Europäische Aktien "Die Phase niedriger Zinsen ist vorbei"

Europäische Aktien haben zuletzt ordentliche Renditen erwirtschaftet. 2006 dürften die Bedingungen aber härter werden. Im Gespräch mit manager-magazin.de erklären Andrew Lynch und Kenneth Lambden vom Investmenthaus Schroders, worauf sich Anleger einstellen müssen.
Von Lutz Knappmann

mm.de:

Der europäische Aktienindex EuroStoxx  notiert derzeit auf einem Niveau wie zuletzt vor mehr als drei Jahren. Erleben wir eine Renaissance der europäischen Aktien - und einen günstigen Zeitpunkt einzusteigen?

Lambden: Wir sind im Blick auf Aktien, zumal auf europäische, derzeit vorsichtig. Weltweit wächst der Inflationsdruck - und damit die Erwartung steigender Zinsen. An Zinserhöhungen werden wir künftig nicht vorbeikommen. Und das sind Rahmenbedingungen, die hohe Renditen am Aktienmarkt nicht gerade fördern. Wir sehen sicher kein großes Unheil hereinbrechen, rechnen aber mit allenfalls moderaten Renditen.

mm.de: Zuletzt hat sich der europäische Aktienmarkt aber prächtig entwickelt. Mit einem Plus von mehr als 15 Prozent hat der Eurostoxx beispielsweise den Dow Jones  in den vergangenen zwölf Monaten abgehängt.

Lambden: Die Märkte in Europa haben sich zuletzt in der Tat sehr stark entwickelt. Die Ursache dafür waren vor allem die bislang niedrigen Zinsen und das gute Wirtschaftswachstum in vielen Ländern Europas. Auch die Performance der Unternehmen war ziemlich stark. Das haben die Märkte nachvollzogen. Es gibt aber wenig Anlass für die Annahme, dass sich das Wachstum auf diesem Niveau fortsetzen wird. Die Phase niedriger Zinsen ist vorbei.

mm.de: Andere Wachstumsimpulse sind nicht zu erwarten?

Lambden: Das Einzige, was einen starken Stimulus geben könnte, sind Reformen. Für die Marktentwicklung ist entscheidend, welche Fortschritte die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Reformen in Europa machen werden. Angesichts der jüngsten politischen Veränderungen gilt das ganz besonders für Deutschland. Vor allem auf dem Arbeitsmarkt muss sich etwas tun.

mm.de: Sind die Unternehmen selbst fit genug für hohe Renditen?

Lynch: Viele Unternehmen haben schon vor Jahren mit zum Teil radikalen Strukturreformen begonnen. Und haben deshalb zuletzt auch wieder sehr gute Gewinne eingefahren. Auf dieser Ebene sind wir schon sehr weit gekommen - und die Aktienmärkte haben das auch schon stark berücksichtigt. Die Frage ist deshalb, ob es in diesem Tempo weitergeht. 2006 wird zweifelsohne ein härteres Jahr.

"Auf Blue Chips setzen"

mm.de: In welchen Branchen sehen Sie denn die größten Wachstumschancen?

Lambden: Wenn Sie sich anschauen, was die Outperformance bestimmter Fonds in der Vergangenheit angetrieben hat, werden Sie feststellen, dass eine Übergewichtung von Small-Cap-Aktien sehr geholfen hat. Künftig wird es jedoch weniger offensichtlich sein, von welchen Sektoren die Märkte getrieben werden. Es gibt eine stärkere Diversifizierung innerhalb der Sektoren.

mm.de: Es wird also schwieriger, gute Werte zu identifizieren und herauszupicken?

Lambden: Es wird kaum mehr Situationen geben, in denen eine ganze Branche oder ein ganzer Sektor, also beispielsweise Small Caps, generell zu empfehlen sind. Die Performance eines Investments wird weit mehr als zuvor von der Begabung des Fondsmanagers abhängen, die wirklichen Werttreiber innerhalb einer Branche oder einer Region zu finden.

mm.de: Zu welchen Titeln wird ein guter Fondsmanager greifen?

Lynch: Die überdurchschnittliche Entwicklung der Blue Chips hat dazu geführt, dass sich ihre Bewertung und die KGVs vieler Wachstumstitel immer stärker angenähert haben. Die Spanne ist so eng wie seit vielen Jahren nicht mehr. Es ist deshalb an der Zeit, sich auf Qualitätsunternehmen zu konzentrieren, die ein angemessenes organisches Wachstum bieten und sich von der ökonomischen Gesamtsituation abkoppeln können.

mm.de: Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Lynch: Siemens  hat große Restrukturierungsanstrengungen betrieben. Der Konzern hatte eine Reihe von Problemsparten. Die Handysparte haben sie abgestoßen. Im Bereich Kraftwerkstechnik hat Siemens heute eine fantastische Position. Und das ist ein Bereich, in dem in den kommenden Jahren sehr viel Geld ausgegeben wird. In China werden derzeit mehr Kraftwerke gebaut als in den vergangenen zehn Jahren in Europa. Die Unternehmen werden dort in den kommenden Jahren viel Geld verdienen können.

mm.de: Abgesehen von Siemens finden sich in den Schroder-Fonds vergleichsweise wenige deutsche Titel. Woran liegt das?

Lynch: Die wirtschaftliche Situation in Deutschland ist im Vergleich zu anderen Staaten einfach nicht besonders gut. Die Konsumausgaben sind schon seit einer ganzen Weile sehr schwach. Im deutschen Einzelhandel herrscht ein viel zu großer Preiskampf. Da ist es für die Unternehmen extrem schwierig, Geld zu verdienen.

mm.de: Was muss ein Unternehmen, zumal ein deutsches, denn vorweisen können, um in Ihr Portfolio zu passen?

Lynch: Wir achten darauf, dass die Unternehmen eine globale Marktausrichtung haben. Neben Siemens haben wir beispielsweise SAP  im Portfolio. Beide Konzerne machen ihre Geschäfte weltweit und haben ihren Hauptsitz eher zufällig in Deutschland. Wir kaufen Aktien von Unternehmen, die weltweit führend in ihrem jeweiligen Geschäftsgebiet sind. Das sind sehr gute Investments.

"Es können nicht alle Gewinner sein"

mm.de: Die deutsche Solarindustrie gilt als weltweit führend und äußerst zukunftsträchtig. In jüngster Zeit hat es eine Reihe erfolgreicher Börsengänge gegeben. Passen diese Werte in Ihr Portfolio?

Lynch: Die Solarbranche wird nie allein die Energieprobleme der Welt lösen. Ohne Zweifel entsteht hier ein riesiger Markt, auf dem eine Menge Geld zu verdienen ist. Aber all diese neuen Solartitel sind so hoch bewertet, als wäre die jeweilige Firma der große Gewinner der Branche. Aber es können nun mal nicht alle Gewinner sein. Wir haben uns deshalb an Unternehmen wie Q-Cells  oder Ersol  nicht beteiligt. Nicht weil wir sie für schlechte Unternehmen halten, sondern weil sie uns zu teuer waren.

mm.de: Angesichts eines dauerhaft hohen Ölpreises dürfte die Nachfrage nach alternativen Energien und deren Anbietern weiter rasant anwachsen. Können Anleger hier nicht besonders gute Renditen erzielen?

Lynch: Warum nur an die Alternativen denken? Sicher wird der Ölpreis hoch bleiben oder noch weiter steigen. Die chinesische Wachstumsmaschine ist in voller Fahrt. Dort steigt die Nachfrage nach Öl ununterbrochen. Aber deshalb sind auch die Ölkonzerne selbst derzeit ein lukratives Investment. Und weil überall fieberhaft versucht wird, neue Ölfelder zu erschließen, sind auch die Ölausrüster und Förderfirmen sehr interessant. Allerdings wäre es falsch, die Investmentstrategie allein auf den Ölpreis und die Energiefrage auszurichten.

mm.de: In welchen anderen Branchen sehen Sie denn noch attraktive Werte?

Lambden: Es gibt einige Sektoren, die im Vergleich zum Gesamtmarkt derzeit günstig bewertet sind. Bestimmte Pharmakonzerne beispielsweise oder der eine oder andere Telekommunikationskonzern.

Lynch: Bei den Telekoms sind vor allem jene Unternehmen interessant, die sich stark im Breitbandgeschäft engagieren. Mit Ortsgesprächen lässt sich kein Geld mehr verdienen. Aber das Geschäft mit DSL-Anschlüssen ist sehr interessant. Denn dort kommen zur Telefonie auch neue Dienste wie Internet-TV - ein großes interaktives Entertainment-Paket.

mm.de: Die jungen Staaten Osteuropas gelten bei Investoren als Boom-Region. Liegen dort Europas größte Renditehoffnungen?

Lynch: In Osteuropa gibt es ohne Zweifel sehr interessante Unternehmen. Allerdings haben sich dort in den vergangenen Jahren eine Menge großer westlicher Konzerne eingekauft und kleine Betriebe geschluckt. Als Anleger müssen sie also genauer in den Mittelstand schauen, um eigenständige Firmen zu finden, die in ihrem Marktsegment führend sind. Oder sie greifen zu eben jenen westeuropäischen Titeln, die durch ihr Engagement in Osteuropa gute Geschäfte machen. Auch die sind sehr attraktiv.