DaimlerChrysler Zetsches leise Revolution

Der Stuttgarter Automobilbauer DaimlerChrysler steht 2006 vor einem tiefen Wandel. Der neue Chef Dieter Zetsche plant die leise Revolution. Sie wird nötig sein, um zu den Besten der Branche aufzuschließen.

Stuttgart - Neujahr beginnt die neue Zeitrechnung bei DaimlerChrysler . Dann wird Dieter Zetsche das Kommando bei dem Stuttgarter Autokonzern übernehmen - und damit die Ära seines Vorgängers Jürgen Schrempp beenden. Zu Ende geht damit auch Schrempps Vision von DaimlerChrysler als weltumspannenden Automobilhersteller. Zetsche hat seine Mitarbeiter auch bereits darauf eingestellt: Sein Programm ab Januar 2006 ist knapper gehalten: "Mit weniger mehr erreichen".

Trotz oder wegen dieser Nüchternheit gilt der 52-jährige Ingenieur als Hoffungsträger des Konzerns. Und seine Aufgabe ist nach Meinung von unabhängigen Experten auch durchaus lösbar: "Die Ausrichtung des Konzerns mit den Pkw- und Nutzfahrzeugsparten sowie den Finanzdienstleistungen ergibt generell Sinn", sagt beispielsweise Stephan Droxner, Automobilanalyst bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Leichtere Änderungen an der Konzernstrategie sollten nach seiner Meinung reichen, um das schwäbische Unternehmen wieder flottzumachen.

Wie groß die Erwartungen des Finanzmarkts daran sind, lässt sich an der Kursentwicklung von DaimlerChrysler ablesen: Der Kurs der Aktie zog kurz nach der Rücktrittsankündigung von Jürgen Schrempp im Juli 2005 um mehr als 10 Prozent an - und hielt sein Niveau von gut 40 Euro bis zum Jahresende.

Zetsche hat sich bisher kaum zur künftigen Unternehmensstrategie geäußert. Welche Vorstellungen er hat, wird jedoch am Beispiel der Mercedes Car Group (MCG) deutlich, die er seit September leitet. "Unser Grundsatz muss sein, mit weniger mehr zu erreichen", lautet dort der Leitsatz von Zetsche, der sich mit der Sanierung von Chrysler in den USA einen Namen gemacht hat. Dabei geht es ihm nicht nur um eher technische Themen wie die Vereinheitlichung von Fahrzeugplattformen und den Einsatz möglichst vieler Gleichteile bei der Herstellung.

Der neue Vorstandschef will vielmehr die von starkem Hierarchie- und Sicherheitsdenken geprägte Unternehmenskultur aufbrechen, alte Pfründe abschaffen und die in fetten Jahren üppig gewachsene Organisation zurückstutzen. "Wir werden zukünftig eine noch offenere und konstruktivere Kultur leben, in der Transparenz, klare Verantwortlichkeiten und Konsequenz in der Umsetzung die obersten Maximen sind", lautet die offizielle Lesart.

Dass Zetsche die Konfrontation nicht scheut, zeigte der Manager als er im September unter starken Protesten der Arbeitnehmervertreter den Abbau von 8500 Stellen bei MCG einleitete, dem Herz des DaimlerChrysler-Konzerns. Entlassungen werden nötig sein, um 2007 die Zielrendite von 7 Prozent zu erreichen. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr waren es nur 3,4 Prozent.

Analysten fürchten neue US-Risiken

"Wenn diese Rendite wirklich erzielt werden soll, muss die Mercedes Car Group bereits im kommenden Jahr mit dem Schwerpunkt auf dem zweiten Halbjahr eine deutliche Margenverbesserung liefern", sagt Analyst Patrick Juchemich von Sal. Oppenheim. Seiner Ansicht nach ist die Entwicklung dieser Sparte mit den Marken Mercedes-Benz, Smart und Maybach entscheidend für die Kursentwicklung der DaimlerChrysler-Aktie im kommenden Jahr.

Trotz der wohl anhaltenden Absatzschwäche der wichtigen Mercedes-Modelle E- und C-Klasse erwarten sowohl Oppenheim-Analyst Juchemich als auch LBBW-Experte Droxner steigende Gewinne bei MCG.

"Das liegt nicht zuletzt an den sinkenden Verlusten der Kleinwagentochter Smart sowie den Qualitätskosten bei Mercedes", erläuterte Droxner. Er rechnet damit, dass DaimlerChrysler 2006 einen operativen Gewinn von 2,6 Milliarden Euro erwirtschaften wird. Vergangenes Jahr waren es nur 1,67 Milliarden Euro.

Im Gegensatz dazu werden die anderen DaimlerChrysler-Sparten im kommenden Jahr bestenfalls stabile Gewinne ausweisen, fürchten die Experten. Sie schätzen beispielsweise die Entwicklung des US-Marktes für den Stuttgarter Autokonzern als riskant ein, und der wird nicht nur über den Gewinn der Unternehmenstochter Chrysler entscheiden, sondern auch über den der Finanzdienstleistungssparte des Unternehmens.

"Wir erwarten, dass DaimlerChrysler im kommenden Jahr 1,9 Prozent seines US-Marktanteils verlieren wird. Sollte unsere Prognose eintreffen, würde der Konzern in Amerika rund 1,53 Millionen Personenwagen und leichte Laster verkaufen", sagt Marktanalyst Christoph Stürmer vom Prognoseinstitut Global Insight.

Auf Konzernebene rechnet LBBW-Analyst Droxner im kommenden Jahr dennoch mit einem Anstieg des operativen Gewinns auf 7,2 Milliarden Euro. Für 2005 strebt DaimlerChrysler einen Operating Profit leicht über den im vergangenen Jahr erzielten 5,8 Milliarden Euro an.

Sollte sich dies bewahrheiten, wäre der deutsch-amerikanische Konzern dem obersten Ziel von Zetsche ein Stück näher gekommen: Er will zu den besten und profitabelsten Automobilherstellern der Welt aufschließen. Dann könnte die DaimlerChrysler-Aktie vielleicht auch dauerhaft über das aktuelle Niveau von etwa 40 Euro steigen.

Von Matthias Krust, Dow Jones Newswires

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