Sonntag, 18. August 2019

Thilenius-Kolumne Gewinne in der Konsolidierung

Viele Stahl-Aktien haben den größten Teil ihrer Kursgewinne wohl hinter sich. Der Boom der Branche geht zu Ende, die Firmen müssen sich langsam auf ruhigere Geschäfte einrichten. Und Anleger darauf, ihre Titel bald zu verkaufen.

Die Stahlindustrie ist ein zyklisches Geschäft. Deren Zyklus erreicht in diesen Monaten oder spätestens im nächsten Jahr seinen Höhepunkt. Deshalb sollten Stahlwerte mit wenigen Ausnahmen jetzt in der Nähe des zyklischen Tops verkauft werden. Das gilt beispielsweise für Besitzer von Mittal- und Arcelor-Aktien. Der indische Konzern hält nach einer erbitterten Übernahmeschlacht jetzt fast 92 Prozent der Arcelor-Titel, ihr Kurs ist kräftig gestiegen. Besser wird es für die Aktionäre nicht.

Mittal: Stahlproduktion auf hohem Niveau, Arcelor-Übernahme geglückt. Anleger sollten sich jetzt von ihren Mittal-Anteilsscheinen trennen, sagen Experten
Das gilt auch für Anleger, die Thyssen-Krupp-Titel im Depot haben. Denn der Kurs ihres Investments hat dieses Jahr bereits um 50 Prozent zugelegt. Und bei diesem Wert folgten sowohl in den 1980er Jahren als auch in den 1990er Jahren ausgedehnte Seitwärtsbewegungen derartigen parabolischen Kursverläufen.

Aber keine Regel ohne Ausnahme. Dazu gehören Unternehmen, die gefragte Nischenprodukte herstellen. So ist etwa in der Ölindustrie seit über 20 Jahren nichts mehr investiert worden. Allenfalls Instandhaltung wurde noch betrieben. Denn die bis Anfang der 1980er Jahre aufgebauten Kapazitäten bei Pipelines, Pumpstationen und Raffinerien reichten bis vor kurzem bestens aus – allerdings nur bis vor kurzem.

Der starke Anstieg des Ölpreises seit drei Jahren geht nicht etwa darauf zurück, dass kein Öl mehr im Boden wäre. Im Gegenteil, die Reserven reichen noch viel weiter, als Pessimisten vermuten. Das Problem ist die Förderung und der Transport, und hier kommen die Pipelinebauer ins Spiel.

Jahrelang interessierte sich niemand für deren Produkte, Kapazitäten schmolzen ab. Fast genau in dem Moment, als der Ölpreis mit zehn Dollar pro Barrell im Jahr 1998 seinen Tiefpunkt erreichte, wurde der damals führende Pipelineproduzent Mannesmann zerschlagen und in eine Telefongesellschaft umgemodelt. Die Folgen sind bekannt.

Zu den wenigen Überlebenden im Pipelinebau gehört die französische Vallourec. Nicht, dass der Ölboom unbemerkt an der Aktie vorbeigegangen wäre. Ihr Wert hat sich seit dreieinhalb Jahren um das Dreizehnfache erhöht. Dennoch liegt das Kurs-/Gewinnverhältnis dieses Wertes bei günstigen 10, bezogen auf die erwarteten Gewinne der Firma für das Jahr 2007. Und der Ölboom dürfte unter Schwankungen noch etwa fünf bis zehn Jahre anhalten. Vallourec gehört als Mitglied eines sehr kleinen Oligopols zu dessen großen Gewinnern.

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