Anlegen in Asien "Im Vergleich ist Chinas Aktienmarkt klein"

Investments in Asien brachten 2005 prächtige Renditen. Doch hält der rasante Aufwärtstrend des Kontinents an? Im Gespräch mit manager-magazin.de erklärt Timothy Moe, Asien-Chefstratege bei Goldman Sachs, in welchen Ländern er die größten Chancen sieht und warum die große Zeit für Chinas Aktienmärkte gerade erst beginnt.
Von Lutz Knappmann

mm.de:

Wenn Anleger nach aussichtsreichen Investments suchen, schwärmen sie häufig von Asien als Ganzem. Lässt sich die Entwicklung in Ländern wie China oder Indien tatsächlich auf den gesamten Kontinent übertragen?

Moe: Nein, man muss stark differenzieren. Zwar sind die Wachstumszahlen in Asien insgesamt sehr gut. Aber dahinter verbergen sich riesige Unterschiede. Nehmen Sie die Aktienmärkte: Tatsächlich haben sie sich in den einzelnen Staaten selten so unterschiedlich entwickelt wie im vergangenen Jahr. In Korea und Japan haben die Kurse rund 50 Prozent zugelegt. In Indien waren es 35 bis 38 Prozent. Viele andere Märkte haben aber nur zwischen 5 und 15 Prozent gewonnen. Investoren müssen gezielt bestimmen, wo sie investieren wollen.

mm.de: Japans Börsen wird auch für 2006 eine rasante Aufwärtsentwicklung vorausgesagt. Welche anderen asiatischen Märkte können da mithalten?

Moe: Korea beispielsweise trauen wir gute Chancen zu. Es ist eines der Länder, die wir übergewichten. Die anderen sind neben Japan auch China und Indien.

mm.de: Was macht Sie so optimistisch für diese Länder?

Moe: Für Korea haben wir schon im vergangenen Jahr vorausgesagt, dass sich der Aktienmarkt verdoppelt, weil wir ihn für stark unterbewertet hielten. Einen Teil dieser Bewegung hat er mittlerweile schon vollzogen, aber wir denken, dass noch mehr zu erwarten ist. Indien ist ebenfalls eines der Länder mit der besten langfristigen Wachstumsentwicklung auf Makro-, wie auf Mikroebene. Auch dort hat sich der Markt bereits sehr gut entwickelt. Deshalb könnte er im laufenden Jahr vielleicht etwas langsamer zulegen. Wir glauben aber, dass er weiter gut läuft. Und der chinesische Aktienmarkt rappelt sich gerade wieder auf, nachdem er eine Zeit lang eher unbeliebt war.

mm.de: China war bei Anlegern unbeliebt, trotz seines überwältigenden Wirtschaftswachstums?

Moe: Zwischen dem makroökonomischen Wachstum und der Performance am Aktienmarkt besteht nicht unbedingt ein direkter Zusammenhang. Chinas Wirtschaft ist fantastisch gewachsen. Das Plus betrug, wie die Regierung inzwischen bekannt gegeben hat, fast 10 Prozent. Aber das hat sich nicht auf die Performance der Kapitalmärkte übertragen.

"Investoren ändern Haltung zu China"

mm.de: Weshalb?

Moe: Es hat sicher damit zu tun, dass sich der Markt 2003 bereits sehr stark entwickelt hat - und dann eine Phase der Abkühlung erlebt hat. Zudem sind die Kapitalmärkte kein originalgetreues Abbild der Wirtschaft. Die chinesischen Aktien, die in Hongkong gehandelt werden, also die so genannten H-Shares oder Red Chips, haben ein deutliches Übergewicht im Telekom- und im Energiesektor.

mm.de: Für 2006 erwarten Sie wieder ein stärkeres Interesse der Anleger an chinesischen Titeln?

Moe: Unser Eindruck ist, dass die Investoren bislang sowohl gegenüber Chinas makroökonomischen Aussichten, als auch gegenüber den Chancen am Aktienmarkt negativ eingestellt waren. In den ersten Wochen des laufenden Jahres haben wir aber bereits eine spürbare Aufholbewegung der chinesischen Aktien gesehen. Die H-Aktien haben seit Jahresbeginn rund 10 Prozent gutgemacht. Das zeigt, dass die Investoren ihre Haltung gegenüber China ändern.

mm.de: Wie groß ist Chinas Aktienmarkt eigentlich?

Moe: Im Bezug auf die Red Chips liegt die Marktkapitalisierung bei rund 150 Milliarden Dollar. Der innerchinesische Markt hat derzeit eine Kapitalisierung von etwa 400 Milliarden Dollar. Verglichen mit anderen asiatischen Handelsplätzen und erst recht im Vergleich zu Europa oder den USA ist das noch wenig. Auch im Vergleich zu Chinas Inlandsprodukt, das bei 1,7 Billionen Dollar liegt, ist die Marktkapitalisierung gering. Langfristig rechnen wir mit einem kräftigen Wachstum.

mm.de: In Japan ist das Wachstum an den Kapitalmärkten vor allem auch durch ausländische Investoren getrieben. Japaner selbst investieren erst allmählich wieder daheim. Gilt das auch für das übrige Asien?

Moe: Die Verteilung zwischen ausländischen und inländischen Investoren ist in den einzelnen Staaten Asiens sehr verschieden. In Korea beispielsweise hat die Börse um 50 Prozent zugelegt, aber die Mittelzuflüsse aus dem Ausland waren per saldo sogar negativ, die Ausländer haben für acht bis neun Milliarden Dollar verkauft. Dort haben also die heimischen Investoren das Marktwachstum getrieben. In Taiwan wiederum haben sich ausländische Investoren für rund 24 Milliarden Dollar eingekauft. Doch der Markt war einer der schwächsten in Asien. Japan dagegen verdankt seine Rally vor allem den Ausländern. Die wachsende Bedeutung der einheimischen Anleger verspricht jedoch generell großes Potenzial für die Zukunft.

"Exportunternehmen könnten schwächeln"

mm.de: Goldman Sachs prognostiziert, dass China spätestens 2041, möglicherweise sogar schon früher, die größte Volkswirtschaft der Welt sein wird. Worauf sollten sich Anleger einstellen?

Moe: Um zur weltgrößten Volkswirtschaft aufzusteigen, muss China mittelfristig ein hohes Wachstumstempo vorlegen. Das wären gute Bedingungen für die Unternehmen, um Gewinne zu machen - und damit auch gute Bedingungen für Aktien. Wir können also davon ausgehen, dass die chinesischen Aktienmärkte in den kommenden 20 Jahren stark wachsen werden. Das Komplizierte ist allerdings, dass es in China dafür auch ausreichend viele und gute Unternehmen geben muss, die für Investoren erreichbar sind.

mm.de: In welchen Branchen sehen Sie denn in Asien die interessantesten Chancen?

Moe: Bei den großen asiatischen Exportunternehmen sind die Aussichten etwas unklar. Denn unsere Prognosen für das Wachstum in den USA in der zweiten Hälfte 2006 und in 2007 sind eher vorsichtig. Vor allem weil unsere US-Ökonomen befürchten, dass es dort zu einer gewissen Abkühlung der Konsumnachfrage kommen könnte, sobald sich der Immobilienmarkt etwas abzukühlen beginnt.

mm.de: Der Schwerpunkt in Asien liegt also bei Unternehmen, die sich am heimischen Markt orientieren?

Moe: Eines der Kernthemen in 2006 ist in der Tat die Binnennachfrage. Wir glauben, dass die Wachstumschancen für Unternehmen, die sich auf den Binnenmarkt konzentrieren, besser sind als für exportorientierten Firmen. Generell liegt der Schwerpunkt im heimischen Finanzsektor und im Tourismus. Kurzfristig favorisieren wir aber auch einige Technologiewerte, da wir immer noch gute Wachstumsaussichten für diesen Sektor haben.

mm.de: Ein zentrales Thema insbesondere in China ist der gewaltige Rohstoff- und Energiehunger. Drohen der Region hier Wachstumshemmnisse?

Moe: In der Versorgung mit Ressourcen und Energie sehe ich keine Wachstumsbremse. China hat selbst jede Menge Ressourcen. Und die zeitweise Stromknappheit in manchen Großstädten war vor allem ein Problem der Stromerzeugung. Dort hat China inzwischen massiv investiert. Die zusätzlichen Kapazitäten gehen allmählich in Betrieb. Deshalb sind wir auch für die Branche der Elektrizitätsausrüster inzwischen etwas weniger zuversichtlich, denn ihre Preismacht gerät allmählich unter Druck. Es sieht so aus, als ob China das Problem von Kapazitätsengpässen in der Energieversorgung sehr schnell angegangen ist.

mm.de: Aber der Ölpreis steigt beständig. Spürt Chinas Wirtschaft davon nichts?

Moe: Entscheidend ist langfristig die Frage, ob Chinas Ölhunger ein Störfaktor für die weltweite Versorgung wird. Wir sind aber der Ansicht, dass China bei der Effizienz des Ölverbrauchs große Fortschritte macht. Zudem werden mehr als 60 Prozent der Energie in China aus Kohle gewonnen, die das Land im Überfluss besitzt. Engpässe erleben wir hier allenfalls bei den Transportkapazitäten. Der Ölanteil am Energiemix ist geringer als viele Beobachter glauben.

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