Dax-Geflüster In der Zinsfalle

Sparen – wozu? Die US-Bürger haben ihren Konsum in der Vergangenheit auf Pump und mit Hilfe steigender Immobilienpreise finanziert. Das wird zum Problem, wenn die Zinsen steigen und der Immobilienboom zu Ende geht. Für Dow und Dax sind die Zinserhöhungen der Fed daher riskanter, als viele meinen.

Andrew Holliman ist zuversichtlich. Das gehört zu seinem Job, schließlich verwaltet der Mann für seine Kunden Aktien im Wert von 1,5 Milliarden Dollar. Sähe der Fondsmanager des "Threadneedle America Fund" schwarz für die Entwicklung der US-Wirtschaft, er müsste sich langfristig einen neuen Job suchen.

Die Zinserhöhungen der US-Notenbank kommentiert Holliman daher gelassen: Selbst ein Zinsniveau von 5,5 Prozent wäre "kein ernsthaftes Problem" für die Märkte.

Kein Problem? Sollte man meinen, wenn man auf die robuste US-Konjunktur schaut. Die Wirtschaftsleistung dürfte im ersten Quartal um rund 4 Prozent wachsen (Prognose für Deutschland: 1,5 Prozent), die Arbeitslosenquote liegt unter 5 Prozent (Deutschland: 12 Prozent). Hinzu kommt: Im Gegensatz zu den knauserigen Deutschen kaufen die US-Bürger ein, als gäbe es kein Morgen. 70 Prozent des US-BIP sind vom privaten Konsum, also vom unverdrossenen Powershopping abhängig.

US-Powershopper gegen deutsche Sparhansel

Genau dort beginnen die Schwierigkeiten, denn die US-Konsumenten sind noch viel zuversichtlicher als Fondsmanager Holliman. Nörgler würden sagen: Sie sind blauäugig. Denn die durchschnittliche Sparquote der US-Bürger ist seit Monaten negativ, die vereinigten Powershopper geben also kontinuierlich mehr Geld aus, als sie haben.

Das funktioniert prächtig, so lange die Zinsen niedrig sind und man auf Grund des steigenden Wertes seines Eigenheims immer neue Kredite aufnehmen kann. Da die Preise für Einfamilienhäuser seit dem Jahr 2000 um durchschnittlich 58 Prozent gestiegen sind, konnten Eigenheimbesitzer Geld mit vollen Händen ausgeben: Höhere Sicherheiten erhöhen den Kreditrahmen, und besonders in Regionen wie Kalifornien, Washington D.C. oder Florida hatten Häuslebauer allen Grund, sich reich zu fühlen. Dort haben sich die Preise für Eigenheime jeweils mehr als verdoppelt (siehe Grafik).

Die deutschen Sparhansel können von einer solchen Entwicklung nur träumen. In Deutschland sind die realen Durchschnittseinkommen seit 2000 sogar gesunken, was Ökonomen anerkennend als "deutsches Lohnwunder" bezeichnen. Dennoch legt der Deutsche, verschreckt durch den offensichtlichen Kollaps des gesetzlichen Rentensystems, Geld zurück: "Angstsparen", heißt das tadelnd in der Sprache der Volkswirte, denn es lähmt die Binnenkonjunktur.

Warum nicht mal so beherzt Einkaufen gehen wie unsere Freunde in Amerika? Dort brummt die Konjunktur, dort stimmt die Binnennachfrage, dort sind die Einkommen seit dem Jahr 2000 um mehr als 20 Prozent gestiegen, dort steigen die Häuserpreise, dort steigt, nun ja, auch die Verschuldung.

Bernanke tut richtig weh

Bernanke tut richtig weh

Doch nun kommt Ben Bernanke, und Bernanke tut richtig weh. Der neue Chef der US-Notenbank hat wenig Zweifel daran gelassen, dass die Zinsen in den USA in diesem Jahr wohl noch auf mindestens 5 Prozent steigen werden. Damit steigt die Zinsbelastung für all diejenigen, die Kreditverträge mit variabler Zinsbindung abgeschlossen haben. Gleichzeitig machen steigende Zinsen eine Immobilienfinanzierung weniger attraktiv: Die Zahl der Neubaugenehmigungen in den USA sind, ebenso wie Hauspreise, im Februar 2006 bereits zurückgegangen.

Platzt die US-Immobilienblase, haben viele US-Bürger ein Problem. Sie können erstens ihren großzügigen Kreditrahmen nicht mehr mit dem gesunkenen Wert ihrer Immobilie besichern und müssen zweitens auf Grund höherer Zinsen mehr Geld für den Schuldendienst aufbringen.

Das bedeutet bei einer Sparquote von Null weniger Geld für den Konsum, und das ist für die US-Wirtschaft ein gewaltiges Problem.

Ein Rückgang des privaten Konsums in den USA wird mit hoher Wahrscheinlichkeit sowohl die Aktienmärkte in den USA als auch im Rest der Welt belasten. Wer argumentiert, die US-Märkte hätten nach Jahren der Underperformance gegenüber Europa und Asien nun einen Teil ihrer stolzen Bewertung abgebaut und wieder viel Luft nach oben, übersieht zwei Dinge: Die US-Börsen dürften kaum eine Rally am Aktienmarkt anführen, wenn der heimischen Konjunktur die wichtigste Stütze fehlt.

Kaum kalkulierbares Dollarrisiko

Der Dow Jones  wurde zwar in den vergangenen Jahren vom japanischen Nikkei  und deutschen Dax  um Längen abgehängt, notiert mit rund 11.200 Zählern aber nur rund 4 Prozent unter seinem im Frühjahr 2000 erreichten Allzeithoch. Der marktbreitere S&P 500 Index  hat bis zum Hoch noch 15 Prozent aufzuholen. Gute Voraussetzungen für eine Rally am US-Aktienmarkt sehen anders aus.

In den USA wird nicht nur der private Konsum zum Risikofaktor. Das Land schiebt ein Leistungsbilanzdefizit in Höhe von mehr als 700 Milliarden US-Dollar vor sich her und muss sich täglich rund sechs Milliarden Dollar vom Rest der Welt borgen, um das Defizit sowie die eigenen Investitionen zu finanzieren. Um das Defizit in den Griff zu bekommen, müsste der Dollar kräftig abwerten: Da Zeitpunkt, Tempo und Ausmaß unklar sind, besteht für die Weltwirtschaft ein kaum kalkulierbares Dollarrisiko.

Höhere Zinsen in den USA ziehen außerdem Geld aus den hoch gelobten Schwellenländern ab. Wenn Anleihen in den USA schrittweise besser verzinst werden, steigt für viele institutionelle Anleger die Versuchung, nach der Aktienrally in Ländern wie Brasilien, Indien, China oder Osteuropa Gewinne vom Tisch zu nehmen und wieder im sicheren Hafen anzulegen. Wer beispielsweise Geld in den osteuropäischen oder türkischen Aktienmarkt investiert hat, musste im März bereits deftige Kursverluste hinnehmen.

Der Dax  hat sichtlich Mühe, trotz kräftig steigender Unternehmensgewinne die Marke von 6000 Punkten zu überwinden. Auch in der Eurozone dürften die Zinsen bald weiter steigen, damit gewinnen Anleihen im Vergleich zu Aktien wieder an Attraktivität. Wer oberhalb der 6000-Punkte-Grenze weiterhin in Aktien investieren will, sollte schon an eine Fortsetzung des amerikanischen Konsumwunders glauben. Den US-Konsumenten fällt es allerdings immer schwerer, ihren Kaufrausch auf Pump auszuleben.

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