Hamburg Mannheimer Bittere Post von Herrn Kaiser

Die Assekuranz setzt im neuen Jahr auf die private Rente. Doch dieses beginnt mit einer Hiobsbotschaft. Die Hamburg Mannheimer streicht in 2005 die Überschüsse für laufende Renten drastisch zusammen. Kritiker warnen vor Risiken der privaten Rentenversicherung und halten sie mitunter "für ein unglaublich riskantes Produkt".

Hamburg - Tausende Senioren, die bei der Hamburg Mannheimer (HM) eine private Rentenversicherung abgeschlossen haben und bereits Rente beziehen, brauchen in den nächsten Tagen und Monaten starke Nerven. Denn die zu erwartende Post von "Herrn Kaiser" verheißt nichts Gutes. Der zweitgrößte Lebensversicherer Deutschlands streicht in diesem Jahr die Überschussrente drastisch zusammen. Die Einbußen werden nach Angaben des Versicherers "im Schwerpunkt" bei 50 Prozent liegen. Die Überschussrente zahlt ein Versicherer über die lebenslang garantierte Rente hinaus.

Bei der Hamburg Mannheimer weiß man um die Wirkung solcher Nachrichten und ist um Verständnis bemüht. In einem weitgehend standardisierten Brief an die Kunden, der manager-magazin.de vorliegt, begründet der Versicherer die drastischen Einschnitte vor allem mit der schwachen Entwicklung der Kapitalmärkte in den vergangenen Jahren.

So fielen die Zinserträge, welche die Hamburg Mannheimer zwischen 1999 und 2003 erwirtschaften konnte, von 8,3 Prozent auf 5,0 Prozent zurück. "Selbstverständlich wird Ihre Überschussrente bei wieder steigenden Zinserträgen dieser Entwicklung folgen", heißt es besänftigend in dem Brief.

Nicht zuletzt wegen der zunehmenden Langlebigkeit der Menschen sind solche Versprechen allerdings mit Vorsicht zu genießen. Zudem monieren Experten die aus ihrer Sicht mangelnde Transparenz der privaten Rentenversicherung - ein Vorsorgeprodukt, das sich gleichwohl sehr gut verkauft und auf das die Branche zur Kompensation der ab 2005 nicht mehr steuerbefreiten Lebensversicherung große Hoffnungen setzt.

Hälfte der laufenden Renten von Kürzungen betroffen

Rund 960.000 Rentenversicherungsverträge zählt die Hamburg Mannheimer, 44.000 davon mit laufendem Rentenbezug. Etwa 22.000 Policen mit laufendem Bezug - also rund die Hälfte - dürften von den Kürzungen betroffen sein, sagt ein Experte der Versicherung. Im Gespräch mit manager-magazin.de legt der Sprecher Wert auf die Feststellung, dass das Ausmaß der Kürzungen von der Rentenart, dem Alter des Versicherten und dem jeweiligen Garantiezins abhängig ist.

Die dynamische (progressive) Rente etwa, die "eigentlich typische Rente", steigt vom Grundsatz her Jahr für Jahr an. Kürzt ein Versicherer die Überschussbeteiligung, falle die Steigerung lediglich geringer aus. Insofern könne man hier nicht von einer Kürzung sprechen. Kritiker sehen das zwar anders, diese Renten seien von der Briefaktion laut Hamburg Mannheimer aber nicht betroffen. "Das Porto dafür können wir besser verwenden", meint der Sprecher.

Darüber hinaus hat die Hamburg Mannheimer degressive und konstante Renten sowie so genannte Kombi-Fünf-Renten in ihrem Bestand. Bei der letzten Variante bleibe die Rente in den ersten fünf Jahren konstant und steigt dann erst an.

Dynamische Rente als Mogelpackung?

Der Einfluss des Garantiezinses

Als den größten Einflussfaktor für die Überschussrente bewertet der Experte der Hamburg Mannheimer den Garantiezins. Dabei gelte grundsätzlich: Je höher der Garantiezins eines Vertrages ist, desto ungleich stärker wirke sich eine gekürzte Überschussbeteiligung prozentual auf die gezahlte Überschussrente aus, die mitunter bis zu 20 Prozent der Gesamtrente ausmachen kann.

Wer in besseren Zeiten noch einen Vertrag mit 4 Prozent Garantiezins abgeschlossen habe, müsse in 2005 mit Einschnitten von 50 Prozent bei der laufenden Überschussrente rechnen, sagt der Sprecher weiter. manager-magazin.de liegen allerdings Informationen über Versicherte der Hamburg Mannheimer vor, deren Überschussrente ab 2005 um deutlich mehr als 50 Prozent gekürzt wird - bei einem Garantiezins von 3,25 Prozent wohlgemerkt. Unter dem Strich kann die Gesamtrente damit um bis zu 10 Prozent fallen.

Dynamische Rente als Mogelpackung?

Die angekündigten Einschnitte der Hamburg Mannheimer bewertet Versicherungsexperte Manfred Poweleit "wie auch bei fast allen anderen Unternehmen als heftig". Vor allem die konstanten Renten dürften davon betroffen sein. Die konstante Rente ist zwar anfangs höher, passt sich aber im Gegensatz zur dynamischen Rente an einen möglichen Kaufkraftverlust durch steigende Inflation nicht an.

Sinken die Überschüsse, nimmt dies der Versicherte bei einer konstanten Rente schlicht dadurch wahr, dass er weniger Geld auf sein Konto überwiesen bekommt. "Bezieher einer dynamischen Rente merken aber nicht, dass ihnen im Grunde genau dasselbe passiert", sagt der Chefredakteur des Branchendienstes Map-Report im Gespräch mit manager-magazin.de. Zugleich ließe sich kaum errechnen, was der Bezieher einer dynamischen Rente unter dem Strich mehr bekommen hätte, wäre die Überschussbeteiligung nicht gekürzt worden. Um dies zu analysieren, bedürfe es genauer Angaben, etwa zum Versichertenguthaben zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Experte sieht gar ein "Anlegerschutzproblem"

"Das steht in keiner Standmitteilung, und diese Informationen bekommen Sie von dem Versicherer auch nicht", sagt der Analyst. Man wisse deshalb nie, wie hoch das Deckungskapital sei, aus dem heraus der Überschuss für laufende progressive Renten berechnet werde. "Bei der dynamischen Rente ist die mathematische Undurchschaubarkeit systemimmanent. Sie wird ausgenutzt, um die Folgen von unternehmenspolitischen Entscheidungen nicht transparent machen zu müssen", kritisiert Poweleit.

Der Experte sieht hier gar ein "gravierendes Anlegerschutzproblem". "Der Verbraucher wird vor allem über die demografischen Risiken des Produktes private Rentenversicherung völlig unzureichend aufgeklärt."

HM macht "reinen Tisch"

Gesamtverzinsung fällt deutlich

Einmal gezahlte Überschüsse können sich Versicherer nicht zurückholen. Eine gekürzte Überschussbeteiligung kann sich allerdings empfindlich auf die Gesamtverzinsung einer Police auswirken. Diese setzt sich aus dem Garantiezins und der Überschussbeteiligung zusammen. Die Gesamtverzinsung für Rentenversicherungen mit laufendem Rentenbezug wird sich in 2005 nach Angaben der Hamburg Mannheimer wie folgt verringern:

Für Verträge der Generation bis zum Jahr 2000 gewährt der Versicherer in diesem Jahr eine Gesamtverzinsung von 4,6 Prozent nach 5,5 Prozent in 2004. Bei Verträgen der Generation von 2000 bis 2003 wird die Gesamtverzinsung auf 4,7 Prozent von ebenfalls 5,5 Prozent im vergangenen Jahr fallen. Wer in 2004 eine Rentenversicherung in Form einer Sofortrente abgeschlossen hat, werde eine stabile Gesamtverzinsung von 4,9 Prozent erhalten.

Die Allianz Leben wird, wie sie jetzt gegenüber manager-magazin.de noch einmal bestätigt hat, die Gesamtverzinsung für die rund 268.000 Rentenversicherungen (Stand Ende 2003) mit laufendem Rentenbezug in 2005 konstant bei 4,7 Prozent halten. Doch auch beim Marktführer haben die Rentner bereits Einschnitte hinnehmen müssen. So hatte die Allianz Leben 2003 ihren Kunden noch eine Gesamtverzinsung von 5,3 Prozent gewährt.

Stagnierende Kapitalmärkte erwartet

Insofern bezeichnet die Hamburg Mannheimer die jüngsten Kürzungen zwar als "schmerzlich", reklamiert für sich aber gleichwohl einen gewissen "Nachholbedarf" in dieser Frage. So habe der Versicherer in 2003 die ausgebliebenen Zinserträge durch die Auflösung von Reserven kompensieren können. Auch in 2004 habe das Unternehmen seine Reserven angegriffen und somit das Fallen der Rente in einem stärkeren Ausmaß verhindern können, als dies aufgrund der gesunkenen Zinserträge in 2003 eigentlich notwendig gewesen wäre.

Da die Hamburg Mannheimer in diesem Jahr allerdings von stagnierenden Kapitalmärkten ausgeht, sei es an der Zeit gewesen, "reinen Tisch zu machen und zu sagen, wo man steht". Dabei sei dem Versicherer sehr wohl klar, dass "wir mit einer Senkung der Überschussrente starke Betroffenheit auslösen".

Das Hintertürchen bleibt offen

Doch ist damit das Ende der Fahnenstange erreicht? Der Brief an die Versicherten lässt da Zweifel aufkommen: "Allerdings werden wir bei der Entscheidung über die zukünftige Höhe der Überschussrente auch die Erkenntnisse über die zunehmende Lebenserwartung und damit längerer Zahlungsdauer der Renten berücksichtigen müssen." Die Zweifel gelten umso mehr, als bei der aktuellen Kürzung der laufenden Rentenzahlungen die jüngsten Sterbetafeln aus dem Jahr 2004 noch nicht berücksichtigt worden sind. Diese unlängst veröffentlichte Statistik geht von einer deutlich verlängerten Lebenserwartung der deutschen Bevölkerung aus.

Das "Risiko" eines langen Lebens

Rentenversicherungen werden teurer

Die zunehmende Lebenserwartung der Bevölkerung ist per se eine erfreuliche Entwicklung. Doch birgt sie für die Assekuranz ebenso Risiken wie für den Versicherten selbst. Das "Langlebigkeitsrisiko", wie es im nüchternen Versicherungsdeutsch heißt, muss die gesamte Branche kalkulieren. Mit den Erkenntnissen aus den letzten Sterbetafeln dürften nach Einschätzung von Branchenkennern die Prämien für neue Rentenversicherungen deshalb in 2005 um mindestens 10 Prozent steigen. Die garantierten Leistungen und die Prämienzahlungen bestehender Rentenversicherungen bleiben für die gesamte Vertragslaufzeit unberührt.

Für Altverträge müssen die Gesellschaften allerdings weitere Deckungsrückstellungen bilden und in der Mehrzahl der Fälle aus den laufend erwirtschafteten Kapitalerträgen finanzieren. Die Konsequenzen liegen auf der Hand: Die Überschussbeteiligungen dürften künftig weiter fallen und damit die Gesamtverzinsung der Rentenpolicen. Das Phänomen ist indes nicht neu. Bereits nach der Veröffentlichung der Sterbetafeln in den Jahren 1989 und 1994 mussten die Versicherer entsprechend reagieren.

Nach Ansicht von Manfred Poweleit habe die Zunahme der Lebenserwartung mittlerweile aber ein Tempo erreicht, "dass für die Rentenversicherer nicht ungefährlich ist", sagt der Versicherungsexperte im Gespräch mit manager-magazin.de. Spätestens im Jahr 2015 sei mit neuen Sterbetafeln zu rechnen. Sie dürften die Versicherer erneut vor Probleme stellen.

"Ein unglaublich riskantes Produkt"

Diese könnten umso größer werden, sollten sich entscheidende Erfolge etwa in der Krebsbekämpfung oder der Bekämpfung anderer Krankheiten einstellen. Dann müssten die Versicherer immer schneller und stärker ihre Leistungen an die veränderte Lebenserwartung anpassen. Bei diesem Szenario dürften einige Unternehmen erhebliche Mühe haben, überhaupt noch ihre Garantieleistungen zu erwirtschaften, meint Poweleit.

Deshalb warnt der Experte: "In Zeiten stark steigender Lebenserwartung ist die Rentenversicherung ein unglaublich riskantes Produkt." Wenig Verständnis hat Poweleit vor diesem Hintergrund für die politisch gewollte steuerliche Besserstellung von Rentenversicherungen. "Das entspricht der Risikostruktur der deutschen Bevölkerung überhaupt nicht. Aber offensichtlich wird auch in Berlin nicht darüber nachgedacht, was man da eigentlich tut."

Wie die Versicherer jetzt reagieren

Wie die Versicherer jetzt reagieren

Manche Versicherer haben längst begonnen, sich dem "Problem" der Langlebigkeit zu stellen, wie ihre Sprecher sagen. So habe die Allianz bereits 2003 die Rentendeckungsrückstellungen um zusätzliche 400 Millionen Euro aufgestockt. Die Hamburg Mannheimer habe 240 Millionen Euro zur Finanzierung solcher möglichen "Langlebigkeitsrisken" zusätzlich zurückgelegt.

Und schon vor Veröffentlichung der jüngsten Sterbetafeln habe die Hamburger Versicherung für das Neugeschäft in 2004 mit einer etwas längeren Lebenserwartung ihrer Versicherten kalkuliert, womit die Garantierente bei den neuen Verträgen allerdings geringer ausfallen musste.

Aufgrund dieser vorsorglichen Entscheidungen könne man den Effekt der Langlebigkeit zumindest in naher Zukunft "gut abfedern", glaubt man bei der Hamburg Mannheimer. Es werde auch künftig Überschussrenten geben. Die genauen Auswirkungen der Langlebigkeit ließen sich aber nicht vorhersagen. Beim Marktführer Allianz Leben hält man sich mit einer klaren Einschätzung in diesem Punkt zurück, signalisiert aber zugleich, dass die Belastungen durch dieses Phänomen steigen und größere Anstrengungen bei den Rückstellungen nötig werden könnten.

HM erwartet keine Kündigungswelle

Sicher ist: Die drastischen Kürzung der Überschussrente wird den Kunden der Hamburg Mannheimer bitter aufstoßen, und in Einzelfällen dürfte es nicht dabei bleiben. So liegt manager-magazin.de auch der Brief eines enttäuschten Versicherten vor, der für sich ein Widerspruchsrecht reklamiert und im Ergebnis seine bei der Hamburg Mannheimer abgeschlossene Rentenversicherung auflösen will. Zugleich verlangt er die Rückzahlung bereits gezahlter Prämien zuzüglich Zinsen.

"Wir erwarten keine Kündigungswelle im Zuge der gesenkten Überschussrenten", reagiert der Sprecher der Hamburg Mannheimer gelassen auf solche Begehren. Laufende Rentenversicherungen seien in der Regel nicht kündbar, es sei denn, ein Tarif sehe ausdrücklich ein Kündigungsrecht vor.

Der Experte erinnert in diesem Kontext daran, dass es in Folge der im Jahr 1994 erneuerten Sterbetafeln und damit einhergehender Kürzungen der Überschussrenten bei einzelnen Versicherern zu zahlreichen wirksamen Kündigungen gekommen sei. Der Grund: In den Verträgen sei keine Klausel enthalten gewesen, die es dem Versicherer erlaubten, die Rentenzahlungen dieser verlängerten Lebenserwartung anzupassen. In diesem Punkt sehe sich die Hamburg Mannheimer rechtlich aber auf der sicheren Seite, da die besagte Anpassungsklausel Standard in jedem Vertrag sei.

"Kürzungen kein Sanierungsbeitrag für die Victoria"

Zugleich weist die Versicherung Spekulationen verärgerter Kunden zurück, die jetzt beschlossene Kürzung sei womöglich ein Sanierungsbeitrag für das Schwesterunternehmen Victoria. Letztere gehört genauso wie die Hamburg Mannheimer zur Ergo-Versicherungsgruppe, die sich mehrheitlich im Besitz der Konzernmutter Münchener Rück befindet. Die Münchener mussten im vergangenen Jahr der schwächelnden Victoria eine Kapitalspritze von 400 Millionen Euro zukommen lassen.

"Die Marken der Ergo-Gruppe sind getrennt, auch buchhalterisch. Die Finanzierungshilfe der Victoria ist aus München und nicht aus Hamburg gekommen. Wenn die Hamburg Mannheimer Geld an den Großaktionär abführt, sind das Vereinbarungen, die nichts mit der Victoria zu tun haben", heißt es.