Dax-Geflüster Die Überfluss-Gesellschaft

Jeden Tag kommen neue Indizes auf den Markt - doch die wenigsten werden gebraucht. Das räumen auch Börsenprofis ein. Denn an der Bewertung der einzelnen Aktien ändert die Überinformation keinen Deut. Und neue Erkenntnisse liefern sie auch nicht.
Von Karsten Stumm und Arne Gottschalck

Hamburg - Indizes sind eine feine Sache. Ihr Verlauf zeigt die Marktentwicklung eines unübersichtlichen Börsensegments auf einen Blick, Geldhäuser können immer neue Wertpapiere basierend darauf zum Kauf anbieten und Heerscharen emsiger Statistiker müssen die Börsenbarometer immer wieder der aktuellen Marktlage anpassen. Heute ist es wieder so weit: Der Dax Global BRIC wird aktualisiert.

Der was? Dax Global BRIC. Der Index bildet die Stimmung an den Börsen Brasiliens, Russlands, Indiens und Chinas ab, von abkürzungsbegeisterten Investmentbankern gern BRIC-Länder genannt. Doch was hat Deutschlands Dax  damit zu tun? Direkt nichts, sagt sogar die Deutsche Börse , die den Index erst im Juni aus der Taufe gehoben hat.

Dennoch ergänzen die Frankfurter damit ihre ohnehin beeindruckende Liste vorhandener Indizes. Gleich 2015 davon hat die Deutsche Börse derzeit im Angebot, 295 spiegeln die Kursentwicklung ausgewählter Aktien wider, 1720 die bestimmter Anleihen - aufgesplittet unter anderem in Auswahl-, Strategie-, All-Share-, Volatilitäts- oder Customized Indizes. Zum Vergleich: Silvester 2002 verfügten die Frankfurter noch über 1373 Börsenbarometer. Der Zuwachs entspricht einem Plus von mehr als 45 Prozent in nicht einmal drei Jahren.

Grund für den Boom ist nicht nur der Einfallsreichtum emsiger Statistiker. Geldhäuser weltweit nutzen die Börsenbarometer mehr und mehr, um sie als Grundlage für immer neue Finanzprodukte wie Fonds, Futures, Optionen oder Zertifikate zu verwenden. "Als Basiswert für Finanzprodukte ermöglicht unser Dax-BRIC-Index deshalb Anlegern auch die Partizipation an den Wachstumsmöglichkeiten der BRIC-Länder", sagt eine Sprecherin der Deutschen Börse.

Das ist sicher fair. Aber warum dafür Deutschlands größte Börse sorgen muss, wird nicht klar. Wie hoch die Lizenzgebühren sind, die die Deutsche Börse den Geldhäusern für die Nutzung ihrer Indizes in Rechnung stellt, wollte ein anderer Sprecher vorsichtshalber auch nicht sagen.

Profianleger sind von vielen der neuen Indexkreationen ohnehin nicht überzeugt: "Vielleicht braucht Marketing Deutschland diese Indizes, um neue Produkte zu verkaufen. Für mich als Europa-Investor gibt es nur Stoxx 600 oder den MSCI Europe - vielleicht noch den Stoxx Growth. Über andere Indizes würden meine institutionellen Investoren nur schmunzeln", sagt Anko Beldsnijder, Fondsmanager bei Mainfirst. Privatanleger können mittlerweile selbst das nicht mehr. Um den Erfolg ihrer eigenen Geldanlage auf einen Blick mit der Entwicklung des Marktdurchschnitts vergleichen zu können, müssten sie plötzlich zu Experten für Indexzusammenstellungen werden.

Die Welt im Rausch der Indizes

Die Welt im Rausch der Indizes

Findige Fondsgesellschaften wissen die Lage bereits für sich auszunutzen. Sie stellen die Wertentwicklung ihrer Fonds gern jenen möglichen Vergleichsindizes gegenüber, die in einem bestimmten Zeitraum niedrigere Wertzuwächse als ihr eigener Fonds aufweisen. Das macht sich in der Reklame gut. Schließlich zeigen die Gesellschaften so, dass ihre Fondsmanager die Verwaltungsgebühr auch wert sind, die Anleger für ihre Geldanlage Jahr für Jahr an die Investmentgesellschaften überweisen.

Großanleger lassen solche Spielchen allerdings nicht mit sich machen. "Wenn ein Fondsmanager plötzlich seinen Vergleichsindex wechselt, fragen wir schon sehr genau nach, warum das der Fall ist", sagt der Portfoliomanager einer großen deutschen Pensionskasse. "Sollten dann auch noch Gewinnbeteiligungen für die angeblich überdurchschnittlich gute Geldanlage erhoben werden, ist das Unternehmen bei uns erst einmal unten durch."

In manchen Fällen allerdings macht der Indexwechsel durchaus Sinn. Osteuropäische Aktienfonds beispielsweise leiden nicht selten darunter, dass mehr und mehr Unternehmen des jeweiligen Landes plötzlich vom Kurszettel verschwinden, beispielsweise, weil sie von einem größeren westlichen Konzern gekauft worden sind. Gibt es irgendwann nicht mehr genug Auswahl für die Millionen Euro schweren Fonds, müssen sie ihr Anlagegebiet gezwungenermaßen erweitern - und dann oftmals auch ihren Vergleichsindex wechseln.

Den Umfassendsten wollen jetzt Chinas Statistiker zusammenbasteln. Ihr geplanter "Glücksindex" soll, so weiß es das chinesische Fernsehen, nicht nur das Einkommen der Menschen, sondern auch deren Lebensbedingungen sowie deren Umwelt erfassen. "Der Glücksindex wird auch die Meinung einfacher Leute hinsichtlich ihrer Lebensumstände wie zum Beispiel ihr Beschäftigungsverhältnis, staatliche Sozialfürsorge oder ihre natürliche Umwelt berücksichtigen", sagt Qiu Xiaohua stolz, der Chef des chinesischen Statistikamtes. "Je zufriedener die Menschen mit ihrem Leben sind, desto höher fällt der Index aus." Ähnlich also wie an deutschen Börsen - je höher der Index steht, umso glücklicher sind die Menschen.

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