Europa Unterschätzte Erfolge

Europas Unternehmen haben restrukturiert und Kosten gesenkt. Längst haben die Aktienmärkte das mit steigenden Kursen honoriert. Finanzexperten sind für die europäische Wirtschaft weiter optimistisch – und sehen besonders Deutschland als Wachstumsmotor.
Von Lutz Knappmann

Hamburg - Dass Selbstbild und Außenwahrnehmung in Deutschland bisweilen weit auseinanderklaffen, ist nichts Neues. So viel Lob dürfte aber auch manchen Berufsoptimisten überraschen: "Deutschland könnte zu einem Zugpferd in Europa werden", sagt Jim O'Neill, Chefvolkswirt bei Goldman Sachs , gegenüber manager-magazin.de. "Es überrascht mich immer wieder, wie sehr die Restrukturierungserfolge der Unternehmen in Deutschland unterbewertet werden."

Zumindest am Aktienmarkt ist diese Botschaft mittlerweile angekommen. Immerhin 28 Prozent machte der Dax  im vergangenen Jahr gut - und lag damit über dem europäischen Schnitt. Der EuroStoxx  legte 2005 um gut 21 Prozent zu.

"Die deutschen Zahlen sind fundamental besser als die europäischen", konstatiert Vermögensverwalter Jens Ehrhardt gegenüber manager-magazin.de. "Deutschland hat einen Exportüberschuss von 160 Milliarden Euro. Die anderen europäischen Staaten sind da mehr oder weniger in den roten Zahlen." Europas wirtschaftliche Entwicklung hänge stark an der guten deutschen Exportleistung. "Sie wuchs zuletzt zeitweise um rund 8 Prozent. Das ist ein Wachstum wie in China", so Ehrhardt. Angesichts solcher Zahlen werde sich Deutschland im laufenden Jahr erst recht besser entwickeln als das europäische Mittel.

"Generell profitiert ganz Europa von der Verbesserung der Kostenstruktur in den Unternehmen", so Ehrhardt. "In Deutschland ist das aber am stärksten zu spüren." Und das wirkt sich spürbar auf die Stimmung in den Unternehmen aus. "Die Indizes für das Geschäftsklima in Deutschland sind derzeit die besten in ganz Europa", sagt Goldman-Sachs-Volkswirt O'Neill. "Es gibt strukturelle Veränderungen, einen besseren Arbeitsmarkt - und so kehren Wettbewerbsfähigkeit und Vertrauen zurück."

Die Wachstumsprognosen für Deutschland und Europa liegen dabei allerdings nicht allzu weit auseinander. Die meisten Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen für Deutschland in diesem Jahr mit einem Konjunkturplus von 1,4 bis 2,0 Prozent. Die Konsensschätzungen für Euroland liegen bei rund 1,9 Prozent. "Derzeit deutet vieles darauf hin, dass das Wachstum in ganz Europa sogar noch über den Vorhersagen liegen könnte", sagt O'Neill. "Das ist durchaus überraschend, denn die Binnennachfrage ist in vielen Ländern noch schwach."

Gewinnwachstum schwächt sich ab

Gewinnwachstum schwächt sich ab

Vor allem für die konsumabhängigen Branchen sind die Finanzexperten in ihren Erwartungen daher zurückhaltend. Zwar rechnet Goldman Sachs branchenübergreifend mit einem durchschnittlichen Anstieg des Nettogewinns um 7,4 Prozent. Allerdings haben sich schon 2005 nach Berechnungen der Investmentbank die Gewinne in der Lebensmittel- oder Haushaltsgüterbranche, aber auch bei Autokonzernen und im Einzelhandel deutlich schlechter entwickelt als beispielsweise in der Schwerindustrie oder bei Elektronikherstellern. Entsprechend empfehlen die Banker derzeit die Schwergewichte in der Industrie und dem Infrastruktursektor.

Die Prognose für das durchschnittliche Gewinnwachstum liegt allerdings deutlich unter den Zahlen des vergangenen Jahres. Nach den gewaltigen Zuwächsen in 2005 bietet diese Aussicht aber noch keinen Grund zur Sorge. "Wir sind in Europa die preiswerteste Börse und auch im internationalen Vergleich recht günstig bewertet - sowohl auf der Ertragsseite, sondern auch auf der Substanzseite", sagt Fondsmanager Ehrhardt. Zum Teil läge das Kurs/Gewinn-Verhältnis großer Unternehmen bei 10. "Denn die Gewinne sind 2005 genauso rasant gestiegen wie die Kurse."

Einen Dämpfer durch Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank erwarten die Experten nicht. "Die EZB wird die Zinsen nur moderat anheben, solange das Wachstum nicht stärker anzieht", sagt O'Neill. Er rechnet auf Jahressicht mit einem Zinsanstieg auf allenfalls 2,75 Prozent - also 0,5 Punkte mehr als bislang. Und Fondsmanager Ehrhardt bestätigt diese Einschätzung: "Auch 2006 sind die meisten Zinsprognosen wohl wieder zu negativ." Die Menschen erwarteten zu sehr steigende Zinsen, die dann doch nicht kämen. "Erst wenn die kurzfristigen Zinsen höher sind als die langfristigen Zinsen, hätte das eine bremsende Wirkung", so Ehrhardt.

Risikofreudige Anleger richten ihren Blick schon seit einiger Zeit verstärkt in Richtung Osteuropa. Denn die aufstrebenden Volkswirtschaften der neuen EU-Mitgliedsstaaten versprechen satte Renditen. "Bei Finanzwerten ist das Wachstum dort beispielsweise sehr gut", sagt Ehrhardt. "Die Menschen hatten dort bislang kaum Schulden - und entdecken erst allmählich Hypotheken und Konsumkredite. Das Wachstumspotenzial im Finanzbereich ist also groß."

Doch anders als in Westeuropa ist auch das Risiko dort ungleich größer. "In Osteuropa sind einige Fonds sehr stark investiert, es gibt also sehr viel Geld in diesen engen Märkten", warnt Ehrhardt. "Wenn die mal schnell aussteigen müssen, dann stürzen die Kurse schon allein wegen der Marktenge ab - ohne Rücksicht auf die fundamentalen Daten."

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