Pharmawerte Pillenk(n)ick

Aufgefallen ist die Pharmaindustrie zuletzt vor allem durch Skandale. Wirtschaftliche Erfolge blieben rar. Dabei verheißt die Bevölkerungsentwicklung den Pillenherstellern ein goldenes Zeitalter. Doch Kostendruck und Konkurrenz durch Nachahmer sind gewaltig. Anleger sollten bei Investments in Pharmaaktien sehr genau hinschauen.
Von Lutz Knappmann

Hamburg - Über Nacht kannte ihren Namen die ganze Welt. Carol Ernst, Witwe eines passionierten Marathonläufers, erstritt Mitte August vor einem US-Gericht ein spektakuläres Urteil. Ernsts Mann hatte jahrelang das Schmerzmittel Vioxx genommen - bis er überraschend an Herzversagen starb. Die Jury im texanischen Austin kam zu dem Urteil, Mängel beim Medikament und bei dessen Reklame hätten den Tod des Hobbysportlers verursacht. Das Gericht verurteilte den Vioxx-Hersteller Merck & Co. , den drittgrößten Pharmakonzern der Welt, zu 250 Millionen Dollar Schadenersatz.

Auch wenn die Summe nach texanischem Recht am Ende deutlich geringer ausfallen dürfte: Das Urteil setzte einen donnernden Schlussakkord unter den monatelangen Vioxx-Arzneimittelskandal - mit gewaltigem Presseecho.

Positive Schlagzeilen aus der Pharmaindustrie sind rar geworden. Auch wirtschaftlich kreuzt die Branche in schwerem Fahrwasser. Noch vor Monaten sahen sich Branchenriesen wie Pfizer  mit zum Teil massiven Ergebnisrückgängen konfrontiert. So stürzte der Pfizer-Gewinn im ersten Quartal um 87 Prozent ab. Hauptgrund: Der Konzern hatte ein Arthritismittel wegen seiner Nebenwirkungen vom Markt nehmen müssen. Der Vioxx-Skandal bescherte Merck & Co einen zweistelligen Gewinnrückgang.

Doch die Stimmung bessert sich. Mittlerweile fallen die Geschäftszahlen vieler Pillendreher erfreulicher aus. "Deutliche Sparanstrengungen der Konzerne haben das Gewinnwachstum wieder beschleunigt", sagt Bart Zeldenrust, Fondsmanager des Robeco Health Care Equities gegenüber manager-magazin.de.

So meldete der schweizer Tablettenhersteller Novartis  am Dienstag ein Gewinnplus von 13 Prozent in den ersten neun Monaten des Jahres. Konkurrent Eli Lilly übertraf im dritten Quartal mit Gewinn und Umsatz ebenfalls die Erwartungen.

Eine Chance für Anleger, die Arzneibranche wieder ins Visier zu nehmen? "Der Zeitpunkt ist gut, wieder in Pharmawerte einzusteigen." Im Schnitt legten die Unternehmensgewinne um rund 15 Prozent zu. "Die Bewertungen sind vernünftig", so Zeldenrust.

Demografie nährt Wachstumsträume

Demografie nährt Wachstumsträume

Zentrales Argument der Branchenexperten für eine glänzende Zukunft der Pharmaindustrie ist die Demografie. "Immer mehr Menschen werden immer älter - und damit werden auch immer mehr Menschen altersbedingt krank", sagt Siegfried Bialojan, Industry Leader Health Sciences bei der Unternehmensberatung Ernst & Young. "Die Demografie wird klar Einfluss haben und für die Pharmaindustrie neue Märkte definieren." Schon heute seien Medikamente gegen alterstypische Erkrankungen wie Krebs, Alzheimer oder Herz-Kreislaufstörungen führende Umsatzgrößen der Branche. "Das wird sicher noch zunehmen", so Bialojan.

Michael Fischer, Geschäftsführer der Münchener Branchenberatung Medical Strategy, rechnet vor: "94 Prozent der Schlaganfälle ereignen sich bei Patienten im Alter von über 55, bei Parkinson sind es 95 Prozent und bei Diabetes immerhin 71 Prozent. Gleichzeitig wissen wir, dass 2020 bereits fast 30 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein wird." So schaffen sich die Erfolge der Medizin ihren Wachstumsmarkt gleich mit.

Die langfristige Aussicht auf einen Gesundheitsboom scheint allmählich auch die Zurückhaltung der Investoren und Analysehäuser gegenüber Pharmawerten zu verringern - zumindest für einzelne Titel. Die Analysten von UBS und der Bank of America stufen beispielsweise Pfizer  mit "buy" ein. Goldman Sachs und Bear Sterns sehen den Titel bei "outperform". Die DZ-Bank stuft den Branchenkonkurrenten Astrazeneca  mit "kaufenswert" ein, Morgan Stanley bekräftigt sein Urteil für Sanofi-Aventis  mit "overweight" und die Analysten von First Albany sehen den US-Riesen Wyeth  als "strong buy".

Doch der positive Eindruck blendet. Leicht ließe sich auch eine Auswahl von Analystenstimmen zusammenstellen, die zur Zurückhaltung mahnen. GlaxoSmithKline  beispielsweise ist den Analysten der Helaba Trust lediglich ein "Halten" wert, bei Morgan Stanley lautet das Urteil "equal weight" und bei Independent Research sogar "reduzieren".

Denn trotz demografiebedingter Wachstumsfantasien stehen die Pharmakonzerne unter großem Druck. Dass Skandale um Nebenwirkungen und aggressives Marketing wie bei Vioxx das Vertrauen in die Branche belasten, ist dabei nur eine Seite. "Viele Menschen waren erschrocken, als Vioxx vom Markt genommen werden musste", so Robeco-Experte Zeldenrust. "Die Frage nach der Sicherheit ist nicht neu - und stellt sich immer wieder." Healtcare-Fachmann Bialojan betont: "Fälle wie Vioxx wird es immer wieder geben. Manche Nebenwirkungen treten erst in der Langzeitanwendung auf - obwohl die Prüfungsanforderungen vor einer Zulassung mittlerweile äußerst hoch sind."

Innovationsdruck wird weiter steigen

Innovationsdruck wird weiter steigen

Die Frage nach der Sicherheit eines Medikaments richtet den Blickwinkel jedoch auch auf ein ganz anderes Problem der Branche: Die Pharmafirmen sind abhängig von der regelmäßigen Markteinführung neuer Medikamente. Und dabei muss es schnell gehen, denn Pharmaforschung ist teuer. Rund 550 Millionen Euro kostet die marktreife Entwicklung eines einzigen Medikaments im Schnitt, haben Branchenexperten berechnet. Nur eine von 5000 neuen Substanzen schafft tatsächlich den Weg in die Apotheke.

Allein in der allerletzten klinischen Prüfungsstufe fallen noch einmal rund zwei Drittel der Wirkstoffe durch - obwohl sie zuvor bereits fünf Testphasen durchlaufen haben, ergab eine Studie der Boston Consulting Group. Bis zur Zulassung eines Präparats vergehen so häufig bis zu zwölf Jahre. "Dabei haben die Hersteller anschließend allenfalls acht bis zehn Jahre Zeit, damit Geld zu verdienen und die Entwicklungskosten wieder reinzuholen", erklärt Joel Mesznik, Chef der New Yorker Investmentberatung Mesco.

Denn nach diesem Zeitraum laufen die Patente ab, die ein Medikament vor Nachahmern schützen. In den vergangenen fünf Jahren verloren so Präparate mit einem Gesamtumsatz von 40 Milliarden Dollar ihren Patentschutz. In den kommenden fünf Jahren fallen weitere sechs der zehn lukrativsten Medikamente aus dem gesetzlichen Schutzbereich - ihr Umsatzvolumen: 24 Milliarden Dollar.

Ist das Patent einmal abgelaufen, schlägt die Stunde der Generikahersteller: "Wenn Markenpräparate ihren Schutz verlieren, sind sie gewaltigem Konkurrenzdruck von Nachahmern ausgesetzt. Das gilt für die USA, zunehmend aber auch für Europa", sagt Robeco-Fondsmanager Zeldenrust. "Die Erfahrung zeigt, dass der Absatz eines Medikaments nach Ende des Schutzes häufig binnen weniger Monate um bis zu 80 Prozent einbricht", ergänzt Bialojan von Ernst & Young. "Die Hersteller können nur kontern, wenn sie neue Medikamente auf den Markt bringen, oder den Patentschutz für bestehende Arzneien durch Veränderungen und Innovationen verlängern."

Viele neue Medikamente, so klagen Kritiker, böten inzwischen kaum noch zusätzlichen Nutzen. Ihre Zusammensetzung unterscheide sich kaum von den Vorläuferpräparaten - eben nur so viel, dass es für ein neues Patent reicht. Problem dieser Strategie: "Die großen Pharmakonzerne konzentrieren sich bei ihren Forschungsanstrengungen vor allem auf die großen, massenmarktfähigen Therapiefelder", sagt Zeldenrust. "Es wird jedoch zusehends schwieriger, dort noch Medikamente zu entwickeln, die das Zeug zum Blockbuster haben, also die Umsatz-Milliarde knacken können", sagt der Fondsmanager.

"Offen, wer das alles bezahlen soll"

"Wer soll das alles bezahlen?"

34 neue Medikamente kamen 2004 auf den deutschen Markt. Bis Ende 2007 sollen noch einmal rund 150 hinzukommen, heißt es beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller ( VFA). Doch der Aufwand wird immer größer: Allein in den USA stiegen die Forschungs- und Entwicklungsausgaben zwischen 1980 und 2000 von zwei Milliarden auf 30 Milliarden Dollar pro Jahr. Der Ausstoß an Neuzulassungen verdoppelte sich dagegen im selben Zeitraum nicht einmal, hat das Wirtschaftsmagazin "Brandeins" berechnet. Der Output steigt bei weitem nicht im selben Maß wie die Entwicklungskosten.

Und die Grenzen sind längst erreicht. Die Entwickler müssen massiv auf die Kostenbremse treten. Denn in allen großen Volkswirtschaften laufen die Gesundheitsausgaben davon. Nicht nur in Deutschland gilt für das Gesundheitswesen ein eisernes Spardiktat. "Die Nachfrage nach Medizin steigt. Aber es bleibt offen, wer das alles bezahlen soll", so Bialojan. "Keine Gesellschaft kann sich leisten, nicht für die Gesundheit ihrer Bürger aufzukommen. Deshalb werden die staatlichen Eingriffe in die Preisbildung künftig noch zunehmen."

Fondsmanager Zeldenrust prophezeit: "Die gestiegenen Gesundheitskosten können nur zum Teil dadurch ausgeglichen werden, dass wir weniger medizinische Leistungen in Anspruch nehmen. Das heißt im Umkehrschluss, dass wir uns noch stärker preiswerten Generika zuwenden werden."

Mancher Anleger mag daraus goldene Zeiten für die Arzneinachahmer herauslesen. Doch allzu große Renditehoffungen dämpft der Fondsmanager: "Die Generikaindustrie ist zersplittert in viele kleine Spieler, die in einem aggressiven Wettbewerb stehen", so Zeldenrust. "Die Margen sind gering und unvorhersehbar. Ein Investment in Generikawerte birgt ein sehr hohes Risiko."

Auch in der klassischen Pharmaindustrie ist aus Investorensicht Vorsicht geboten. Während sich die großen Industriestaaten wie Deutschland hektisch bemühen, ihr Gesundheitswesen vor dem Kollaps zu bewahren, wird für manchen Arzneihersteller die Luft dünn - besonders für kleinere Anbieter. Die Konzentrationswelle der vergangenen zehn Jahre ist für die Branchenexperten Ausweis dafür, dass im Pharmageschäft vor allem Größe zählt. Dass selbst ein profitables Vorzeigeunternehmen wie Altana  mittlerweile den Verkauf seiner Pharmasparte erwägt stützt diese These. "Um im Pharmamarkt dauerhaft zu bestehen, fehlt Altana die kritische Masse", sagt Peter Spengler, Analyst bei der DZ-Bank.

"Biotechnologie vielfach verschlafen"

"Biotechnologie vielfach verschlafen"

Gerade in Deutschland ist das ein Problem. "Die Deutschen Arzneihersteller haben die 'Mergermania' der Vergangenheit nicht mitgemacht", so Bialojan. "Hierzulande besteht die Branche nach wie vor überwiegend aus einem breiten Mittelstand." International spielen deutsche Pharmahäuser kaum eine Rolle. Von den weltweit 130 wichtigsten Forschungsstandorten der Branche finden sich lediglich zehn in der Bundesrepublik.

Ursache dafür, so klagen Experten, sei auch die mangelnde Anpassungsfähigkeit der Unternehmen. "Deutschlands einst erfolgreiche Arzneiindustrie hatte einen sehr starken Hintergrund in der Chemie", so Bialojan. "Doch den Übergang zur Biomedizin hat sie vielfach verschlafen."

Dabei sei die Entwicklung neuer Medikamente ohne den Einsatz von Biotechnologie mittlerweile undenkbar. "Da haben die USA gegenüber Deutschland 20 Jahre Vorsprung", so Bialojan. Von den 34 Neueinführungen auf dem deutschen Arzneimarkt basierte rund die Hälfte auf biotechnologischen Forschungen. Und der Anteil steigt rasant.

Für Anleger womöglich eine interessante Perspektive: "Profitable Biotechunternehmen sind derzeit im Schnitt um rund 35 Prozent unterbewertet", sagt Fischer, der für Oppenheim Pramerica den FCP OP Medical Biotech-Trends-Fonds  betreut. Etwas darüber liege der Biotechriese Amgen , der es mit einer Marktkapitalisierung von fast 100 Milliarden Dollar mit den größten Pharmatiteln aufnehmen könne.

Die Mehrheit der Biotechentwickler ist allerdings weit kleiner. Das macht sie flexibel - und attraktiv für Anleger. Nicht zuletzt, weil auch die "Big Pharmas" längst den Zukunftswert der Biotechnologie erkannt haben und zunehmend Jointventures mit den jungen Entwicklungsschmieden eingehen - oder sie gleich schlucken. Und Übernahmefantasien locken immer Investoren an.

Doch keine Chance ohne Risiko: Viele Biotechs sind vom Erfolg eines einzigen Präparats abhängig. Da braucht es keinen Skandal von Vioxx-Ausmaßen, um einem aufstrebenden Start-Up das Genick zu brechen. Auch der etablierte deutsch-amerikanische Krebsspezialist Medigene  bekam das erst im Sommer zu spüren: Schon die Ankündigung, die Dosierung einer Hautkrebs hemmenden Salbe müsse verändert und erneut gestestet werden, löste bei den Aktionären eine wilde Flucht aus. Der Aktienkurs krachte ins Bodenlose - binnen weniger Tage verlor das Unternehmen ein Viertel seines Börsenwertes.

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