Vorsorge Keine Aktien, keine Zinsen

Von wegen Finanzvorsorge: Obwohl die Deutschen im Alter mehr und mehr auf ihr Gespartes zurückgreifen müssen, planen die wenigsten gezielt für ihre Pensionärszeit. Finanzexperte Tom Friess sagt im Gespräch mit manager-magazin.de, wie Sie Ihre Vermögensplanung angehen können, und warum sich niemand vor Geldprofis fürchten muss.
Von Karsten Stumm

mm.de:

Herr Friess, nach einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung haben 38 Prozent der Deutschen keine Ahnung, wie ihre Finanzsituation im Ruhestand wahrscheinlich aussehen wird. Woran liegt das?

Friess: Ich denke, an einer Art Unbekümmertheit gegenüber der Zukunft. Zudem ist das Thema Geld in Deutschland immer noch ein Tabuthema - man spricht nicht gerne darüber. Es existiert auch kein Mechanismus, durch den die Leute mit Fragen ihrer Altersvorsorge vertraut gemacht werden.

In der Schweiz beispielsweise ist das anders: Jeder Berufseinsteiger wird direkt zu Beginn seiner Karriere mit der eigenen Altervorsorge konfrontiert. Dafür sorgen die Abgaben in die gesetzlich verankerte betriebliche Vorsorge.

mm.de: Unter den wenigen, die vorsorgen, setzen mehr als 28 Prozent der Befragten vor allem auf die private oder betriebliche Rente als Garant für den Lebensunterhalt in der eigenen Pensionärszeit. Ist das sinnvoll?

Friess: Absolut nicht, wenn es sich um eine privat abgeschlossene Rente handelt. Die meisten Angebote dieser Art lohnen sich nur für Menschen, die 95 Jahre oder älter werden. Zuvor ist die Verzinsung dieser Vorsorgeangebote so niedrig, dass man sie besser gar nicht erst abschließt.

mm.de: Und die betriebliche Altersvorsorge?

Friess: Da sieht es oft genau andersherum aus. Wer die Chance hat, eine betriebliche Altersvorsorge zu nutzen, sollte die guten Angeboten darunter nutzen.

In Etappen vorgehen

mm.de: Nicht einmal jeder zehnte Bundesbürger will auf Aktien- und Aktienfonds oder Miet- sowie Zinseinnahmen zur Altersvorsorge setzen, das hat die Gesellschaft für Konsumforschung ebenfalls ermittelt. Was halten Sie davon?

Friess: Ziemlich wenig. Gerade die Geldanlage in Wertpapieren ist geeignet, um in der Pensionszeit Schritt für Schritt das nötige Bare zu entnehmen - das ist ein entscheidender Vorteil dieser Form der Altersvorsorge. Denn nur in den wenigsten Fällen wird im Ruhestand das gesamte Vermögen kurzfristig benötigt.

mm.de: Was schlagen Sie ihren Kunden vor, die Teile Ihres Finanzbedarfes im Ruhestand aus dem eigenen Vermögen finanzieren wollen?

Friess: Viele Leute fahren gut damit, eine Art Etappenstrategie anzuwenden. Dabei wird in Zeitabschnitten gedacht, die vielleicht zehn bis zwölf Jahre dauern und für die geplant wird. Der mögliche Anlagebetrag pro Etappe wird dann in einen Verbrauchsteil und einen Wachstumsteil gesplittet.

mm.de: Was ist der Vorteil dieser Aufteilung der Sparsumme?

Friess: Die Beträge im Verbrauchsteil sollen sicherstellen, tatsächlich genug Geld zum Leben zur Verfügung zu haben. Diese Geldbeträge werden also besonders sicher investiert und sukzessive entnommen.

Der Wachstumsteil kann etwas renditeträchtiger angelegt werden, zu einem gewissen Teil auch in Aktienfonds. Wie hoch die Aktienquote ausfällt, hängt aber individuell von der jeweiligen Vermögenshöhe und der Risikobereitschaft des Anlegers ab.

Manchmal reicht die Rendite des Wachstumsteils sogar aus, um den Kapitalverbrauch für den Lebensunterhalt wieder auszugleichen. In jedem Fall sind damit aber gezielt Entnahmen möglich und es erfolgt eine kosten- und steueroptimale Ausrichtung.

Nutzen statt vererben

mm.de: Obwohl die wenigsten Bundesbürger systematisch fürs Pensionsalter vorsorgen, wünschen die meisten, ihren Kindern möglichst viel zu vererben. Ist die Enttäuschung in Ihren Beratungsgesprächen nicht groß, wenn klar wird, dass zum Vererben kaum etwas übrig bleiben wird?

Friess: Die Forscher haben doppelt Recht: Der Wunsch nach Weitergabe des eigenen Vermögens steigt tatsächlich mit zunehmendem Alter. Und es stimmt auch, dass bei der Beratung über die eigene Ruhestandsfinanzierung dann erkannt wird, dass nur ein Teil des eigenen Vermögens vererbbar ist. Ich glaube, dass die Enttäuschung darüber nicht zu groß sein sollte. Jeder muss zuerst sehen, dass er seinen Lebensstandard im Alter halten kann. Niemand sollte sich des Vererbens willen finanziell überfordern.

mm.de: Was Sie sagen, muss viele Menschen nachdenklich machen: Nur die wenigsten Bundesbürger sind auf ihre Ruhestandszeit vorbereitet. Warum sucht dann nicht einmal jeder Zehnte professionellen Rat bei Finanzexperten, wie neueste Umfragen zeigen?

Friess: Das ist eine gute Frage. Ich gehe davon aus, dass viele Menschen sich einfach fürchten, zu einem Finanzberater zu gehen. Sie glauben, schlicht nicht willkommen zu sein, weil ihr Einkommen oder ihr Vermögen angeblich zu niedrig für eine professionelle Beratung sei.

mm.de: Ist das nicht auch so? Wer Angebote von Vermögensverwaltern und Privatbanken liest, muss den Eindruck haben, mit weniger als zwei Millionen Euro Barvermögen gleich wieder hinauskomplimentiert zu werden.

Friess: Da wäre etwas falsch angekommen. Schauen Sie, die zwei Prozent der Bundesbürger mit dem höchsten Haushaltsnettoeinkommen verfügten im Jahr 2003 über 74.000 Euro jährlich. Und das ist die Spitze. Deshalb sollte niemand fürchten, zu wenig Geld für eine professionelle Beratung zur Verfügung zu haben. Ich glaube auch, dass die Distanz zu manchen Geldprofis noch eine weitere Ursache hat, nämlich ...

Vorsorgelösungen zu komplex?

mm.de: ... die schwache Beratungsqualität?

Friess: Eher die Einseitigkeit in der Beratung und das Ziel, Produkte verkaufen zu müssen. Viele Leute fürchten zu Recht an jemanden zu geraten, der nicht frei von Interessenskonflikten ist oder nicht umfassend berät.

mm.de: Sind nicht doch die Beratungsergebnisse der entscheidende Grund, warum die meisten Bundesbürger die Dienste der Finanzdienstleister meiden? Die vorgeschlagenen Anlagemittel sind oft komplex, viele Leute fürchten, den Überblick über die eigenen Finanzen zu verlieren. Gibt es keine Komplettlösungen zur Altersvorsorge?

Friess: Keine guten zumindest, leider nein. Dafür kann ich Ihnen die Angst vor einer Zerfledderung Ihrer Geldanlage nehmen: Mehr als 80 Prozent unserer Kunden haben vor der Beratung eine viel unübersichtlichere Zusammenstellung der verschiedensten Altersvorsorgebausteine genutzt als nachher. Auch für junge Leute, die ihren Kapitalaufbau planen wollen, gibt es hier überschaubare Möglichkeiten.

mm.de: Könnten Sie einen solchen Weg beschreiben?

Friess: Denkbar wäre eine Aufteilung der Sparsumme in vier Bausteine: Erstens eine Liquiditätsreserve, um beispielsweise kurzfristige Arbeitslosigkeit überbrücken zu können. Zweitens: Kapital für Versicherungen, mit denen sich jeder gegen Berufsunfähigkeit absichern kann oder Vorsorge für Familienangehörige im Todesfall treffen kann. Drittens: Das reine Sparen für die Alterssicherung, damit man auch im hohen Alter seinen Lebensstandard halten kann. Und was dann noch übrig bleibt, könnte in den vierten Bereich fließen - den Konsum.

mm.de: Wie lange kann diese Aufteilung beibehalten werden?

Friess: Wir empfehlen, alle fünf Jahre über die Einteilung neu nachzudenken. Oder aber, wenn sich Veränderungen ergeben haben, beispielsweise ein neuer Arbeitsplatz, Selbständigkeit oder Heirat.

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