Übernahme "Mittal schmiedet sein Meisterstück"

Der Preis ist heiß. Für 18,6 Milliarden Euro will der weltgrößte Stahlkocher Mittal Steel seinen Konkurrenten Arcelor übernehmen. Das wäre gut für ThyssenKrupp, sagen Analysten. Denn durch die Hintertür käme der Düsseldorfer Konzern doch noch zum Ziel, wenn auch teuer erkauft.

Hamburg - Die Branche der internationalen Stahlerzeuger steht vor einer Neuordnung. Und wieder ist es der indische Multimilliardär Lakshmi Mittal, der den Stein ins Rollen gebracht hat. Der Chef des britisch-niederländischen Stahlriesen Mittal Steel  tauchte am Freitag wie aus dem Nichts auf und unterbreitete dem luxemburgischen Konkurrenten Arcelor ein Übernahmeangebot von rund 18,6 Milliarden Euro.

Dabei hatte Arcelor gerade erst den deutschen Konkurrenten ThyssenKrupp  beim Bieterwettkampf um die kanadische Dofasco ausgestochen. Sollte der Deal zustande kommen, wovon Analysten ausgehen, würde der weltweit größte Stahlkocher die Nummer Zwei übernehmen und den Abstand zu den Mitbewerbern ausweiten.

"Das Angebot ist wirklich eine Überraschung, zumal Mittal Steel eigentlich genug damit zu tun haben dürfte, seine bisherigen Akquisitionen zu integrieren", erklärte Analyst Thomas Hofmann von der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) im Gespräch mit manager-magazin.de. Mittal Steel hatte im Jahr 2004 in einem Aufsehen erregenden Coup den US-Konkurrenten International Steel übernommen und damit Arcelor auf Platz zwei verdrängt.

Siegerlächeln: Lakshmi Mittal nach der Ersteigerung eines 93-Prozent-Anteils an der ukrainischen Stahlfabrik Kryvorizhstal in Kiew

Siegerlächeln: Lakshmi Mittal nach der Ersteigerung eines 93-Prozent-Anteils an der ukrainischen Stahlfabrik Kryvorizhstal in Kiew

Foto: DPA
Das teuerste Haus der Welt: Mittal residiert unter anderem in diesem Palast mit zwölf Schlafzimmern im Londoner Viertel Kensington. Kaufpreis: über 100 Millionen Euro.

Das teuerste Haus der Welt: Mittal residiert unter anderem in diesem Palast mit zwölf Schlafzimmern im Londoner Viertel Kensington. Kaufpreis: über 100 Millionen Euro.

Foto: DPA
Übernahmeziel: Ein Stahlwerk von Arcelor im französischen Hayange

Übernahmeziel: Ein Stahlwerk von Arcelor im französischen Hayange

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Glückwunsch vom Präsidenten: Mittal mit dem ukrainischen Staatschef Viktor Juschenko

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Mittals Welt
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Beeindruckt zeigte sich auch Analyst Nils Lesser vom Bankhaus Merck Finck. Mittal Steel habe in der Vergangenheit durch Zukäufe signalisiert, dass der Konzern an der sich abzeichnenden Konsolidierung des Marktes aktiv teilnehmen will. "Dass sie sich aber gleich an die Nummer Zwei im Markt wagen, hat mich schon überrascht", sagte der Experte gegenüber manager-magazin.de.

Arcelor bezeichnete am Freitagnachmittag das Angebot als "feindlich", gab aber noch keine Empfehlung an seine Aktionäre ab. Analyst Lesser ging gleichwohl davon aus, dass der Deal zustande kommen werde. "Ich sehe derzeit keinen anderen Player, der in der Lage wäre, Arcelor zu übernehmen", sagte der Analyst am Freitag im Gespräch mit manager-magazin.de.

"Mittal will sein Meisterstück schmieden"

"Offenbar will Mittal jetzt sein Meisterstück schmieden und das ganz große Rad drehen", meinte Hofmann. Mögliche kartellrechtliche Einwände gegen den angestrebten Deal sah er am Freitag nicht, zumal Mittal in Europa bislang nicht stark aufgestellt sei. Sollte die Übernahme klappen, will Lakshmi Mittal die kanadische Dofasco gleich an ThyssenKrupp  für 68 kanadische Dollar (48,39 Euro) je Aktie weiterreichen.

Mittal werde mit dem Erlös dieses Geldes den Kauf von Arcelor zum Teil finanzieren. "Und diese Lösung hat Charme", sagte Hofmann. Denn nach dem Bieterwettkampf um Dofasco sei die Aktie des kanadischen Stahlkochers vergleichsweise hoch bewertet, während der Arcelor-Kurs seinerzeit kaum gestiegen sei. Zu einem früheren Zeitpunkt hätte Mittal für Arcelor vermutlich nicht viel weniger zahlen müssen, als der Konzern nun dazu bereit ist. "Mittal bekommt Dofasco im Grunde umsonst, verkauft das Unternehmen aber relativ teuer an ThyssenKrupp weiter", führte Hofmann weiter aus.

ThyssenKrupp durch die "Hintertür" zum Ziel

"68 kanadische Dollar für Dofasco ein stolzer Preis"

Damit käme der Düsseldorfer Stahlkocher bei dem kanadischen Konkurrenten doch noch zum Zuge und würde von Rang zehn der weltgrößten Stahlproduzenten auf Rang fünf vorrücken. 68 kanadische Dollar je Dofasco-Aktie seien zwar ein "stolzer Preis", der sich aber durch die strategischen Optionen mit diesem Deal rechtfertigen ließe, sagte Hofmann.

Ähnlich positiv äußerte sich Lesser von Merck Finck. 68 kanadische Dollar seien mehr, als der Düsseldorfer Konzern zu Beginn des Bietergefechts um Dofasco für den kanadischen Stahlkocher ursprünglich zahlen wollte. Das Management habe aber zuletzt signalisiert, dass eine Übernahme zu diesem Preis das Ergebnis von ThyssenKrupp angesichts der zu erwartenden Synergie-Effekte verbessern werde. "Wir gehen davon aus, dass diese Aussagen weiter Bestand haben", sagte Lesser. HVB-Analyst Chrstian Obst erklärte laut Agenturberichten: "Das Angebot ist zwar recht hoch, da aber Dofasco gut in Nordamerika aufgestellt ist, geht das in Ordnung."

Thyssen kassiert "Ausfallgeld"

Skurriler aber positiver Nebeneffekt für ThyssenKrupp: Auf jeden Fall werde der Konzern noch das vereinbarte Ausfallgeld von 215 Millionen kanadischen Dollar für die Niederlage im Bieterwettstreit um Dofasco erhalten - und zwar von Dofasco selbst, wie ein Sprecher des Düsseldorfer Stahlkochers am Freitag erklärte. "Das ist eine schöne Nachricht und macht den Kauf für ThyssenKrupp etwas günstiger", sagte Analyst Hofmann.

LRP sieht Thyssen-Aktie als "Underperformer"

Aus fundamentaler Sicht sieht der LRP-Experte die Aktie von ThyssenKrupp derzeit als "Underperformer". Hofmann rechnet in diesem Jahr - ohne Dofasco-Übernahme - mit einem Ergebnis von rund zwei Euro je Aktie. Bei einem Kurs von 22 Euro läge das Kurs-Gewinn-Verhältnis damit etwa bei 11. "Das ist schon ein stolzes Niveau, wenn man bedenkt, dass Arcelor gestern noch ein KGV zwischen 7 und 8 aufwies".

Sollten die Märkte in den kommenden Wochen weiter die "Fusionskarte" spielen, könnte die Thyssen-Aktie gleichwohl noch auf bis zu 25 Euro steigen. Wer jetzt investiert sei, sollte den Titel daher eher halten als abstoßen und die aktuellen Kursgewinne mit einem Stop-Loss bei 20 Euro absichern.

"ThyssenKrupp wird kein Übernahmeziel"

Merck Finck stuft Thyssen-Aktie auf "Verkaufen"

Analyst Lesser bewertete die weiteren Aussichten der ThyssenKrupp-Aktie  zurückhaltender. Nach Einschätzung des Analysten werde die Konsolidierung unter den internationalen Stahlherstellern mittelfristig zwar weiter fortschreiten, dürfte aber mit den jüngsten Ereignissen ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht haben. Vor diesem Hintergrund hat Merck Finck die Titel des Düsseldorfer Stahlkonzerns am Freitag von "Halten" auf "Verkaufen" abgestuft.

Der Titel habe in den vergangenen Wochen bereits kräftig zugelegt. Nun fehle der Aktie ein wenig die Fantasie. Es sei auch eher unwahrscheinlich, dass ThyssenKrupp selbst zum Übernahmeobjekt werden könne, sagte Lesser. Mit der Krupp-Stiftung stünde ein starker Großaktionär im Hintergrund, der vermutlich gegen eine Fusion stimmen werde. Zudem sei ein Mischkonzern wie ThyssenKrupp ein weniger interessantes Übernahmeziel als "ein reinrassiger Stahlkonzern".

"Druck auf die anderen Stahlhersteller wird steigen"

Sollte der Mittal-Deal tatsächlich zustande kommen, werde nach Einschätzung von Hofmann der Konsolidierungsdruck auf die übrigen Mitbewerber steigen. Denn der neu entstehende Riese mit einer jährlichen Stahlproduktion von rund 120 Millionen Tonnen könne nun den weltweit drei führenden Erzlieferanten günstigere Konditionen für den Rohstoff abhandeln als die deutlich kleineren Stahlhersteller. Der dann weltweit zweitgrößte Stahlhersteller Nippon Steel  zum Beispiel bringt es gerade auf rund 33 Millionen Tonnen Rohstahl im Jahr, ThyssenKrupp und Dofasco zusammen auf rund 22 Millionen Tonnen.

Hofmann geht davon aus, dass der Stahlverbrauch in diesem Jahr um 4 bis 5 Prozent steigen wird. Da aber die Kapazitäten zur Stahlproduktion "deutlich stärker" anziehen dürften, rechnet der Analyst mit einem zunehmenden Preisdruck auf Stahlprodukte. Dies werde die Margen der Stahlhersteller belasten. "Von daher rechne ich im Branchenschnitt eher mit rückläufigen Ergebnissen gegenüber dem Jahr 2005", sagte Hofmann. Von einer Krise könne man angesichts der starken Nachfrage aus China und einem voraussichtlichen Weltwirtschaftswachstum von mindestens 4 Prozent nicht sprechen. "Das Rekordjahr haben wir aber hinter uns", sagte der LRP-Analyst.

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