Japan Im Zeichen der Bulldogge

Japan erlebte im vergangenen Jahr eine Kursrally wie kaum ein zweites Land. Kein Zweifel, so schien es, dass der Trend auch 2006 anhält. Doch der Schock, den der Livedoor-Skandal auslöste, öffnete vielen Anlegern die Augen. Zwar steigen die Kurse längst wieder an, doch in die Prognosen mischt sich eine Portion Skepsis.
Von Lutz Knappmann und Rita Syre

Hamburg - Das neue Jahr begann für Tokios Börsianer mit einem Schock. Nach Wochen rasanter Kursgewinne stürzte der Nikkei-Index  binnen eines Tages um fast 3 Prozent ab. Panikartig waren die Anleger aus japanischen Aktien geflohen, so schnell dass das pannengebeutelte Handelssystem der Tokioter Börse nicht mehr standhielt. Der Handel musste vorzeitig beendet werden - ein Novum in Japans Börsengeschichte.

Der Auslöser des Kursrutsches wirkte sattsam bekannt: Gerüchte über Bilanzmanipulationen hatten den kometenhaften Aufstieg der Internetfirma Livedoor jäh gestoppt - und die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen. Der Livedoor-Skandal weckte Erinnerungen an jene windigen Internetbuden, deren hochfliegende Träume und Aktienkurse im globalen Börsenbeben des Jahres 2000 verpufft waren.

Doch die Angst vor einer Wiederholung dieses Crashszenarios war verfrüht und übertrieben. Auf seinem Pfad von Jahreshoch zu Jahreshoch ließ sich der Nikkei-Index nur kurz aufhalten. Beinahe 50 Prozent hatte er 2005 zugelegt, fast 5000 Punkte. Seit Jahresbeginn sind - trotz Livedoor-Schock - schon wieder knapp 500 Zähler dazugekommen.

Im "Jahr des Hundes" scheinen Japans Aktienmärkte ihre Rally fortzusetzen. Kathy Matsui, Japan-Strategin der Investmentbank Goldman Sachs, gab ihrer optimistischen Prognose für 2006 gar den Titel "Jahr der Bulldogge". "Wir sind weiterhin bullish für japanische Aktien", sagt Matsui. Uneingeschränkten Optimismus will die Strategin freilich nicht verbreiten. "Wir müssen angesichts der Kursentwicklung eine härtere Überzeugungsarbeit leisten."

Den marktbreiteren Topix-Index, der 2005 ebenfalls rund 50 Prozent zulegte und derzeit bei rund 1700 Punkten notiert, sieht sie zum Jahresende 2006 zumindest bei 1800 Punkten. Kein Kurssprung, aber zumindest ein deutliches Plus. "Wir werden weiterhin steigende Kurse sehen, aber mit etwas geringerer Geschwindigkeit", fasst Goldman Sachs-Chefvolkswirt Jim O'Neill die Prognose gegenüber manager-magazin.de zusammen.

Diesem Muster werden auch die Unternehmensgewinne folgen, schätzt Strategin Matsui. Sie beziffert das erwartete Gewinnwachstum auf knapp 15 Prozent - in etwa die Hälfte des Vorjahreswertes. Vor allem konjunkturabhängige Branchen und Finanztitel profitieren von Japans Wirtschaftsdynamik, erläutert die Börsenexpertin.

"20 Prozent teurer als US-Werte"

"20 Prozent teurer als US-Werte"

Mit 2,4 Prozent liegt Matsuis Wachstumsprognose für das laufende Jahr ungefähr auf dem Niveau des Vorjahres - wenn auch weit entfernt von Wachstumsszenarien chinesischen Ausmaßes. "Die Wirtschaft Japans wächst nachhaltig. Dabei spielt der Export nicht die entscheidende Rolle", so die Goldman-Sachs-Ökonomin. "Den Konjunkturmotor treibt vor allem die steigende inländische Konsumnachfrage an." Immerhin 47 Prozent steuert sie zum japanischen BIP bei.

Genau daran jedoch hegt Jens Ehrhardt, Gründer der gleichnamigen Vermögensverwaltung, Zweifel: "Der Konsum in Japan schwankt stark", so der Fondsmanager gegenüber manager-magazin.de. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Japan einen Konsumboom erlebt, denn die Löhne steigen im Schnitt nur um 0,5 Prozent." An eine dauerhafte Fortsetzung der Kursrally glaubt Ehrhardt deshalb nicht. "Klar, die Gewinne der Unternehmen steigen, aber sie sind inzwischen mindestens 20 Prozent teurer bewertet als die Wall Street."

Ehrhardts Blick wendet sich sorgenvoll nach Amerika. "Vor allem die Ausländer sind in Japan stark investiert", so der Fondsexperte. "Die Entwicklung ist stark abhängig von der Entwicklung in den USA." Mit anderen Worten: Sollten die Vereinigten Staaten eine Abkühlung der Konjunktur erleben, könnte sich das ausländische Kapital fluchtartig von Japans Märkten verabschieden. "Nicht auszuschließen, dass die Investoren irgendwann kräftig Kasse machen."

Das Übergewicht der ausländischen Investoren ist freilich nicht nur Fluch für Japans Märkte - denn im Umkehrschluss deutet es auf einen gewaltigen Nachholbedarf: Die Zurückhaltung der heimischen Anleger weicht zusehends - und eröffnet ein riesiges finanzielles Potenzial für die Kapitalmärkte. "Wenn das Aktien-Engagement japanischer Haushalte das Niveau Deutschlands erreicht, könnte umgerechnet mehr als 1 Billion Euro in den Aktienmarkt fließen", rechnet Goldman Sachs-Strategin Matsui vor. Kräftig steigende Kurse wären dann programmiert.

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.