Autoaktien Mit angezogener Handbremse

Der Autoabsatz schrumpft, General Motors schockt die Branche mit einer Gewinnwarnung und Volkswagen meldet einen schwachen Start ins Jahr. BMW und Porsche halten mit Rekordergebnissen dagegen. Für Anleger sind die Signale verwirrend. Lohnt der Einstieg?
Von Lutz Knappmann

Hamburg - Die Branche trifft es aus allen Richtungen. Rekordpreise für Rohöl und Stahl, kaufmüde Kunden, belastende Wechselkurse und zehrende Rabattschlachten auf dem europäischen und vor allem auf dem US-Markt. Die deutschen Autokonzerne haben derzeit wenig Grund für Euphorie. Mitten in die Katerstimmung platzte vergangene Woche eine Gewinnwarnung des weltgrößten Autokonzerns General Motors  - und prügelte die GM-Aktie und mit ihr die Papiere vieler Konkurrenten in den Keller.

Anlegern drängt sich da die Frage auf, ob die Kurse eine günstige Gelegenheit zum Einstieg bieten. Aber sind die Aktien der großen Deutschen Autokonzerne derzeit tatsächlich ein attraktives Investment?

"Wir gehen schon davon aus, dass die Branche ein gewisses Erholungspotenzial birgt. Denn wir haben jetzt sehr viele Belastungsfaktoren kumuliert auf die Branche zukommen sehen", sagt Marc-René Tonn, Autoanalyst beim Bankhaus M.M.Warburg. "Wir gehen nicht davon aus, dass sich diese Situation erheblich verbessern wird. Aber die Frage ist mittlerweile eher: Wird sie sich weiter verschlechtern?"

Viele Beobachter sind da zurückhaltend. Die Analysten der WestLB prophezeien der Branche kein gutes Jahr. Mit einer überdurchschnittlichen Performance der Automobilaktien sei nicht zu rechnen. Europaweit sei allenfalls eine schwache Erholung abzusehen, orakeln auch die Analysten von Standard & Poor's. Der Druck auf die europäischen Hersteller werde durch "die anhaltende Stärke des Euro, die hohen Rohstoffpreise und die industrieweiten Überkapazitäten" zusätzlich erhöht. Auch der US-Markt für Neuwagen werde nicht anziehen. Zusätzlich schwäche sich das Branchenwachstum in China ab. "Anleger sollten den Sektor nicht übergewichten", heißt es deshalb bei Union Investment.

Ein zentrales Risiko: "Die Rabattschlacht könnte weitergehen", warnen die Branchenexperten. Der knallharte Wettbewerb auf dem US-Markt, auf den auch die deutschen Autobauer mit beispiellosen Preisnachlässen reagierten, hat längst Deutschland erreicht. "Ich glaube, der Preiswettbewerb ist hier zu Lande intensiver als man ihn wahrnimmt", so M.M. Warburg-Analyst Tonn. "Er ist nicht so stark im Bewusstsein, weil die Werbung in Deutschland nicht so plakativ ist wie in den USA. Aber das Incentive-Niveau ist in Deutschland ausgesprochen hoch." Und das wirkt sich unmittelbar auf die Ergebnisse der Konzerne aus.

Lob für BMW und Porsche

Lob für BMW und Porsche

Bei aller Skepsis: Zwei Automarken ernten das Lob der Branchenexperten. Der Premium-Hersteller BMW  und die Sportwagenschmiede Porsche  melden Rekordergebnis um Rekordergebnis - und ihre Aktienkurse wachsen stetig mit. So legte BMW seit Jahresbeginn fast 6 Prozent zu, der Porsche-Kurs gewann sogar rund 16 Prozent.

Die Deutsche Bank stufte BMW deshalb unlängst auf "buy" herauf. "Der hohe Barmittelzufluss und die konsequente Dividendenausschüttung mache die Aktie zu einem wertvollen Titel, hieß zur Begründung. Auch M.M. Warburg-Analyst Tonn sieht die Heraufstufung als nachvollziehbar an. "BMW ist ein Unternehmen mit sehr gut eingeführten Produkten, die sehr gut am Markt ankommen. Der Konzern ist sehr gut und solide gemanagt ist und hat eine hohe Ertragskraft."

Ähnliches gelte für Porsche. "Das ist eine ganz eigene Geschichte", so Tonn. Porsche sei schon angesichts seiner Modellentwicklung attraktiv. "Kurzfristig aufgrund der Einführung des vom Boxster und dem 911er abgeleiteten Coupés 'Cayman', längerfristig aufgrund einer anstehenden vierten Baureihe", so Tonn. Zudem, so heißt es auch in anderen Analysehäusern, sei Porsche der profitabelste Automobilhersteller der Welt - und zugleich der einzige, der sich bis 2008 vollständig gegen Währungsschwankungen abgesichert habe.

Ganz unberührt von externen Faktoren bleiben allerdings auch die Branchenlieblinge nicht. "Alles was BMW selbst beeinflussen kann, läuft sehr gut", so Tonn. "Man bekommt aber Gegenwind durch Wechselkurse, Rohstoffpreise und Wettbewerb." Die externen Rahmenbedingungen machten auch den Münchenern stärker zu schaffen. "Ohne Dollarrisiko wäre BMW ein klarer Kauf", urteilt das Fondshaus DWS.

Sorgenfalten bekommen viele Anleger indes bei Volkswagen  und DaimlerChrysler . Die Konzerne kämpfen mit massiven Absatzproblemen, Daimler-Premiumtochter Mercedes Benz fiel zudem immer wieder durch eklatante Qualitätsmängel auf.

Doch die Börsenexperten zeigen sich für diese beiden Konzerne durchaus zuversichtlich. So sehen die Analysten der HypoVereinsbank (HVB) für die Daimler- und die VW-Aktie "gute Chancen, 2005 die allgemeine Kursentwicklung zu überholen". Vor allem die deutliche Ergebnisverbesserung bei Chrysler könne das Konzernergebnis auch 2005 zweistellig wachsen lassen. Auto-Analyst Tonn hält beide Papiere sogar für einen Kauf. "Wir haben insbesondere bei Mercedes und bei Volkswagen schwierige Zeiten gesehen. Aber wir sehen auch die Verbesserungen die beide Unternehmen angestoßen haben", so Tonn.

Der Moment der Erkenntnis

Der Moment der Erkenntnis

Wichtig für DaimlerChrysler sei vor allem, die Qualitätsprobleme bei Mercedes Benz in den Griff zu bekommen. Bei Volkswagen diagnostizieren Beobachter vor allem ein Kostenproblem. "Die Produktion ist zu teuer und veraltet", heißt es bei der HVB. Das US-Geschäft werde deshalb trotz einer Reihe neuer Modelle weiter Verluste machen. Und in China, jahrelang eine VW-Domäne, sei der Umsatz zuletzt um mehr als ein Drittel eingebrochen.

Die Wolfsburger reagierten mit "For Motion", einem drastischen Sparprogramm. "Die zunehmende Höherpositionierung der Marke hat es VW angesichts der gleichzeitigen Kaufzurückhaltung der Kunden schwer gemacht", so Tonn. Mit dem Bau des Luxuskreuzers Phaeton habe sich der Konzern schlicht verspekuliert. Bei VW sei man jetzt aber auf einem guten Weg. "Nach wie vor gilt, dass VW ein sehr starker Markenname ist und man nach wie vor VW zutraut interessante und gute Produkte zu bauen."

Mit Blick auf die Rabattschlachten setzt der Branchenexperte markenübergreifend auf einen Sinneswandel. "Die Gewinnwarnung von GM gibt den Konzernen Anlass darüber nachzudenken, was man mit diesem Incentive-Krieg angerichtet hat", prophezeit Tonn. "Wenn den Konzernen bewusst wird, wie ernst die Lage ist, besteht auch die Chance dass es jetzt zu den lange geforderten Anpassungen auf der Produktionsseite kommt."

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