MDax Flucht in die Nebenwerte

Der MDax ist inzwischen höher bewertet als der Dax, zeigt sich aber weniger verwundbar: Nebenwerte scheinen die bessere Wahl zu sein, wenn die Konjunktur abkühlt und die Nervosität an den Weltmärkten steigt.

Am vergangenen Donnerstag, kurz nach der Zinserhöhung durch die EZB, war es wieder so weit. Der Dax , gerüttelt von Inflations- und Zinssorgen der Anleger, gab binnen Minuten knapp zwei Prozent ab. Der Nebenwerteindex MDax  zuckelte mit stark gebremster Nervosität nebenher, ein Minus von gerade einmal 0,6 Prozent.

Das gleiche Phänomen zum Wochenschluss: Dax minus 1,1 Prozent, MDax plus 1,1 Prozent. Während Blue-Chip-Anleger hektisch werden, herrscht bei Midcap-Investoren Gelassenheit.

Die Coolness in der zweiten Reihe ist umso bemerkenswerter, weil im MDax deutlich höhere Gewinne mitzunehmen wären. Seit dem Jahr 2000 hat der Index der 50 wichtigsten deutschen Nebenwerte den Eliteindex Dax 30 regelmäßig hinter sich gelassen.

Während der Dax im vergangenen Jahr um erfreuliche 27 Prozent zulegte, kletterte der MDax um stolze 36 Prozent. Nebenwerte aus der zweiten Reihe wie Salzgitter  oder Vivacon  stiegen in den vergangenen zwölf Monaten jeweils um mehr als 200 Prozent und ließen Dax-Champions wie Deutsche Börse  oder Continental  weit, weit hinter sich.

Den Aktiencrash verpasst

Wer in mittelgroße deutsche Unternehmen investiert war, hat den Aktiencrash der Jahre 2001 und 2002 glatt verpasst. Seit Frühjahr 2001 hat der MDax  um rund 60 Prozent zugelegt - wer im Frühjahr 2001 ein Dax-Zertifikat kaufte, liegt trotz mittlerweile rund dreijähriger Aufholjagd noch immer rund zehn Prozent im Minus.

Und wer sich, in irgendeinem hellsichtigen, glücklichen Moment des Jahres 2001, gar den MDax-Wert Puma  für rund 15 Euro ins Depot gelegt hat, kommt bei einem aktuellen Kurswert von rund 300 Euro heute auf einen Gewinn von ... lassen wir das.

Bleiben mittelgroße Werte auch in diesem Jahr die bessere Wahl? Steigen ihre Kurse weiterhin stärker als die der 30 Dax-Konzerne, die viel stärker im medialen Rampenlicht stehen? Und bleibt es bei dem Phänomen, dass Nebenwerte auch in Schwächephasen ihre zuvor erzielten Kursgewinne zögerlicher abgeben, sich also sprintstärker und gleichzeitig stabiler zeigen?

Sprintstark, stabil und hoch bewertet

Sprintstark, stabil und hoch bewertet

Analysten warnen seit Monaten. Der MDax ist mit einem durchschnittlichen KGV von 18 inzwischen deutlich höher bewertet als der Dax, für den Investoren nur das 13-fache der aktuell erzielten Unternehmensgewinne bezahlen müssen.

Der Dax 30 hat gegenüber anderen europäischen Leitindizes wie auch gegenüber dem eigenen Höchststand aus dem Jahr 2000 noch immer etwas aufzuholen, während der MDax seit 2004 wie an der Schnur gezogen in immer neue Höhen vorstößt.

Doch es gibt Gründe, dem scheinbar teuren MDax  treu zu bleiben. "Der MDax verdient seine höhere Bewertung, weil die Gewinne der dort notierten Unternehmen im Durchschnitt schneller wachsen als die Gewinne der Dax-Unternehmen", sagt Volker Borghoff, Leiter der Aktienstrategie bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Wenn Gewinne schneller steigen als die Kurse, sinkt das KGV: Der MDax wird auch nach drei Jahren Kursrally nicht teurer.

Die Globalisierung und die Nischen

Das wichtigste Argument der MDax-Fans: Mittelgroße Unternehmen profitieren inzwischen stärker von der Globalisierung als große Konzerne. Sie sind zudem besser vor Rückschlägen geschützt, da sie zwar weltweit, aber dennoch in Marktnischen agieren.

"In den 90er Jahren zählten die Großen zu den Globalisierungsgewinnern", sagt Borghoff. "Inzwischen sind Konzerne aber einem starken Konkurrenz- und Kostendruck ausgesetzt. Gleichzeitig haben mittlere Unternehmen eine Qualitätsauslese hinter sich. Viele sind weltweit in Nischenpositionen sehr gut aufgestellt und haben beste Voraussetzungen, um aus eigener Kraft zu wachsen."

Windgeschützt in Spätphase des Aufschwungs

Windgeschützt in Spätphase des Aufschwungs

Ein Spezialchemieunternehmen oder ein Anlagenbauer, die eine bestimmte Nische erfolgreich besetzen, hätten den Preisdruck der internationalen Konkurrenz oder konjunkturelle Schwankungen weniger zu fürchten als Großkonzerne. "Kleine und mittlere Unternehmen sind weniger stark von Konjunkturzyklen abhängig", sagt Borghoff. "Damit sind sie auch dann die bessere Wahl, wenn sich das weltweite Wirtschaftswachstum wieder verlangsamt".

Die geringere Liquidität im Markt, die bei einzelnen Nebenwerten zu größeren Kursschwankungen führt, ist nach Ansicht des HSBC-Experten ein tragbares Risiko. Inzwischen fließe mehr Geld in Nebenwerte, weil Fondsmanager aus aller Welt verstärkt auf "Stockpicking" setzen und verstärkt in Nischenbereichen investieren. "Auch im SDax nimmt die Liquidität zu. Damit werden auch Werte aus der dritten Reihe interessanter", sagt Borghoff. Weiterer Pluspunkt sei der hohe Streubesitz vieler Small- und Midcaps: Profitable Nebenwerte mit hohem Streubesitzanteil schüren Übernahmephantasien - mit positiven Auswirkungen auf den Aktienkurs.

Während des jüngsten Aufschwungs haben MDax-Werte den Dax klar hinter sich gelassen. Aufgrund ihres nischenbedingten Risikopuffers sind die Chancen groß, dass Nebenwerte auch in einer wirtschaftlichen Abschwungphase weniger Federn lassen als Blue Chips. In der aktuellen Spätphase des globalen Wirtschaftsaufschwungs, so Borghoff, seien Nebenwerte die bessere Wahl: "Wer jetzt noch investieren will, sollte eher in die zweite und dritte Reihe schauen."

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