USA Banger Blick nach Übersee

Die USA avancieren zum Sorgenkind der Weltwirtschaft. Hohe Verschuldung, überhitzte Immobilienpreise und eine schwache Börsenentwicklung schüren die Angst vor einem Crash. Dabei haben viele US-Konzerne zuletzt prächtig verdient – und werden das auch 2006 tun.
Von Lutz Knappmann

Hamburg - Wirklich alarmierend ist eine Warnung erst, wenn sie sich wie ein roter Faden durch viele Vorhersagen zieht: "Einen entscheidenden Dämpfer für die Entwicklung könnte ein bevorstehender Einbruch der US-Konjunktur verursachen", lautet ein zuletzt stetig wiederkehrendes Zitat.

Und es ist dabei nahezu egal, ob sich die Zitierten zu den Wachstumsaussichten in Asien oder Europa, in Japan oder Deutschland äußern. Immer wieder blicken die Finanzexperten in die USA. Die größte Volkswirtschaft der Welt, so scheint es, ist zum unkalkulierbaren Risiko für die globalisierte Weltwirtschaft geworden.

Die Zahlen sind in der Tat beklemmend: Einem Wachstum von immerhin 3,6 Prozent stand im vergangenen Jahr ein gewaltiges Ungleichgewicht gegenüber: Rekordstände beim US-Haushaltsdefizit - 2004 lag es bei fast 413 Milliarden Dollar, 2005 sank es immerhin etwas auf 318 Milliarden Dollar. Ein gewaltiges Handelsbilanzdefizit und eine Sparquote, die im Jahresschnitt bei minus 0,4 Prozent, im dritten Quartal gar bei minus 1,4 Prozent lag. Die Vereinigten Staaten wachsen auf Pump. Verbraucher und Staat geben weit mehr Geld aus als sie einnehmen. Der Schuldenberg wächst.

"Das Wachstum der US-Konsumausgaben hat das Einkommenswachstum überholt", konstatierte die Wall-Street-Legende Abby Joseph Cohen bei einer Strategiekonferenz in Frankfurt. "Das gab es zuletzt während der Börsenblase zwischen 1998 und 2000." Angesichts der kreditfinanzierten Hausse an den US-Immobilienmärkten unken Börsianer, die Internetblase der zu Ende gehenden 90er Jahre sei durch eine Immobilienblase ersetzt worden - deren Platzen globale Folgen haben könnte.

Aber wann platzt sie?

Erste Anzeichen der Abkühlung

Erste Anzeichen der Abkühlung

"Es hängt sehr von Bernard Bernanke, dem neuen Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ab", sagt der Vermögensverwalter Jens Ehrhardt gegenüber manager-magazin.de. "Wenn er die Zinsen noch etwas hoch setzt, etwa auf 5 Prozent oder höher, dann bekommen die Häuslebauer in Amerika allmählich Probleme." Die Konsumentenverschuldung, die unter der Niedrigzinspolitik von Bernankes Vorgänger Alan Greenspan enorm gewachsen ist, wackelt, wenn die Zinsen steigen. "Dann wird es ausgehend von Amerika an den internationalen Börsen deutlich unangenehmer werden", so Ehrhardt.

Denn platzt die Immobilienfinanzierung, bleibt den US-Verbrauchern immer weniger Geld für den Konsum. "Schon im Jahresverlauf könnte sich ein deutlicher Rückgang der US-Konsumgüterkonjunktur entwickeln", warnt der Fondsmanager. "Die Amerikaner verkonsumieren rund 20 Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Wenn das mal 10 Prozent runtergeht, haben sie sofort einen gewaltigen Ausfall weltweit."

Erste Zeichen der Abkühlung waren bereits festzustellen: So sank das US-Wachstum im vierten Quartal auf nur noch 1,1 Prozent. Doch ein Indikator für einen bevorstehenden Crash ist das noch nicht. Denn die großen US-Konzerne fuhren 2005 Rekordgewinne ein und schwimmen in liquiden Mitteln.

Die Experten der Investmentbank Goldman Sachs  geben sich daher weiter optimistisch. Auf rund 3,5 Prozent taxiert Abby Cohen, Chefstrategin für den US-Markt, das Wachstum im laufenden Jahr - eine minimale Abschwächung gegenüber dem Vorjahr. "Wirtschaft und Unternehmensgewinne werden 2006 weiter wachsen, allerdings weniger kräftig als 2004 und 2005", so Cohen.

"Das Wirtschaftswachstum dürfte damit die Entwicklung in anderen großen Industriestaaten erneut übertreffen", präzisiert die Finanzexpertin. "Die Gewinne der Unternehmen im S&P 500  werden durchschnittlich zwischen 5 und 10 Prozent zulegen." US-Aktien zählten damit im internationalen Vergleich weder zur Spitzengruppe noch zu den Sorgenkindern. "Wir gehen davon aus, dass das Wachstum in Asien schneller, in Europa langsamer sein wird", so Cohen.

Besonders Industrie- und IT-Unternehmen versprächen dank anhaltend großer Investitionstätigkeit starkes Wachstum. "Im Blick auf konsumabhängige Branchen sind wir allerdings vorsichtig", so Cohen.

Aktienkurse mit moderatem Plus

Aktienkurse mit moderatem Plus

Kapitalmarktexperte Ehrhardt ist da skeptischer. "Die USA sind nicht das Wachstumsland, als das sie immer gepriesen werden", so Ehrhardt. "Auch die knapp 4 Prozent Wachstum, die zuletzt publiziert wurden, sind meiner Meinung nach das Produkt einer viel zu niedrig ausgewiesenen Inflationsrate."

Entwickele sich die Konjunktur tatsächlich so gut wie ausgewiesen, müsse sich am Arbeitsmarkt mehr tun, argumentiert der Fondsmanager. Zuletzt habe der monatliche Stellenzuwachs im Schnitt bei lediglich gut 100.000 Stellen gelegen. "Früher waren es 250.000 oder 300.000 neue Stellen pro Monat, um ein normales Wachstum aufrecht zu erhalten", so Ehrhardt.

Gerade die Industrieunternehmen seien trotz des niedrigen Dollarkurses offenbar international nicht wettbewerbsfähig. "Das Leistungsbilanzdefizit ist schließlich gewaltig, es geht gegen 7 Prozent des BIP", so Ehrhardt. In Deutschland hingegen weist die Leistungsbilanz ein kräftiges Plus aus.

Die US-Aktienmärkte konnten schon 2005 nicht mit der globalen Kursentwicklung mithalten. Während der japanische Nikkei-Index  um rund 50 Prozent und der Dax  um 28 Prozent zulegte, kletterte der S&P 500  lediglich um 2,8 Prozent. Für 2006 prognostiziert Goldman-Sachs-Strategin Cohen immerhin ein Kursplus von rund 10 Prozent. "Die US-Aktien notieren derzeit unter ihrem fairen Wert", so Cohen. "Schon deshalb werden sie weiter zulegen."

Fondsmanager Ehrhardt mag Anlegern ein US-Investment dennoch nicht rückhaltlos empfehlen. "Auch die institutionellen Investoren haben Amerika derzeit untergewichtet." Wer antizyklisch investiere, so Ehrhardt, müsste zwar theoretisch nun wieder US-Titel kaufen. "Aber in anderen Ländern, beispielsweise Japan, war es immerhin 15 Jahre lang richtig, untergewichtet zu sein."

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