Geldanlage Zonenrandförderung

Wenige Kilometer vor der deutschen Grenze freuen sich Städte über eine ungewohnte Geldspritze – allerdings auf österreichischer Seite. Mehr und mehr deutsche Banken eröffnen dort Zweigstellen, weil ihre deutsche Kundschaft ihr Geld über die Grenze schaffen möchte. Koste es, was es wolle.

Hamburg - Seit das Bankgeheimnis vor genau einem Jahr in Deutschland eingeschränkt worden ist, reisen ihm immer mehr Bürger mit ihrem Ersparten in andere Länder. Nach Österreich vor allem, denn dorthin reicht der Arm des deutschen Fiskus nicht.

Der Wunsch vieler Sparer nach mehr Verschwiegenheit hat in den vergangenen Monaten vor allem bayerische Kreditinstitute auf Trab gebracht: Einige Geldhäuser gingen kurzerhand mit ihrer Kundschaft nach Österreich und eröffneten Filialen gleich hinter der Grenze. So verloren sie nicht gleich alle deutschen Kapitalflüchtlinge an die österreichischen Konkurrenz. Denn auch deutsche Banken dürfen ihren alten Kunden in ihren neuen Depandancen Geschäfte nach dem österreichischen Bankgeheimnis anbieten - und das ist umfassender als die entsprechenden deutschen Regeln.

Die alte Verbindung zwischen deutschem Kunde und deutscher Bank darf beispielsweise geheim geführt werden. Deutschlands Wirtschaftsflüchtlinge haben zudem die Möglichkeit, ihre Guthaben auf den neuen Konten bei den Österreichfilialen ihrer Bank anonym zu versteuern.

Das Bollwerk gegen neugierige Behördenanfragen habe Erfolg, betont Stephan Götzl, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern. Gleich zwei Volks- und Raiffeisenbanken aus seinem Verband hatten sich im Mai 2005 in Salzburg und Braunau mit Filialen niedergelassen. Weitere Mitglieder hätten "konkrete Überlegungen", ebenfalls über der Grenze aktiv zu werden, sagte Götzl. "Wir müssen schauen, dass wir das Geld bei uns behalten."

Seit 1. April 2005 gilt in Deutschland: Behörden dürfen jederzeit die schätzungsweise 500 Millionen Bankverbindungen der etwa 60 Millionen Bankkunden abfragen, auch auf Verdacht. Die tatsächlichen Ersparnisse und Kapitalerträge werden damit so transparent wie nie zuvor. Steuersündern und Sozialbetrügern will man so besser auf die Schliche kommen. Zur Datenabfrage berechtigt sind unter anderem Sozialamt, Familienkasse, Arbeitsagenturen, Bafög-Stelle, Jugendamt oder Amt für Wohnungsförderung.

Speziell bei deutschen Durchschnittsverdienern sei die Festung Österreich beliebt, berichtet Götzl: "Von unseren Kunden sind es vor allem die jungen Menschen um die 20, 25, die offensichtlich wegen Hartz IV Gelder in Sicherheit bringen wollen, sowie Mittfünfziger, die offenbar Angst davor haben, was der Staat noch mit ihrem Geld vor hat." Der Finanzmanager legt Wert darauf, dass diese Kunden versteuertes Geld auf einem Konto in Österreich deponierten, "kein Schwarzgeld".

Nach Angaben Götzls flossen in den vergangenen 14 Monaten mindestens 434 Millionen Euro ins Ausland ab - und das allein von den Konten bayerischer Kreditgenossenschaften. "Die wahre Dimension der Kapitalflucht dürfte um ein Vielfaches größer sein", klagt der Experte. Er fordert deshalb eine andere Lösung, und zwar zusammen mit anderen Finanzfachleuten wie beispielsweise Karl Heinz Däke, Präsident des Bundes der Steuerzahler. Beide fordern die Einführung einer pauschalen Abgeltungssteuer in Deutschland. Damit werde Steuerhinterziehung praktisch unmöglich und die Kontenabfrage überflüssig.

Steuerberater Wawro hält ein Auslandskonto allerdings für eine "Gratwanderung", deren Risiken man sich bewusst werden solle. Wer Geld nach Österreich, Luxemburg oder in die Schweiz transferiere, dürfe nie versäumen, entsprechende Erträge in seiner Steuererklärung daheim offen zu legen. "Solange ich alles deklariere, alles sauber und nachvollziehbar ist, ist steuerlich alles okay", betont der Fachmann.

Außerdem sollten Interessenten nicht außer Acht lassen, dass sie auf ihre Zinsgewinne in Österreich im Lauf der Jahre immer mehr Quellensteuer berappen müssten. Die Banken ziehen momentan automatisch 15 Prozent ab, ab 2008 schon 25 Prozent und ab 2011 sollen es schließlich 35 Prozent sein. Die Quellensteuer wird pauschal an das Heimatland des Anlegers überwiesen, der Kunde bleibt anonym.

Wer die Absicht habe, mit Hilfe des Auslandskontos zu tricksen, Ungereimtheiten zu verbergen oder sich etwa vor Unterhaltszahlungen drücken zu wollen, solle sich vorsehen, warnt Wawro. Der deutsche Fiskus kann etwa eine Kontenauflösung bis zu drei Jahre zurückverfolgen. "Das ist kein empfehlenswertes Modell", winkt auch Dieter Ondraczek ab, Vorsitzender der Deutschen Steuergewerkschaft.

"Ich kann die Banken nur warnen, bei Steuerhinterziehungen im Ausland behilflich zu sein." Irgendwann fliege alles auf. "Es gibt keinen Grund, sein Konto nach Österreich zu verlegen. Es sei denn, man ist Schwarzgeldbesitzer oder Sozialbetrüger."

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