Renteninformation Aufmachen und lesen!

Haben Sie schon in den Briefkasten geschaut? Da könnte womöglich "Ihre Renteninformation" liegen. Es tröstet Sie vermutlich wenig, dass auch Millionen andere Menschen beim Anblick des Kuverts ein übles Gefühl beschleicht. Doch es nützt nichts: Aufmachen und lesen!

Hamburg - Etwas verspätet, aber sie kommt - unaufgefordert, ganz automatisch. 42 Millionen Mal verschickt die Deutsche Rentenversicherung (DRV) in diesen Wochen "Ihre Renteninformation". Den Brief in der Hand, blitzen die jüngsten Schlagzeilen wieder auf: "Nullrunden bis 2016", "Rente steigt nie wieder", "Beiträge klettern erneut". Plötzlich stellt sich ein bedrückendes Gefühl ein - unaufgefordert, ganz automatisch. Aufmachen oder Ablage?

Es nützt nichts, aufmachen und lesen! Nur wer seine Ansprüche kennt, kann die spätere "Versorgungslücke" zwischen Erwerbseinkommen und Rente einschätzen und besser für das Alter planen.

Waren die Renteninformationen in der Vergangenheit wegen ihrer optimistischen Prognosen von Experten immer wieder scharf kritisiert worden, finden sich in diesem Jahr immerhin auch anerkennende Worte. "Mittlerweile haben sie für den Bürger einen höheren Wert, sie sind besser geworden", sagt Rentenexperte Bernd Katzenstein vom Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA) im Gespräch mit manager-magazin.de.

Im vergangenen Jahr hatte die Deutsche Rentenversicherung in ihren Prognoserechnungen der Renteninformation noch eine jährliche Steigerung der Altersbezüge von 1,5 beziehungsweise 2,5 Prozent unterstellt. Jetzt sind es jeweils 0,5 Prozentpunkte weniger. Der Grund für die erneute und übrigens nicht erste Senkung: Die Renten sind an die Lohnentwicklung gekoppelt, und die Löhne steigen deutlich langsamer als lange Zeit unterstellt.

Trugschluss und Realität

"Die Rentenprognosen sind nicht mehr so abenteuerlich hoch wie früher und nähern sich damit der Realität an", erkennt Katzenstein an. Gleichwohl warnt der Experte: "Das ist aus heutiger Sicht immer noch zu hoch. Denn wir werden Nullrunden bis weit ins nächste Jahrzehnt sehen."

Kritik erntet die nachgebesserte Renteninformation ebenso in der Finanzwirtschaft. Zwar sei sie eine "wichtige Grundlage für die Planung einer zusätzlichen Altersvorsorge", heißt es bei MLP. Gleichwohl suggerierten auch die gesenkten Prognosen, dass man in Zukunft noch mit Rentensteigerungen rechnen könne, moniert MLP-Sprecher Jan Berg im Gespräch.

Darauf sollte sich der Versicherte aber nicht verlassen. Seit Jahren warnen Forscher wie der Ökonom Meinhard Miegel oder der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen vor diesem Trugschluss und erklären die gesetzliche Rente insbesondere für die jüngere Generation mittlerweile zum Verlustgeschäft. Katzenstein und Berg raten daher, sich an der ebenfalls in der DRV-Information aufgemachten Rechnung zu orientieren, die eine Steigerung der Rentenbezüge ausschließt.

Brutto ist nicht gleich netto

Brutto ist nicht gleich netto

Eine realistische Einschätzung darüber, was der heute Erwerbstätige später im Ruhestand unter dem Strich übrig hat, liefern die neuen Renteninformationen damit aber noch lange nicht. Zum einen unterliegen Rentenzahlungen seit der Einführung des Alterseinkünftegesetzes der nachgelagerten Besteuerung. Zum anderen müssen auch Rentner Beiträge an die Krankenkasse und zur Pflegeversicherung zahlen. In der Renteninformation finden sich zwar Hinweise darauf, sie bleiben aber abstrakt und gehen in die Prognoserechnung nicht ein. "Die Netto-Realität bildet man mit dieser Information nicht ab", kritisiert DIA-Sprecher Katzenstein.

Wie die Realität aussehen könnte, dazu ein Rechenbeispiel: Ein heute 40-Jähriger geht im Jahr 2031 in den Ruhestand und erhält hoch gerechnet 1500 Euro Rente. Die optimistische Annahme vorausgesetzt, der anteilige Krankenkassenbeitrag (7,2 Prozent) und der Beitrag zur Pflegeversicherung (1,7 Prozent) bleiben bis dahin stabil, verminderte sich die Rente dann um 134 Euro. Da im Jahr 2031 rund 91 Prozent der Bezüge steuerpflichtig sind, gingen bei einem unterstellten Steuersatz von 11 Prozent weitere 150 Euro ab. Unter dem Strich blieben damit von 1500 Euro lediglich 1216 Euro.

Inflation als Kaufkraftkiller

Darüber hinaus wird vor allem die Inflation weiter an der Rente nagen. Immerhin weist die Deutsche Rentenversicherung in den Bescheiden jetzt endlich auf diese Gefahr hin, scheut sich jedoch weiter, die Preissteigerung in die Prognoserechnung einzubeziehen. "Der Ansatz ist positiv, befördert aber nach wie vor eine Illusion darüber, was eine Rente im Ruhestand wirklich wert ist", sagt DIA-Sprecher Katzenstein. Wie viele andere Experten auch, plädiert er dafür, eine durchschnittliche Inflationsrate in der Prognoserechnung der Renteninformation zu verankern.

Dabei können sich bereits vergleichsweise geringe Inflationsraten beim späteren Rentenbezug als wahrer Kaufkraftkiller erweisen. Legt man das erklärte Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) einer durchschnittlichen Preissteigerungsrate von 2 Prozent zugrunde, entspricht die im Beispiel errechnete Nettorente von 1216 Euro im Jahr 2031 lediglich nur noch einer Kaufkraft von 741 Euro. Ohne weitere Einnahmen aus privater Altersvorsorge würde der Beispiel-Rentner damit zum Sozialfall.

Sicher, diese Rechnung folgt bestimmten Annahmen, die nicht zwingend so eintreten müssen. Doch glaubt man Ökonomen und Rentenexperten, bleibt die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf lange Zeit hoch. Verschärfend wird die niedrige Geburtenrate immer weniger Beitragszahler hervorbringen. Zugleich dürften die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung eher steigen als fallen. Darüber hinaus ist auch nicht auszuschließen, dass Rentner irgendwann einmal ihre Krankenkassenbeiträge komplett selbst bezahlen müssen.

Was die Rechnung noch verschweigt

Verdrängen hilft nicht weiter

Noch einen weiteren Aspekt vernachlässigen die jetzt zugestellten Renteninformationen. Die Prognoserechnungen der Deutschen Rentenversicherung unterstellen ein Renteneintrittsalter von 65 Jahren. Nach den Plänen der großen Koalition folgt ab 2012 der schrittweise Einstieg in die Rente mit 67. Auch eine Nachfolgeregierung dürfte an dieser allgemein erkannten Notwendigkeit kaum vorbeikommen.

Wer trotzdem mit 65 aus dem Berufsleben ausscheiden möchte, verzichtet damit auf bis zu 7,2 Prozent seiner Altersbezüge, rechnet MLP-Sprecher Berg vor. Für den Ruheständler in besagter Beispielrechnung würde sich damit die Nettorente um weitere 88 Euro auf 1129 Euro verringern.

Beunruhigende Perspektiven also. Doch man kann es nur wiederholen: Aufmachen und lesen! Wer sich für seine Rentenansprüche nicht interessiert, kann nicht sinnvoll vorsorgen. Verdrängen hilft da nicht weiter, mahnen Experten. Noch aber bleiben sie weitgehend ungehört: Nach einer Allensbach-Studie hat bislang etwa jeder dritte der heute 25- bis 60-jährigen Bundesbürger ausgerechnet, wie viel Geld er im Alter in etwa zur Verfügung haben wird ...

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