Wohlstandsbericht Die Probleme der "mittleren" Millionäre

Immer mehr Millionäre weltweit werden immer reicher - außer in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt der "World Wealth Report 2005". Rainer Wilken von Capgemini und Achim Küssner von Merrill Lynch erklären, warum Deutschland hinterherhinkt, wie Millionäre ihr Geld anlegen - und warum manche damit überfordert sind.
Von Lutz Knappmann

mm.de:

Ihrer Statistik zufolge ist das Gesamtvermögen der Millionäre weltweit im vergangenen Jahr um 8,2 Prozent auf 30,8 Billionen Dollar gestiegen. Auf wie viele Personen verteilt sich diese Summe?

Küssner: Diese Summe verteilt sich auf 8,3 Millionen Vermögende weltweit. Dabei zählen wir jene Personen, die mindestens eine Million Dollar an liquidem Vermögen und Immobilienbeteiligungen besitzen. Die Mehrheit, rund 7,4 Millionen Personen, verfügen dabei über ein Vermögen von einer bis fünf Millionen Dollar. Aber immerhin ein Drittel des Gesamtvermögens entfällt auf die rund 77.000 Superreichen, deren Vermögen bei mehr als 30 Millionen Dollar liegt.

mm.de: Ist denn die Zahl der Millionäre ebenfalls gestiegen?

Küssner: Ja, die Zahl der Millionäre hat um 7,3 Prozent zugenommen. Da die Wachstumsrate sowohl beim Gesamtvermögen als auch bei der Zahl der Vermögenden deutlich über dem Mittelwert der vergangenen Jahre liegt, war 2004 global gesehen also ein überdurchschnittlich gutes Jahr.

mm.de: Was hat zu diesem überdurchschnittlichen Vermögenswachstum geführt?

Küssner: Um zu prosperieren muss das Umfeld stimmen, und das war - weltweit betrachtet - der Fall. Wir hatten 2004 relativ moderate Zinsen und Inflationsraten, aber auch ein moderates bis hohes Wirtschaftswachstum. Dazu gab es gute Unterstützung von Seiten der Aktienmärkte. Es besteht eine starke Korrelation zwischen dem Wachstum der Vermögen und der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts in den jeweiligen Regionen und Ländern.

"Nordamerika hat Europa überholt"

mm.de: Für Europa fällt das Ergebnis vergleichsweise schlecht aus. Ihre Studie belegt, dass Nordamerika, also die USA und Kanada zusammen, erstmals Europa sowohl bei der Zahl der Millionäre und auch beim Volumen des Vermögens überholt hat.

Küssner: Nordamerika hat Europa nicht nur überholt: Die Wachstumsrate war mehr als doppelt so hoch. Fast 10 Prozent Zuwachs bei Anzahl und Vermögensvolumina in Nordamerika, stehen in Europa 4,1 Prozent bei der Zahl der Millionäre und 3,7 Prozent beim Volumen gegenüber. Das sind gravierende Unterschiede.

mm.de: Welche Ursachen haben zu dieser unterschiedlichen Entwicklung geführt?

Küssner: Die Korrelation zwischen BIP-Wachstum und Vermögenswachstum unterstreicht deutlich, dass Europa einfach konjunkturell hinterherhinkt. Was Europa zudem dringend fehlt, ist beispielsweise eine Harmonisierung der Steuergesetzgebung.

mm.de: Deutschland schneidet in der Statistik für 2004 noch schlechter ab. Die Zahl der Millionäre stagniert bei rund 760.000. Warum fällt es hier zu Lande im internationalen Vergleich schwerer, ein Vermögen aufzubauen?

Wilken: Die aktuelle Arbeitsmarktsituation in Deutschland ist nicht gerade hilfreich und führt insgesamt zu einem sinkenden Konsumentenvertrauen. Wenn der Konsum zurückgeht, bleibt auch der lang ersehnte Aufschwung aus. Verschärft wird das Problem durch unser kompliziertes, Vermögende nicht gerade begünstigendes Steuersystem.

mm.de: Bleibt den Millionären da nur die Flucht ins Ausland?

Wilken: Es gibt natürlich einige Vermögende, die ins Ausland ziehen, wenn sie die Möglichkeiten dazu haben. Es besteht aber kein Grund zur Befürchtung, dass Millionäre in Deutschland keine Zukunft haben. Denn Deutschland hat einige Standortvorteile, die nicht zu unterschätzen sind, beispielsweise die innere Sicherheit. Wer sich einen guten Berater sucht, sein Vermögen vernünftig diversifiziert und auch international investiert, kann problemlos in Deutschland leben und eine gute Performance für sein Vermögen erzielen.

"Die USA sind unternehmerfreundlicher"

mm.de: In Nordamerika sind die Bedingungen für Millionäre offensichtlich weitaus besser. Welche Vorteile bieten die USA?

Küssner: Es ist vor allem das strukturelle Umfeld: Das relativ einfache Steuersystem, das überdurchschnittliche Wachstum, das ja durchaus eine Rolle spielt, um Millionär zu werden. Ein freundliches Unternehmerumfeld: Wenn sie in den USA eine Geschäftsidee haben, können Sie damit leichter prosperieren. Zumal wir in Deutschland einige Geschäftsfelder vollkommen ausschließen, beispielsweise im Bereich der Gentechnik. Das Umfeld ist in den USA wesentlich flexibler und unternehmerfreundlicher.

Wilken: Hinzu kommt eine wesentlich höhere Produktivität der Amerikaner: Wenn das Produktivitätsniveau in den USA bei 100 liegt, liegt es in Deutschland bei 80.

mm.de: Wird sich an dieser Entwicklung in nächster Zukunft etwas ändern?

Wilken: Wir haben versucht, die Vermögensentwicklung für die kommenden fünf Jahre zu antizipieren. Bis 2009 rechnen wir mit einem leicht unterdurchschnittlichen Wachstum von jährlich 6,5 Prozent. Entscheidend ist aber, dass Europa dabei auch weiterhin wieder das Schlusslicht bildet - und die Vermögen dort mit 3,8 Prozent nur halb so schnell wachsen werden wie in Nordamerika, weil sich das konjunkturelle und strukturelle Umfeld nicht verbessert.

mm.de: Auch in Großbritannien sieht es Ihrer Studie zufolge für Millionäre besser aus als hier zu Lande. Was machen die Briten anders?

Wilken: Großbritanniens Millionäre investieren sehr viel stärker in Aktien. Zudem ist der Immobilienmarkt dort wesentlich kräftiger gewachsen und die hoch Vermögenden konnten davon profitieren.

mm.de: Der Zusammenhang ist also direkt abzulesen an der Art und Weise wie die Millionäre ihr Vermögen investieren?

Küssner: Genau. Global betrachtet haben die Millionäre bei der Asset Allocation im vergangenen Jahr alles richtig gemacht. Sie hatten eine gute Vermögensberatung und sind den Entwicklungen an den Kapitalmärkten nicht hinterhergelaufen, sondern haben sie antizipiert.

"Millionäre entdecken Private Equity"

mm.de: Die Studie fasst das Investmentverhalten mit dem Satz zusammen, die Vermögensmillionäre agierten "zunehmend konservativ". Was heißt das im Einzelnen?

Küssner: Es gibt vor allem zwei wesentliche Erfolgsfaktoren: Die Vermögenden haben sich teilweise von ihren Immobilienbeteiligungen getrennt, Gewinne mitgenommen - und damit die Immobilienquote deutlich reduziert. Zweitens haben sie sich im vergangenen Jahr frühzeitig von Hedgefonds getrennt. Während in Europa momentan noch viele Anleger aufspringen wollen, ist man in anderen Teilen der Welt ausgestiegen. Denn man hatte ganz gut im Gefühl, dass die Performance der Hedgefonds nicht mehr mit der in den vergangenen Jahren mithalten kann.

mm.de: Wohin ist das Geld stattdessen geflossen?

Küssner: In Private Equity Investments. Der Index für Private Equity in den USA ist im vergangenen Jahr um 23,5 Prozent gestiegen. Wer hier gut investiert war, konnte damit einen erheblichen Beitrag zur Performance seines Portfolios erzielen. Private Equity ist aber natürlich eine Asset-Klasse, die nicht jedermann zugänglich ist, weil sie eine sehr hohe Mindesteinlage verlangt. Das begünstigt die Anlegergruppe der Millionäre.

mm.de: Unterscheiden sich denn die deutschen Millionäre in ihrem Anlageverhalten vom globalen Durchschnitt?

Küssner: Wir haben dazu leider kein statistisches Datenmaterial. Aber aus der Erfahrung heraus können wir bestätigen, dass generell zum Beispiel der Immobilienanteil höher und die Aktienquote wesentlich niedriger ist. Der Rentenanteil ist traditionell sehr hoch. Die deutschen Vermögenden agieren also noch erheblich konservativer.

mm.de: Liegt darin auch eine Ursache für die geringen Wachstumsraten bei den deutschen Vermögen?

Küssner: Das ist eine sehr nahe liegende Indikation. Schauen Sie in die USA: Die Amerikaner waren auch deshalb erfolgreicher, weil sie stärker diversifizieren und stärker international investiert sind. Sie sind beispielsweise frühzeitig nach Asien gegangen. Zudem sehen wir dort eine zunehmende "Institutionalisierung" des Anlageverhaltens. Strategien institutioneller Investoren schwappen zunehmend zu den Privatanlegern herüber

Das Paradoxon der "mittleren Millionäre"

mm.de: Ihre Studie kritisiert, besonders für "mittlere" Millionäre, mit einem Vermögen von bis zu 30 Millionen Dollar, gebe es wenige Angebote bei Vermögensberatung und -management. Wo liegen die speziellen Probleme dieser Zielgruppe?

Wilken: Das Paradebeispiel für den "mittleren" Millionär ist der erfolgreiche Mittelständler, dessen Privatvermögen stark mit dem Firmenvermögen verflochten ist. Er steht vor einer paradoxen Situation: Er hat häufig ähnliche Ansprüche wie ein Superreicher, der mehrere hundert Millionen Dollar besitzt. Auch "mittlere" Millionäre sind häufig in verschiedenen Ländern und Asset-Klassen investiert. Zudem müssen sie beispielsweise eine Nachfolgeregelung für ihr Unternehmen treffen. Sie engagieren deshalb häufig ein Dutzend unterschiedlicher Einzelexperten, Vermögensverwalter, Anwälte, Steuerberater, und vieles mehr. Eigentlich wünschen sie sich aber einen einzigen zentralen Ansprechpartner für alle Vermögensfragen.

mm.de: Warum greift diese Kundengruppe dann nicht auf die Hilfe so genannter Family Offices zurück, also Beratungsbüros, die für einen einzelnen Multimillionär oder für eine Familie das gesamte Vermögensmanagement übernehmen?

Wilken: Das Angebot der Family Offices wäre genau richtig, setzt aber eine gewisse kritische Masse voraus, nämlich in etwa 100 Millionen Dollar. Erst dann lohnt es sich, ein solches Family Office zu betreiben. Mit 30 Millionen oder weniger ist es bei weitem noch nicht rentabel.

mm.de: Wie müsste ein ideales Angebot für "mittlere" Millionäre also aussehen?

Wilken: Man muss einem solchen Kunden ein modulares Family Office anbieten. Er muss also bestimmte Hilfen beim Vermögensmanagement modular von einem Anbieter bekommen können, der ihm als zentraler Ansprechpartner zur Verfügung steht und seinerseits ein Netzwerk von Experten koordiniert.

mm.de: Den verschiedenen Einzelexperten wird also einfach ein zentraler Ansprechpartner vorgeschaltet?

Wilken: Ein Family Office hat meistens viele dieser Fähigkeiten selber im Hause. Das modulare Modell arbeitet hingegen mit Allianzen und Partnerschaften. Für eine Privatbank heißt das unter Umständen, wenn sie diese mittelgroßen Millionäre an sich binden möchte, auch mit Wettbewerbern Allianzen zu schließen. Es gibt erste Häuser, die mit solchen Modellen experimentieren.

mm.de: Warum ist diese vermögende Kundengruppe denn bislang in der Beratung nicht optimal betreut worden?

Wilken: Die "mittleren" Millionäre haben in den vergangenen Jahren Bedürfnisse und Erwartungshaltungen aus dem über ihnen liegenden Segment der Superreichen adaptiert. Sie sind selbstbewusster und informierter geworden. Man darf eines nicht vergessen: Die Inflationsrate bei den Vermögensmillionären liegt deutlich höher als bei den "Normalsterblichen" - ungefähr bei 8 Prozent. Das liegt an der Zusammensetzung des Warenkorbes - und bedeutet, dass eine Geldanlage schon für den reinen Kapitalerhalt eine wesentlich höhere Performance erzielen muss.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.