Türkei-Fonds Abenteuer Bosporus

Die türkische Wirtschaft boomt – und mit ihr der Aktienmarkt. Türkei-Fonds erzielen Traumrenditen. Immer mehr Anleger zieht es deshalb an den Bosporus. Doch die Investments sind nur etwas für risikofreudige Anleger. Vor allem die Debatte um einen EU-Beitritt des Landes birgt die Gefahr großer Kursrückschläge.
Von Lutz Knappmann

Hamburg - Auf den ersten Blick erschien der Zusammenhang verblüffend. Als die Bundesregierung am 22. Mai nach der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen Neuwahlen ankündigte, bebte nicht nur das politische Berlin. Auch in Istanbul waren die Schockwellen zu spüren: Der türkische Aktienindex ISE 100 gab auf einen Schlag um rund 5 Prozent nach.

Ein nahender Regierungswechsel in Berlin, so die Erklärung, dürfte die Verhandlungen des Bosporus-Staates über einen Beitritt zur Europäischen Union nicht gerade beschleunigen. "Die Menschen erwarten, dass die CDU nach den Neuwahlen die Regierung stellt", erklärt Baris Büyükdemir, Fondsmanager bei der Frankfurter Investmentgesellschaft Ceros. "Und die Union steht einem EU-Beitritt der Türkei nicht allzu freundlich gegenüber." Entsprechend enttäuscht reagierte die Istanbuler Börse.

Doch der Neuwahl-Schock war für die türkischen Aktien allenfalls eine kurze Verschnaufpause. Denn seit mehr als anderthalb Jahren kennt der ISE 100 nur noch eine Richtung: aufwärts. Anfang 2003 notierte der Index noch bei rund 10.000 Punkten, derzeit sind es etwas mehr als 27.000 Punkte. Allein seit Ende Mai, als die Anleger den Berliner Wahl-Coup schließlich verdaut hatten, machte das Börsenbarometer mehr als 12 Prozent gut.

Längst haben deshalb Anleger und Fondsgesellschaften die Türkei als lukratives Investitionsziel entdeckt. Vor allem Osteuropafonds haben ihren Anlagehorizont bis an den Bosporus ausgedehnt. Renommierte Titel wie der Morgan Stanley "Emerging Europe and Middle East Equity Fund" oder der AIG "Emerging Europe Equity Fund" sind mittlerweile zu mehr als 20 Prozent in türkischen Titeln investiert - und erwirtschafteten in den vergangenen 12 Monaten im Durchschnitt fast 29 Prozent Rendite.

Türkei-Fonds mit Traumrenditen

Türkei-Fonds mit Traumrenditen

Noch beeindruckender ist die Bilanz einiger reiner Türkei-Fonds, wie des "ESPA Stock Istanbul" der österreichischen Ersten Sparinvest, oder des von Baris Büyükdemir verwalteten "Türkei 75 Plus Fonds". Im Schnitt strichen die Anleger dieser gezielten Türkei-Investments in den vergangenen 12 Monaten ein Kursplus von beinahe 52 Prozent ein, auf Dreijahressicht waren es jährlich immerhin 23 Prozent.

Ursache des Erfolgs sind die tief greifenden Reformen, denen sich das Land in den vergangenen Jahren unterzogen hat - und durch die sich die Türkei zu einem prosperierenden Wachstumsmarkt entwickelt hat. "Die Türkei hat einen grundlegenden Wandel vollzogen", sagt Manfred Zourek, Fondsmanager bei der Ersten Sparinvest in Wien. "Die Inflationsrate ist stark rückläufig und mit knapp 8 Prozent inzwischen im einstelligen Bereich angelangt. Während sie noch vor etwa zehn Jahren jenseits der 100 Prozent lag."

Hinzu komme ein sehr starkes Wirtschaftswachstum, das sich in einer Bandbreite zwischen 5 und 8 Prozent bewege - und damit die Wachstumsraten Westeuropas weit hinter sich lasse. "Das ist ein Umfeld, das für die Unternehmer, und in weiterer Folge auch für den Aktienmarkt sehr positiv ist", so Zourek, Manager des ESPA Stock Istanbul. "Auch für die nächsten Jahre werden Wachstumsraten von jährlich fünf Prozent prognostiziert."

"Seit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Erdogan hat die Türkei in den vergangenen zweieinhalb Jahren sehr gute Reformen durchgeführt", resümiert auch Dietmar Hornung, Volkswirt der Deka-Bank. "Zudem hat das Land eine hervorragende Demographie und ein niedriges Lohnniveau. Und die Liquidität des Kapitalmarktes ist sehr hoch."

Doch es ist vor allem die Perspektive eines EU-Beitritts, und damit eine dezidiert politische Dimension, die den Wandel der Türkei und damit ihren wirtschaftlichen Aufstieg ausgelöst hat. "Das Tagesgeschäft und die Kursentwicklung sind stark von der Frage eines EU-Beitritts der Türkei beeinflusst", bestätigt Fondsmanager Zourek. "Entscheidend ist dabei aber vor allem die Tatsache, dass die EU nun überhaupt mit der Türkei an einem Tisch sitzen wird, und man sich gemeinsam über die weitere Entwicklung und die notwendigen Reformen unterhält."

EU-Beitrittsverhandlungen ab Oktober

EU-Beitrittsverhandlungen ab Oktober

Der Beginn der Beitrittsgespräche ist für den 3. Oktober angesetzt. "Dass die Türkei in den kommenden zehn Jahren eine Entwicklung vollzieht, die von der EU sehr genau begleitet wird, schafft ein berechenbares und damit für die Unternehmen fruchtbares Umfeld", so Zourek.

Rückschläge, so betonen die Finanzexperten unisono, fielen da nicht allzu stark ins Gewicht. Die jüngste Entwicklung scheint das zu bestätigen: Während die Ankündigung von Neuwahlen in Deutschland noch für einen Kurseinbruch gesorgt hatte, zog das "Nein" der Franzosen und Niederländer zur EU-Verfassung nahezu spurlos an den türkischen Märkten vorüber. Der ISE 100 reagierte sogar mit Kursgewinnen.

"Die Anleger hatten diese Entscheidung erwartet", erklärt Ceros-Fondsmanager Büyükdemir. "Sie sind davon überzeugt, dass dieses Votum die Integration der Türkei nicht stoppen, sondern allenfalls etwas bremsen kann." Doch bis zu einem Beitritt, so betont Büyükdemir, dauere es ohnehin noch zehn oder 15 Jahre.

"Ich war überrascht, dass die Märkte den negativen Ausgang der Verfassungsreferenden so gelassen genommen haben", sagt Deka-Bank-Volkswirt Hornung. "Doch das 'Nein' sehe ich gar nicht so kritisch. Auch mit der neuen Verfassung wäre die EU nicht reif, einen Beitritt der Türkei zu verkraften", warnt Hornung. "Denn das Land bekäme aufgrund seines Bevölkerungsreichtums ein Gewicht innerhalb der EU, das sicherlich nicht intendiert ist."

Damit bleibt die EU-Perspektive auf absehbare Zeit das dominante Thema für die türkische Politik und Wirtschaft - allerdings, so vermutet Fondsmanager Zourek, durchaus ergebnisoffen: "Ob das Land tatsächlich eines Tages EU-Mitglied wird, ist den Türken vielleicht gar nicht so wichtig. Entscheidend für sie ist, dass die Regierung weiterhin den europäischen Weg verfolgt". Für zusätzlichen Druck, den Reformkurs nicht zu verlassen, sorge auch der Internationale Währungsfonds (IWF), der die Kreditvergaben an das Land an strenge Auflagen gebunden hat. "Je stärker die Türkei in ihrer fundamentalen Entwicklung wird", betont auch Volkswirt Hornung, "desto weniger anfällig wird sie für schlechte EU-Nachrichten."

Hohe Erträge, hohes Risiko

Hohe Erträge, hohes Risiko

Doch derzeit ist sie noch anfällig. Als Anlageland ist die Türkei nur etwas für risikofreudige Investoren - nicht nur aufgrund der engen Verknüpfung der Kapitalmarktentwicklung mit politischen Fragen. "Die Türkei ist nach wie vor ein Emerging Market. Und die haben es natürlich so an sich, dass sie ein höheres Risiko, aber auch höhere Erträge erbringen", sagt Zourek.

Vorübergehende Kursrückschläge seien immer wieder möglich. "Ein Investment in der Türkei ist sicher nicht mit einem Aktienfonds vergleichbar, der im EuroStoxx  investiert." Und Büyükdemir sekundiert: "Dass Privatanleger gezielt zu Einzeltiteln greifen, ist eher nicht vorstellbar."

Ohnehin ist die türkische Marktstruktur wohl nur den wenigsten Anlegern bekannt. Auch die Zusammensetzung der Osteuropa- und Türkei-Fonds beschränkt sich auf klare Schwerpunkte. "Der Markt ist generell sehr stark von Finanztiteln dominiert", sagt Sparinvest-Experte Zourek. "Das ist eine Branche, die sich in der Vergangenheit sehr positiv entwickelt hat." Auch Fondsmanager Büyükdemir betont, knapp 45 Prozent des Marktes seien Finanzwerte. "Wir haben da also auch eine starke Gewichtung im Portfolio. Mittlerweile versuchen wir aber, sie zu verringern, weil wir die Finanztitel bereits für sehr gut bewertet halten."

Die Deutsche Bank, die jüngst vier Discount-Zertifikate auf türkische Einzelaktien herausgegeben hat, konzentriert sich mit den Banken Turkyi Is Bankasi und Akbank Türk auf zwei Finanztitel, sowie auf die Finanz- und Industrieholding Sabanci und den Mobilfunkbetreiber Turkcell. Hinzu kommt ein Indexzertifikat auf den ISE 30.

"Die Banken werden sich auch in Zukunft sicher sehr positiv entwickeln", so Zourek. "Aber es wird beispielsweise auch viel gebaut und verstärkt konsumiert. Es wird also sicher eine Branchenrotation geben, die man im Fonds entsprechend rechtzeitig zu erkennen und umzusetzen versucht." Für Fondsmanager Büyükdemir kommen dabei besonders die Autoindustrie, Raffinerien, Elektronikhersteller und Bauunternehmen in Frage.

Pioniere wären westeuropäische Anleger, die auf die Rendite türkischer Unternehmen setzen, dabei schon lange nicht mehr. "Ein wesentlicher Teil des Tagesumsatzes an den türkischen Märkten wird mittlerweile von Ausländern getätigt", sagt Zourek.

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