Rente Raus mit der Wahrheit

An einer längeren Lebensarbeitszeit führt kein Weg vorbei, sagen Experten. Doch die Parteien kneifen. Das heiße Eisen "Rente mit 67" fassen sie nicht an - aus gutem Grund wie repräsentative Umfragen zeigen. Schließlich ist ja Wahlkampfzeit, da muss die Wahrheit noch ein bisschen warten.

Hamburg - Das Problem ist nicht neu, aber hochbrisant - gerade in Wahlkampfzeiten. Unionskanzlerkandidatin Angela Merkel weiß um die Sensibilität der Menschen, wenn es um die Rente geht. Wohlweislich hat sie deshalb ihre Querdenker Paul Kirchhof und Günther Oettinger (CDU) zurückgepfiffen. Beide - der Bundesfinanzminister in spe und Baden-Württembergs Ministerpräsident - sprechen sich für eine radikale Umstellung der gesetzlichen Rentenversicherung aus. Nach ihren Vorstellungen soll ein rein Kapital gedecktes System das solidarisch per Umlage finanzierte System ersetzen.

Generationenvertrag ade!

Um des Wahlerfolges Willen konnte, ja durfte Merkel das nicht durchgehen lassen und verhängte kurzerhand einen Maulkorb. Denn eine vollständige Umstellung auf Kapitaldeckung der Altersvorsorge in 15 bis 20 Jahren, wie es Oettinger vorschwebt, bedeutet eine noch höhere Belastung der jüngeren Generation von Beschäftigten: Sie müsste in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum die eigenen Rentenansprüche aufbauen und zugleich die der älteren Generation schultern.

Die Alternative: Nicht nur weitere Nullrunden, sondern reale Rentenkürzungen. Der Haken: In beiden Fällen kostet es Wählerstimmen. Die Konsequenz: Das Problem wird ausgesessen - vorerst jedenfalls.

Sicher, zur Stabilisierung des Rentensystems ist einiges auf den Weg gebracht worden. Der "Nachhaltigkeitsfaktor" entlastet die Ausgabenseite deutlich: Für künftige Senioren bedeutet er nach Berechnungen des Freiburger Professors Bernd Raffelhüschen eine Rentenkürzung von etwa 15 Prozent. Zugleich verlangt der Nachhaltigkeitsfaktor gegenwärtigen Rentnern einige Nullrunden ab. Überdies belohnt der Staat die private Altersvorsorge mit Steuergeschenken.

Doch das reicht nicht, um die Probleme der gesetzlichen Rentenversicherung langfristig in den Griff zu bekommen. Das Renteneintrittsalter muss deshalb auf 67 Jahre steigen, fordern Raffelhüschen und der Wirtschaftsweise Bert Rürup unisono. Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), legt beim Thema Lebensarbeitszeit noch eine Schippe drauf und fordert 70 als "ökonomisch notwendiges" Renteneintrittsalter.

Die wenigsten wollen bis 67 arbeiten

Großer Widerstand gegen längere Lebensarbeitszeiten

An dieses heiße Eisen trauen sich CDU und SPD aber nicht ran. Keine der beiden Volksparteien spricht sich klar für "67" als gesetzliches Renteneintrittsalter aus, obwohl sie selbstverständlich um das Problem wissen. Sie wollen vielmehr daran arbeiten, dass das faktische Renteneintrittsalter (etwa 60) sich dem gesetzlichen (65 Jahre) nähert. Wie dies funktionieren soll, bleibt weitgehend offen. Für die Zurückhaltung hat Raffelhüschen eine einfache Erklärung: "Der Überbringer der schlechten Botschaft wird geschlachtet."

Eine aktulle Allensbach-Umfrage könnte diese These untermauern. Demnach sind lediglich 25 Prozent der Deutschen bereit, bis 67 zu arbeiten. 57 Prozent lehnen dies aber kategorisch ab, 18 Prozent wollen sich nicht festlegen, hat die repräsentative Umfrage im Auftrag des Finanzdienstleisters MLP ergeben.

Entgegen der Auffassung vieler Experten glauben 61 Prozent der Befragten nicht, dass die Verlängerung der Lebensarbeitszeit zur Sicherung der gesetzlichen Rente überhaupt notwendig ist. Nur ein Viertel der Befragten sieht die Notwendigkeit für einen solchen Schritt. Aber: Selbst unter den Berufstätigen, die sich deutlich für eine Anhebung des Renteneintrittsalters aussprechen, ist nur etwa die Hälfte bereit, selbst länger zu arbeiten. 14 Prozent der deutschen Bevölkerung sagen, sei seien in dieser Frage "unentschieden".

Die Zeit drängt

Die Zahlen machen eines klar: Der Widerstand in der Bevölkerung gegen längere Lebensarbeitszeiten ist enorm hoch. Vor diesem Hintergrund ist die Zurückhaltung der Parteien gegenüber weiteren einschneidenen Reformen schon fast wieder verständlich.

Doch die Zeit drängt: Denn in 15 bis 20 Jahren dürfte das Durchschnittsalter der Wähler nach Schätzungen von Bert Rürup bei 54 Jahren liegen. Der Wähler der Zukunft werde immer älter und damit die Machbarkeit von Reformen, die eher zu Lasten der Älteren gehen müssten, immer weiter eingeschränkt, glaubt Raffelhüschen.

Der Volkswirt und Rentenexperte fordert deshalb ein schnelles Gegenlenken der Politik: "Die Politiker sollten aufhören, den Menschen Sand in die Augen zu streuen und stattdessen klar formulieren, was auf die Bürger dieses Landes zukommt", fordert er im Gespräch mit manager-magazin.de.

Muss die Zwangsvorsorge kommen?

Paradox: Mehrheit misstraut der gesetzlichen Rente

Das Paradoxe an dem statistisch erhobenen Meinungsspiegel in Sachen Lebensarbeitszeit ist zugleich, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung gleichwohl nicht an die gesetzliche Rente als auskömmliche Altersvorsorge glaubt. Schlimmer noch: Die Deutschen legen zu wenig Geld für das Alter zurück. Bei den 30- bis 49-Jährigen sorgt gar nur jeder vierte privat oder über den Betrieb für das Alter vor, wie unlängst eine Erhebung des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) ergeben hat. Und: Zu deutlichen Abstrichen am Lebensstandard ist die Mehrheit der Bevölkerung nach Einschätzung von DIA-Sprecher Bernd Katzenstein im Alter nicht bereit.

Zwangsvorsorge als Alternative?

Stellt sich also die Frage nach einer Zwangsvorsorge, um die immer wieder hervorgehobene Gefahr der Altersarmut für weite Bevölkerungsteile abzuwenden. Zuletzt hat sich CSU-Sozialexperte Horst Seehofer für eine private Vorsorgepflicht ausgesprochen. Sein Argument: Es werde immer Menschen geben, die mit der freiwilligen privaten Altersvorsorge völlig überfordert seien, sollten sich Vorstellungen seinerzeit etwa der FDP durchsetzen, die gesetzliche Rente auf eine Basissicherung zu reduzieren, argwöhnte Seehofer. Doch bereits diese aufkeimende Debatte beendete die Unionskanzlerkandidatin Merkel mit einem Machtwort.

Selbst wenn die Parteien der Idee einer Zwangsvorsorge folgen sollten, was sie de facto nicht tun, dürften sie auch damit bei der Bevölkerung auf erheblichen Widerstand stoßen. Denn gut die Hälfte der Deutschen lehnt eine Regelung ab, die eine private Altersvorsorge via Riester oder eine entsprechende betriebliche Altersvorsorgeform vorschreibt. Lediglich 34 Prozent halten eine zusätzliche Zwangsvorsorge zur gesetzlichen Rentenversicherung für einen guten Vorschlag, wie ebenfalls eine repräsentative Allensbach-Umfrage im Auftrag von MLP Ende August ergeben hat.

Aufklärung, mehr Aufklärung!

Zwangsrente: "Sozialpolitischer Schuss nach hinten

Eine staatlich verordnete Zwangsvorsorge trifft indes auch nicht auf Zustimmung der Versicherungswirtschaft oder anderer Rentenexperten. DIA-Experte Katzenstein zum Beispiel erklärt, es sei mehrheitlicher Konsens, dass der Einfluss des Staates auf viele Lebensbereiche des Bürgers zurückgehen sollte. Dem würde ein zusätzlicher gesetzlicher Zwang zur Altersvorsorge widersprechen. Wenn es ein Obligatorium gäbe, würde sich der Staat damit letztlich in eine Art Haftung manövrieren, die ihm womöglich noch bestimmte Renditegarantien abfordert. Doch so eine Regelung würde den Kapitalmarkt nur weiter verzerren.

"Nicht zuletzt wird eine Zwangslösung vermutlich genau jene Menschen nicht erreichen, die es eigentlich am nötigsten haben, nämlich die Geringverdiener: Eine betriebliche Zwangsrente würde Menschen mit unregelmäßigen Beschäftigungsverhältnissen oder Teilzeitjobs nur unzureichend erfassen. Sozialpolitisch ginge dieser Schuss nach hinten los", hat Katzenstein unlängst im Interview mit manager-magazin.de erklärt.

Bleibt wohl nicht zuletzt der mühsame Weg der mahnenden Aufklärung. Denn auch das schreibt die Allensbach-Umfrage den Politikern ins Stammbuch: 58 Prozent der Befragten fühlen sich nach eigener Aussage von der Politik nicht hinreichend darüber informiert, dass die gesetzliche Rente in Zukunft vermutlich nicht mehr als eine Grundsicherung sein wird. Lediglich rund ein Drittel der Befragten meint, die Politik rede in Sachen Rentenversicherung wirklich Tacheles.