Gex Verschmähter Nachwuchs

Der Neue hat's schwer. Seit Jahresbeginn berechnet die Deutsche Börse den Aktienindex Gex für Familienunternehmen. Anleger finden bislang jedoch kaum Möglichkeiten, an seiner Entwicklung teilzuhaben. Die großen Fondshäuser strafen den Gex mit betontem Desinteresse, denn der lässt viele Fragen offen.
Von Lutz Knappmann

Frankfurt am Main - Manchmal sagt der Tonfall mehr als die Worte selbst. "Für die Deutsche Börse macht der neue Index natürlich durchaus Sinn, denn sie generiert damit Lizenzeinnahmen", stichelt Rolf Drees, Sprecher des Fondsanbieters Union Investment. Und sein Kollege vom Fondshaus DWS bemerkt lapidar: "Wir haben doch ohnehin schon jede Menge Produkte im Angebot." Erst der scharfe Unterton beider Statements deutet an, wie sie wirklich gemeint sind: als beißende Kritik.

Gemünzt waren die Spitzen auf den zu Jahresbeginn von der Deutschen Börse eingeführten German Entrepreneurial Index, kurz Gex. Die großen Fondsgesellschaften strafen das jüngste Kind der Frankfurter Indexfamilie bislang mit einer Mischung aus betonter Langeweile und schierer Missachtung. Nein, so heißt es unisono und bemerkenswert gereizt, ein Indexfonds auf den Gex sei derzeit nicht geplant.

Dabei ist mit dem Gex am 3. Januar eine illustre Mischung in den Handel gestartet. 117 Unternehmen versammelt der neue Index, quer durch alle Branchen und durch beinahe alle Unternehmensgrößen. Dax-Größen wie Henkel  oder Fresenius Medical Care  sind dabei, ebenso SDax-Sternchen wie der Erotikversender Beate Uhse  oder der westfälische Modeproduzent Gerry Weber . Auch zuletzt in keinem Index notierte Werte des Prime Standards wie den Tapetenproduzenten A.S. Creation  hat die Deutsche Börse  in den Gex aufgenommen - gemeinsam mit einigen Überlebenden des Neuen Marktes wie Caatoosee  oder Software AG .

Spekulation auf bessere Kursperformance

Einzige Gemeinsamkeit der Gex-Mitglieder ist ihre Aktionärsstruktur: Alle gelisteten Unternehmen sind eigentümergeführt, mindestens 25 und maximal 75 Prozent ihrer stimmberechtigten Anteile sind im Besitz von Vorständen, Aufsichtsräten oder deren Familien.

"Der Gex schafft erstmals ein Schaufenster für diese Firmen", erklärt ein Sprecher der Deutschen Börse. Und Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) lobt, der Gex biete eine "Möglichkeit für Mittelständler, die an die Börse gehen, sofort in einen Index zu kommen und nicht irgendwo im Prime Standard herumzudümpeln".

Vor allem aber treibt die Index-Erfinder wohl die Hoffnung an, ihre Sammlung von Familienunternehmen werde sich am Aktienmarkt besser schlagen als viele rein kapitalmarktorientierte Unternehmen. "In den vergangenen Jahren haben sich eigentümergeführte Unternehmen eindrucksvoll an der Börse behauptet", heißt es bei der Deutschen Börse. Zwischen Juni 2002 und Oktober 2004 hätte der Gex seine Geschwister Dax , TecDax  und SDax  geschlagen, haben die Börsianer errechnet.

Erfolgreiche Familienunternehmen

Erfolgreiche Familienunternehmen

Seit seiner Einführung zu Jahresbeginn hat der Gex den Dax immerhin deutlich abgehängt und knapp 4 Prozent zugelegt - während der deutsche Blue-Chip-Index leicht im Minus notiert. DWS-Sprecher Thomas Richter zweifelt dennoch an den Verheißungen. "Wenn es bloß so einfach wäre und man einfach die Vergangenheit fortschreiben könnte", so Richter.

Den beachtlichen Erfolg vieler Familienunternehmen erkennen die großen Fondsgesellschaften aber durchaus an. "Solange die Anteilseigner im Unternehmen mitmischen, schauen sie dem Management viel genauer auf die Finger - während kapitalmarktorientierte Unternehmen vorrangig auf die Quartalsergebnisse achten", konstatiert Union-Investment-Sprecher Rolf Drees. Eigentümergeführte Unternehmen planten zudem häufig weitaus langfristiger und trauten sich auch an Investitionen heran, die sich erst in drei oder vier Jahren auszahlten.

An der Idee hinter dem Gex, so scheint es, zweifelt also niemand. Dennoch fallen die Reaktionen auf den neuen Index bei DWS, Union Investment und DekaBank gereizt aus. "Der Gex ist für uns nicht interessant", heißt es bei der DekaBank brüsk. Und DWS-Sprecher Richter formuliert: "Nur weil die Deutsche Börse einen neuen Index einführt, müssen wir darauf noch lange keinen Fonds auflegen."

Zu heterogen, zu illiquide, zu große Fluktuation

Hauptargument für das betonte Desinteresse: "Im Gex sind keine neuen Unternehmen notiert", sagt Union-Investment-Sprecher Drees. "Wenn wir diese Titel wollten, hätten wir sie längst anderweitig kaufen können. Dafür bedarf es keines neuen Index'." Auch DWS-Sprecher Richter kanzelt die Idee eines Gex-Fonds ab: "Nur wenn wir einen Erfolg und steigende Kurse erwarten, legen wir einen Fonds auf."

Hinter der empörten Ablehnung der Fondshäuser steckt freilich mehr als bloße Mäkelei. Die Skepsis ist durchaus begründet. Denn der Gex, vor allem der Mechanismus seiner Zusammensetzung, ist umstritten. Manches Detail seiner Konstruktion bietet erheblichen Anlass für Diskussionen.

So bemängeln Händler, viele im Gex notierte Werte seien für einen ordentlichen Handel nicht ausreichend liquide. Das, so räumen auch die Fondshäuser ein, liegt allerdings am Konstruktionsprinzip des Gex. "Wenn ich Aktien mit einem hohen Eigentümeranteil kaufen möchte, darf ich mich nicht über den geringen Freefloat beschweren. Der resultiert per Definition aus der Konstruktion des Index'", sagt Union-Investment-Sprecher Drees.

Viele Vorzeigeunternehmen fehlen

Viele Vorzeigeunternehmen fehlen

Besonders vehement kritisieren die Gex-Skeptiker aber die so genannte "Zehn-Jahres-Regel". Nur Unternehmen, deren Börsengang nicht länger als zehn Jahre zurückliegt, finden Platz im Gex. Ist diese Altersgrenze erreicht, fliegen sie wieder hinaus. Maßstab für den Index sei schließlich die Kursentwicklung im Anschluss an die Neuemission. Und die, so die Argumentation der Index-Erfinder, sei in aller Regel die dynamischste und chanchenreichste in der jeweiligen Unternehmensgeschichte.

In der Praxis hat dieses Selektionskriterium erhebliche Folgen. So schaffte der Pharmariese Henkel, der bereits 1985 an die Börse ging, dennoch den Sprung in den Gex, denn er emittierte erst 1996 Stammaktien. Zuvor wurden nur Vorzüge gehandelt. 2006 endet das Gastspiel des Düsseldorfer Konzerns im Gex dann allerdings wieder.

Einige der erfolgreichsten und performanceträchtigsten Konzerne, die von Eigentümerfamilie mit großen Anteilspaketen geführte werden, schafften den Sprung in den neuen Index hingegen nicht. Für Vorzeigeunternehmen wie BMW , SAP  oder Altana  war die Zehn-Jahres-Hürde unüberwindbar. "Ich verstehe diese Regel nicht", klagt daher Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. "Eine bessere Performance in den ersten zehn Jahren nach dem Börsengang ist kein wirkliches Argument, wenn man sich Werte wie BMW anschaut."

Erste Gex-Produkte am Markt

Zudem, so die Kritik des Aktionärsschützers, sei der Index in seiner gegenwärtigen Form allzu groß und ziemlich wild zusammengewürfelt. "Ich weiß nicht, ob der Gex angesichts seiner Heterogenität später einmal wirklich etwas aussagt", so Kurz, "und ob seine Performance dann wirklich aus der Eigentümerführung resultiert." Allerdings, sagt Kurz, müsse man dem neuen Index eine Chance geben. "Für Privatanleger ist die Beobachtung durchaus spannend."

Zumindest zwei Wertpapierhäuser sehen das ähnlich und haben inzwischen erste Gex-Produkte auf den Markt gebracht. So bietet die Société Générale ein Indexzertifikat  sowie drei hoch spekulative Open-End-Turbos auf den Eigentümer-Index. Auch das Bankhaus HSBC Trinkaus & Burkardt hat jüngst ein Indexzertifikat auf den Gex  herausgegeben. Die Performance dieser Produkte wird zeigen, welche Chancen der Gex Anlegern bietet. Fällt die erste Zwischenbilanz positiv aus, dürften wohl auch die Skeptiker bald nachlegen.

Sollte allerdings das Geschäft mit Börsengängen weiter so schleppend verlaufen wie in den vergangenen Jahren, könnten dem Gex bald schlicht die Werte ausgehen. Denn irgendwann greift die Zehn-Jahres-Grenze auch für die zahllosen Neuemissionen der Börsenboom-Jahre.

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