RWE Wasser im Überfluss

Der Ausstieg aus dem Wassergeschäft steht beim Essener Versorger RWE 2006 im Zentrum des Interesses. Die angekündigten ersten Schritte des milliardenschweren Desinvestments regen die Fantasie der Börsianer an - und sorgen zugleich für Unsicherheiten.

Essen - Noch ist RWE  der drittgrößte Wasserkonzern der Welt. Anfang November hatte der Vorstandsvorsitzende Harry Roels aber das Scheitern der internationalen Wasserstrategie öffentlich eingestanden und angekündigt, der Konzern werde sich 2006 zunächst um die Abgabe der nordamerikanischen Wasseraktivitäten (American Water) kümmern.

"Der Wasserverkauf ist für RWE neben der Netzregulierung und den Verhandlungen um künftige CO2-Allokationen das wichtigste Thema des Jahres", meint auch WestLB-Analyst Marc Koebernick.

Roels will in diesem Zusammenhang zunächst mit Finanzinvestoren sprechen, schließt aber auch einen Börsengang nicht aus. Erst danach startet der Verkaufsprozess für den britischen Wasserbereich Thames Water.

Im Grundsatz begrüßen die Analysten diesen Schritt als "strategisch sinnvoll". Fraglich sei aber der Preis, den RWE erzielen kann. Viele Banken setzen den Wert der Wasseraktivitäten mit 15 bis 16 Milliarden Euro an. Eine solche Summe wäre aber eine Enttäuschung für den Markt, wie Experte Koebernick sagt. Er selbst hofft auf Einnahmen von 18,5 Milliarden Euro.

Eine solche Summe sei zu erzielen, wenn es einen Verkauf an Finanzinvestoren gebe, sagt der Analyst. Bei einem Börsengang müsse RWE dagegen mit einem Abschlag rechnen. Auch Stephan Wulf von Sal. Oppenheim glaubt, dass Finanzinvestoren durchaus Interesse an den Wasserunternehmen von RWE haben. Bis Mitte 2006 könne ein Käufer gefunden sein.

Sollte RWE aber tatsächlich nur einen Preis von unter 16 Milliarden Euro erzielen können, sehen Branchenbeobachter die Gefahr von Impairment-Abschreibungen. HVB-Analyst Lars Korinth hat diese in seine Berechnungen schon eingepreist - immerhin Abschreibungen in Höhe von 3,6 Milliarden Euro. Die RWE-Aktie sei daher im Augenblick auch überbewertet, meint Korinth.

"Verkaufen", rät derzeit auch die Hamburger Sparkasse. Bislang sei unklar, zu welchen neuen Ufern RWE nach dem Wasserausstieg aufbrechen werde, warnen die Analysten. Klar ist momentan nur, dass die Gelder aus dem Desinvestment das Kerngeschäft Strom und Gas stärken sollen. Branchenbeobachter erwarten zunächst vor allem kleinere und mittelgroße Akquisitionen in Osteuropa - eine der Zielregionen von RWE. Weitere Übernahmeziele in der europäischen Energiebranche sind derzeit nicht leicht zu finden - ein Problem, mit dem auch schon RWE-Konkurrent Eon  zu kämpfen hat.

Schuldengrenze nicht überschreiten

Schuldengrenze nicht überschreiten

Vorstandschef Roels hat auf jeden bereits angekündigt, bei den Schulden künftig eine Obergrenze von zehn bis zwölf Milliarden Euro nicht mehr überschreiten zu wollen. Einen Teil der Wassereinnahmen will Roels zudem über erhöhte Dividenden an die Aktionäre weiterreichen.

70 bis 80 Prozent des nachhaltigen Nettoergebnisses will RWE für die nächsten beiden Geschäftsjahre ausschütten. Ab dem Geschäftsjahr 2008 soll die Quote dann wieder auf mindestens 50 Prozent zurückgefahren werden.

Auf Grund der relativ langen Genehmigungsprozesse in den USA wird American Water wohl noch bis Jahresende 2006 in der RWE-Bilanz konsolidiert bleiben, erwarten Energieanalysten. Auf die Gewinngrößen des kommenden Jahres wird sich der Verkauf daher wohl noch nicht groß auswirken.

In einer von RWE selbst durchgeführten Konsensschätzung prognostizieren 35 Analysten für 2006 eine erneute Verbesserung des Betriebsergebnisses um durchschnittlich 12 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro und des Ergebnisses je Aktie um 15 Prozent auf dann 4,71 Euro.

Nach Ansicht von WestLB-Analyst Koebernick wird der Konzern auch 2006 vom starken Stromgeschäft in Deutschland und den Preiserhöhungen von wohl durchschnittlich 4 Prozent zum Jahreswechsel profitieren können. Tanja Markloff von der Commerzbank geht davon aus, dass RWE sogar noch in den nächsten drei Jahren die Entwicklung der Großhandelspreise auf dem deutschen Strommarkt zugute kommt.

Keine nachhaltigen Ergebniseffekte in der RWE-Bilanz werden nach Einschätzung von Oppenheim-Analyst Wulf die jüngsten Stromausfälle in Nordrhein-Westfalen hinterlassen. Wichtiger wiege da schon die künftige Regulierung des Netzgeschäfts, sagt der Energieexperte.

Die Gewinneinbußen für RWE könnten heute aber noch nicht geschätzt werden. Die Bundesnetzagentur müsse erst noch bis Mitte 2006 die Rahmenbedingungen genauer abstecken.

Von Andreas Heitker, Dow Jones Newswires

Weiter zu SAP: Mehr Mitarbeiter, mehr Gewinn


Anlagestrategie 2006: Die besten Aktien im Dax

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.