Islamic Banking Rendite ohne Zinsen

Weltweit wächst die Nachfrage nach Anlageprodukten, die den strengen Grundsätzen des Korans folgen. Große Finanzhäuser, darunter auch deutsche Anbieter, wittern ein Milliardengeschäft. manager-magazin.de sagt, wie die Islam-konformen Investments funktionieren.
Von Lutz Knappmann

Hamburg - Die Finanzszene horchte auf, als die Commerzbank-Investmenttochter Cominvest im Frühjahr 2000 einen Aktienfonds mit dem exotischen Namen Al Sukoor auf den Markt brachte. Zum ersten Mal vertrieb eine Bank in Deutschland damit einen Fonds, der sich an islamischen Grundsätzen orientierte.

Ein Experiment mit Potenzial: Immerhin rund 3,5 Millionen Muslime leben hier zu Lande, die Mehrheit von ihnen ist türkischer Herkunft. Anlageprodukte, die sich nach strengen islamischen Glaubensregeln richten, waren in Deutschland bis dahin nicht zu bekommen. "Vielfach legen die gläubigen Muslime ihr Geld bei der Sparkasse vor Ort an, teilweise investieren sie es in Immobilien in ihren Heimatländern", sagt Michael Saleh Gassner, Experte für Islamic Banking in Köln im Gespräch mit manager-magazin.de.

Studien ergaben, dass die türkischen Arbeitnehmer in Deutschland eine beinahe doppelt so hohe Sparquote aufweisen wie ihre deutschen Kollegen. Experten schätzen ihre jährliche Sparleistung auf rund 1,5 Milliarden Euro.

Strenggläubigen Muslimen bleiben viele Formen der Geldanlage verwehrt, die im klassischen Bankgeschäft gang und gäbe sind. Der Koran verbietet es, Zinsen einzunehmen oder zu bezahlen. Instrumente wie Sparbücher, Festgeld, Anleihen oder Kredite und Hypotheken sind damit ausgeschlossen. Lassen sich Zinsen gar nicht vermeiden, sollen sie für wohltätige Zwecke gespendet werden.

Auch Versicherungen widersprechen den Glaubensgrundsätzen. Sie gelten als "Wette gegen den göttlichen Willen" und als "Spiel mit dem Risiko". Islam-konforme Versicherungen sind deshalb vielfach nach dem Prinzip genossenschaftlicher Versicherungsvereine gestaltet und schütten ihre Gewinne gleichmäßig aus.

Die Geldanlage in Aktien und Aktienfonds ist hingegen sehr beliebt. Der Koran erlaubt alle Erträge, die auf einem Handel oder einer Investition in ein bestimmtes Produkt basieren. "Nach dem Prinzip der Gewinn- und Verlustteilung sind Anlagen in Aktien nach islamischen Grundsätzen sehr gern gesehen, weil sich der Anleger am unternehmerischen Risiko beteiligt", erklärt Stefan Kirsch, Chefstratege im internationalen Private Wealth Management der Deutschen Bank  in Zürich.

Strenge Kriterien bei der Produktwahl

Strenge Kriterien bei der Produktwahl

Dabei ist allerdings eine Reihe von Branchen ausgeschlossen. Steht ein Unternehmen in Verbindung mit Produkten wie Alkohol, Tabak, Schweinefleisch, Rüstung, Pornografie oder Glücksspiel, ist es für Anleger tabu. Auch Fluggesellschaften und Hotelketten sind dabei häufig mit einem Bann belegt, da sie ihren Gästen Alkohol ausschenken.

Erwirtschaften Unternehmen einen großen Teil ihrer Gewinne aus Zinsen, fallen sie ebenfalls aus dem Anlageuniversum heraus. "Wir beobachten allerdings, dass die Regeln nicht mehr ganz so streng ausgelegt werden, und der tatsächliche Zweck des jeweiligen Unternehmens in den Mittelpunkt rückt", sagt Deutsche-Bank-Experte Kirsch.

Ein weiteres K.o.-Kriterium bei der Auswahl ist der Verschuldungsgrad des Unternehmens, der ein Drittel der Marktkapitalisierung nicht übersteigen darf. Deshalb waren islamische Investoren vom Platzen der Internetblase und vom Zusammenbruch großer Technologiekonzerne wie Worldcom nicht so stark betroffen wie viele westliche Anleger. Die großen Koran-konformen Fonds hatten diese Werte angesichts hoher Schuldenstände längst aus dem Portfolio geworfen - oder gar nicht erst aufgenommen.

Rund 270 Milliarden Dollar investiert

Den strengen Auswahlkriterien Islam-konformer Geldanlage folgte auch der Al Sukoor Fonds. Doch das Experiment der Commerzbank scheiterte. Ende 2005, mehr als fünf Jahre nach dem Start, betrug das Anlagevolumen gerade einmal vier Millionen Euro. Um einen Fonds ansatzweise rentabel zu betreiben, gelten 20 Millionen Euro in der Branche als absolutes Minimum. Anfang Januar machte Cominvest den Fonds dicht.

Die Anleger in Deutschland wendeten sich von Themenfonds, wie es auch der Al Sukoor gewesen sei, seit längerem ab, lautet die Erklärung der Cominvest. Das Angebot floppte wohl auch, weil viele in Deutschland lebende Muslime die islamischen Glaubensgrundsätze längst nicht mehr so streng sehen, wie es im Nahen Osten häufig noch der Fall ist. "Am Ende ist es aber auch eine Marketingfrage", unken zudem Branchenkenner. Und Gassner präzisiert, es sei für das Angebot schlicht "keine konsequente Werbung betrieben" worden.

Das große Geschäft mit Islam-konformer Geldanlage machen die großen Finanzhäuser vor allem im arabischen Raum. Rund 270 Milliarden Dollar sind weltweit in den vergangenen Jahren in diese Produkte geflossen, die jährlichen Wachstumsraten lagen häufig bei 20 Prozent oder mehr. Und der hohe Ölpreis beschert den Banken einen steten Strom frischen Geldes.

Islamisch orientierte Aktienportfolios standen dabei mit ihrer Performance den großen Leitindizes in nichts nach. Der 1999 eingeführte Aktienindex Dow Jones Islamic Market kletterte in den vergangenen drei Jahren um mehr als 65 Prozent. Allein seit Jahresbeginn legte er fast 6 Prozent zu.

Sachsen-Anhalts arabische Millionen

Prüfung durch islamische Rechtsgelehrte

In den vergangenen zehn Jahren haben nach und nach immer mehr Finanzhäuser Koran-konforme Produkte auf den Markt geworfen. Zu den Vorreitern zählte die Citigroup , die 1996 eine Filiale in Bahrein eröffnete. Ihr folgten später HSBC, ABN Amro , Société Générale  und eine Reihe weiterer Häuser. Gab es 1999 weltweit noch rund ein Dutzend Islam-Fonds, sind es inzwischen gut 150. Erst vor wenigen Wochen startete die Allianz  in Indonesien, dem bevölkerungsreichsten islamischen Land der Welt, ein Versicherungsangebot mit dem Namen "Allianz Scharia".

Doch noch immer liegt der Marktanteil islamischer Anlageprodukte auch im arabischen Raum nur bei rund 20 Prozent. "Der Anteil könnte durchaus auf 50 Prozent oder mehr steigen, wenn die Kunden bei den Angeboten keine Kompromisse bei Rendite und Risiko eingehen müssen", erwartet Deutsche-Bank-Stratege Kirsch. Allerdings rechnet er nicht damit, viel neues Geld anzulocken. "Ich erwarte eher, dass wir einen Wechsel aus anderen Anlageformen erleben werden", so Kirsch.

Vor allem mit Anlagezertifikaten, will die Deutsche Bank von diesem Wachstum profitieren und ihre Produktpalette bis zum Jahresende von fünf auf mehr als 20 Angebote ausbauen. Jedes dieser Produkte muss von islamischen Rechtsgelehrten in so genannten Scharia-Boards zertifiziert werden, bevor es in den Vertrieb gehen kann. Die Zielgruppe haben die Banker allerdings klar eingegrenzt. "Wir bieten diese Produkte vor allem unseren vermögenden Privatkunden im Mittleren Osten und in Asien an", so Kirsch. Und ganz ausdrücklich nicht in Deutschland.

Sachsen-Anhalts arabische Millionen

"Eine islamisch korrekte Sparform für kurz- und mittelfristige Vorhaben existiert nicht", klagt Experte Gassner in einem Aufsatz. "Wir haben einen großen Markt, der noch nicht adäquat bedient wird." In Frage kommt für Anleger in Deutschland derzeit noch der Noriba Global Equity Fonds  der UBS.

Derweil haben in Deutschland vollkommen neue Anbietergruppen die Möglichkeit entdeckt, mit Hilfe des Islamic Financing das wachsende Vermögen in den arabischen Staaten anzuzapfen: Im Sommer 2004 legte das Bundesland Sachsen-Anhalt eine Koran-konforme Anleihe auf, um den klammen Haushalt mit arabischen Millionen aufzumöbeln. Nötig war dafür eine komplizierte Konstruktion, die vor allem dem Fiskus sauer aufgestoßen sein dürfte.

Die Landesregierung übertrug eine Reihe von Immobilien an eine neu gegründete Stiftung. Diese finanzierte den Deal mit Hilfe einer Anleihe, die - ganz nach den Regeln des Korans - statt Zinsen die Mieteinnahmen an die Anleger ausschütten soll. Besonderer Clou der Konstruktion: Die landeseigene Stiftung hat ihren Sitz in den Niederlanden - um Steuern zu sparen.

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