande offenbar schon heute keine weiteren Fabriken mehr gebraucht. Die fünf deutschen Biospritfirmen haben bereits Mühe, ihre Jahresproduktion von 600 Millionen Litern Sprit loszuwerden; nicht alle Autos verkraften den Stoff.

Trotzdem gehen bis Ende nächsten Jahres noch vier weitere solcher Anlagen in der Bundesrepublik in Betrieb. Allein die Kapazität zur Produktion von Bioethanol in Deutschland wird somit im Laufe weniger Monate um 50 Prozent steigen.

Und noch müssen die Firmen an ihren Fabrikationsmethoden feilen, um richtig groß in das Treibstoffgeschäft einsteigen zu können - und das Agrargeschäft somit endgültig zum Energiegeschäft zu machen.

"Bevor nicht neue technologische Entwicklungen eine bessere Ausbeute der Biomasse ermöglichen, sehen wir für den umwelt- und sozialverträglichen Einsatz von Biokraftstoffen in der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten eine Grenze von rund 5 Prozent des derzeitigen Benzin- und Dieselverbrauchs", sagt Sarasin-Portfoliomanager Hoffmann.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.