Ruhestand Die Mär vom deutschen "Miesepeter"

Nein, wir Deutschen sind keine "Miesepeter". Wir sind glücklich! Wir sparen fürs Alter und freuen uns auf den Ruhestand. Den genießen wir in vollen Zügen, auch wenn die Rente kleiner wird. Heitere Aussichten also? Eine international vergleichende Studie gibt Auskunft.

Hamburg/Köln - Irgendwie muss da etwas falsch gelaufen sein. Das oft kolportierte Bild von dem deutschen "Miesepeter", der zugleich sorgenvoll und nörgelnd dem Ruhestand entgegenblickt, kann nicht stimmen. Nahezu 90 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland bezeichnen sich als "sehr" oder "ziemlich" glücklich. Bei den Rentnern sind es 85 Prozent. Zugleich stehen die Deutschen dem Ruhestand mehrheitlich positiv gegenüber. Das sind nur zwei überraschende Ergebnisse einer repräsentativen Studie, die die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag des Finanzkonzerns Axa jetzt vorgelegt hat. Dafür haben die Forscher 9200 Menschen in 15 Industrienationen befragt.

Wer heute als Deutscher in den Ruhestand geht, fühlt sich nicht alt. "Alt werden wir später", lautet der einhellige Tenor der Befragten. Als "alt" gilt demnach, wer 74 Jahre oder älter ist, wenn also Krankheit oder mangelnde Mobilität zusehends in den Vordergrund rücken können. Rund zwei Drittel der Erwerbstätigen und 60 Prozent der Rentner in Deutschland verbinden mit dem Ruhestand einen positiven Abschnitt nach dem Arbeitsleben, in dem man "endlich das Leben genießen" könne - und das möglichst aktiv.

Unter den "Optimisten" in Sachen Ruhestand bekleidet Deutschland damit im internationalen Vergleich einen guten Mittelplatz. Spitzenreiter sind die Belgier: Erstaunliche 74 Prozent der belgischen Beschäftigten und 55 Prozent der dortigen Rentner bewerten den Ruhestand positiv. In Portugal sind es lediglich 34 Prozent der Arbeitnehmer und 27 Prozent der Rentner.

Am liebsten mit 59 in Rente

Bei einem derart positiv besetzten Bild vom Ruhestand verwundert es nicht wirklich, dass die Erwerbstätigen in Deutschland am liebsten mit 59 Jahren in den Ruhestand gehen möchten. Gleichwohl erwarten sie den Beginn ihres Ruhestandes mit 64 Jahren als spätesten Zeitpunkt. Hier haben vermutlich das Alterseinkünftegesetz und die anhaltende Diskussion um leere Rentenkassen die Erwartungen bereits gestutzt.

Auch hier liefert der Blick auf andere Industrienationen überraschende Erkenntnisse: So halten etwa die Erwerbstätigen in Singapur ein Renteneintrittsalter von 54 Jahren für ideal und erwarten es realistischerweise mit spätestens 57 Jahren. In Australien würden sich die Menschen gerne mit 55 Jahren in den Ruhestand verabschieden, erwarten ihn aber bereits zwei Jahre früher.

Ähnlich weit wie bei den Deutschen klaffen Wunsch und Erwartung wiederum in Frankreich (55/61 Jahre) und mit acht Jahren am stärksten in den USA (55/63 Jahre) auseinander. Über das tatsächliche Renteneintrittsalter der jeweiligen Nationen gibt die vergleichende Studie leider keine Auskunft.

"Balkonien" oder Bahamas?

Nur wenige leben den Traum vom Haus am Meer

Die aktuell Erwerbstätigen in Deutschland setzen für das Rentenalter den Schwerpunkt klar auf das Reisen (36 Prozent). Und nahezu jeder fünfte Beschäftigte träumt übrigens von einem Häuschen am Meer oder dem Ausland, wo er seinen Ruhestand am liebsten verbringen möchte. Heitere Aussichten also?

Wunsch und Wirklichkeit driften da mitunter stark auseinander. Der deutsche Rentner ist vor allem eines: bodenständig. Den Traum vom Haus am Meer oder dem Ruhestand in wärmeren ausländischen Gefilden setzen aktuell nur die wenigsten in die Tat um. 99 Prozent leben zu Hause. Lediglich 1 Prozent pendelt zwischen verschiedenen Wohnsitzen.

Die überwältigende Mehrheit der Rentner verbringt den Ruhestand also in familiärer Umgebung und widmet sich ihren zumeist weniger kostspieligen Hobbys wie Sport, Wandern oder Gartenarbeit. Mit jeweils rund 30 Prozent in diesen Bereichen sind sie indes deutlich agiler als es die derzeit Erwerbstätigen von sich selbst in Zukunft erwarten.

Mögen die Deutschen dem Ruhestand auch viel Positives abgewinnen, glaubt gleichwohl mehr als die Hälfte (54 Prozent), dass ihr Lebensstandard im Alter niedriger sein wird. Im internationalen Vergleich ist das einsame Spitze. Dagegen rechnen lediglich 22 Prozent der Spanier mit einer Verschlechterung ihres Lebensstandards.

Mit Blick auf den Lebensstandard dürfte die pessimistische Erwartung vor allem darauf zurückzuführen sein, dass etwa neun von zehn Erwerbstätigen in Deutschland mit einem niedrigeren Renteneinkommen rechnen. Verblüffend wirkt in diesem Zusammenhang die statistische Erkenntnis, dass nahezu zwei Drittel der derzeit Beschäftigten wiederum annehmen, ihr Einkommen im Ruhestand sei "ausreichend" oder gar "absolut ausreichend".

Bricht sich hier etwa eine ungeahnte neue Bescheidenheit Bahn oder sind die Beschäftigten - etwas ketzerisch formuliert - womöglich ihrer letzten Renteninformation auf den Leim gegangen? Die Sozialverbände kritisieren seit langem, dass Annahmen der Rentenversicherungsträger über die künftige Rente in diesen Mitteilungen viel zu optimistisch sind.

Womöglich ist es aber auch schlicht Unwissenheit: Denn der Studie zufolge kennt lediglich ein Drittel der derzeit Beschäftigten in etwa die Höhe ihres späteren Renteneinkommens.

In puncto Altersvorsorge hat unlängst eine repräsentative Umfrage der Postbank alarmierende Wissenslücken offenbart. So wissen 81 Prozent der Deutschen nicht oder "nur ungefähr", dass die gesetzliche Rente bereits ab diesem Jahr steuerpflichtig wird. Es sei empirisch nachgewiesen, dass die einschneidenden Veränderungen bei der Altersvorsorge mit dem seit 2005 geltenden Alterseinkünftegesetz die Menschen nicht erreicht hätten, stellt die Studie ernüchternd fest.

Sparen, sparen, sparen

US-Amerikaner sparen am meisten für den Ruhestand

Gleichwohl - und da treffen sich beide Umfragen - sei den meisten Deutschen bewusst, dass private Altersvorsorge wichtiger ist als je zuvor. Im Schnitt sparen die Erwerbstätigen in Deutschland 241 Euro für den Ruhestand und finden sich damit auf Platz neun der 15 untersuchten Industrieländer wieder. Auch hier der Vergleich: In den USA legen die Erwerbstätigen umgerechnet 531 Euro für den Ruhestand auf die hohe Kante. Beim "Schlusslicht" Italien sind es dagegen lediglich 160 Euro je Erwerbstätigem.

Problem erkannt, Gefahr gebannt?

Die verstärkten Sparanstrengungen der Deutschen nötigen Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen indes durchaus Respekt ab: "Die Versorgungslücken werden wahrgenommen und es wird auch etwas getan. Das Bewusstsein für private Altersvorsorge ist hoch und wächst", kommentiert der Experte von der Universität Freiburg und Bergen (Norwegen) die Zahlen der Axa-Studie.

Er stimmt den befragten Deutschen sogar zu, wenn sie etwa zu zwei Dritteln annehmen, dass mit den Beschlüssen der vergangenen Jahre das Gros der Rentenreformen zunächst einmal abgearbeitet sei. Mit den Rentenreform-Maßnahmen zwischen 1992 und 2004 seien vier Fünftel der Nachhaltigkeitslücken geschlossen worden - wenn auch "fünf vor zwölf".

Dennoch dürfte damit noch nicht das Ende erreicht sein. Die in den kommenden 30 Jahren "determinierte" demografische Entwicklung werde den Menschen hier zu Lande weitere Opfer abverlangen. Dabei stünde der "Super-GAU" um das Jahr 2030 bevor. Dann nämlich, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der heute 30- bis 50-Jährigen in den Ruhestand streben und ihre Kinder von heute als Berufstätige diese Rentner durchfüttern müssen.

Diese Rechnung kann aber nicht aufgehen, sagt Raffelhüschen. Denn die geburtenstarken Jahrgänge hätten seinen Worten zufolge nur halb so viel Kinder in die Welt gesetzt, die eigentlich notwendig wären, um das Problem zu lösen. Derzeit kommen auf 100 Beitragszahler etwa 60 Rentner. Nach Schätzungen der Deutschen Bank dürfte die Zahl der Rentner diejenige der Beitragszahler in 25 Jahren überschreiten, wie es in der Analyse "Spürbare Rentenlücken trotz Reformen" heißt.

Arbeiten, arbeiten, arbeiten

"Wir sind selber schuld"

"Wir, die heutige Generation, sind Ursache und Problem zugleich. Wir sind selber schuld", meint Raffelhüschen. Deshalb sei eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit unumgänglich - auch wenn die erwerbstätigen Deutschen sie mehrheitlich ablehnten. Ohnehin seien die Erwerbstätigen in dieser Frage einer "Reihe von Trugschlüssen" aufgesessen. "Realistischerweise gehen wir heute davon aus, bis 64 arbeiten zu müssen, halten aber 59 für das optimale Renteneintrittsalter. Tatsächlich haben wir das gewünschte Optimum längst erreicht", mahnt Raffelhüschen.

Das Problem überlasteter Rentenkassen ließe sich besser in den Griff bekommen, wenn der Gesetzgeber das Rentenzugangsalter auf 67 Jahre erhöhte, so Raffelhüschen. Bislang habe die Politik wegen des zu erwartenden Widerstandes dieses "heiße Eisen" noch nicht angefasst. Sie werde aber darum nicht herumkommen, ist der Experte sicher.

Dabei sei es aus rententechnischer Sicht offenbar gleich, ob die Menschen nun zwei Jahre länger arbeiteten und Beiträge in die maroden gesetzlichen Rentenkassen zahlten oder nicht. Im ersten Fall würden sie zwar vermutlich etwas mehr, in Bezug auf die Lebenserwartung aber zwei Jahre kürzer Rente kassieren. Im zweiten Fall werde ihre Rente deutlich sinken, was die Kassen ebenso entlaste.

Doch bietet die aus seiner Sicht noch notwendige Reform des Rentenzugangsalters mehr "Verteilungsgerechtigkeit"? Raffelhüschens Antwort ist ausweichend und ernüchternd zugleich: "Alter ist kein Verdienst. Dafür ist das Rentensystem nicht zuständig."

Die Diskussion über ein höheres Rentenzugangsalter scheint andere indes zugleich mit einem inneren Schmunzeln zu erfüllen. "Es muss ja nicht jeder meinem Beispiel folgen, was die Verlängerung der Lebensarbeitszeit angeht", hat Innenminister Otto Schily (72) vor gut zwei Wochen erklärt.

In der Tat. Stellt sich doch die Frage, ob man in Deutschland die Menschen überhaupt bis 67 arbeiten lässt. Denn auch das scheint statistisch verbürgt: Gut die Hälfte der hiesigen Unternehmen beschäftigt keine Mitarbeiter mehr über 50 Jahre. Soll die Rechnung nur annähernd aufgehen, ist auch hier ein radikales Umdenken erforderlich.

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