Lebensversicherer "Kein Ertrag ohne Risiko"

Still und leise wird sich der Überlebenskampf unter deutschen Lebensversicherern vollziehen. Viele werden ihn nicht überstehen, sagt Dirk Popielas von Goldman Sachs. Im Interview mit manager-magazin.de spricht der Experte über die künftigen Anforderungen an die Branche sowie den Spagat zwischen Rendite, Risiko und Auflagen.

mm.de:

Ende 2003 prognostizierte Goldman Sachs, eine scharfe Konsolidierung der Branche werde innerhalb von fünf Jahren nahezu jeden dritten Anbieter vom Markt fegen. Derzeit sieht es nicht danach aus. Steht Ihr Haus noch zu dieser These?

Popielas: Ob diese Schätzung von rund 30 Prozent aufrecht zu erhalten ist, wird die Zukunft zeigen. Wir sehen aber bereits jetzt sehr wohl erste Konsolidierungstendenzen. So haben große deutsche Versicherungsgruppen die Anzahl ihrer Marken reduziert. Es gab erste Merger-Aktivitäten im Bereich der öffentlichen Versicherer. Zudem ist zu beobachten, dass einzelne Versicherer nicht mehr mit Produkten aktiv am Markt sind und sich auf andere Sparten konzentrieren, ohne dass der Versicherer nun in Gänze von der Bildfläche verschwindet.

mm.de: Sie würden die Prognose in dieser Form also nicht wiederholen?

Popielas: Ja. Wir erwarten eine Konsolidierung und Polarisierung der Branche, aber auf die stille Art.

mm.de: Der Branchenverband GDV hat erst kürzlich die Krise deutscher Lebensversicherer für überwunden erklärt. Stille Lasten stark reduziert, Kapitalausstattung mehr als ausreichend, Reservebildung auf gutem Weg - um nur einige Stichworte zu nennen. Teilen sie diese Einschätzung?

Popielas: Ich stimme zu, dass die Branche insgesamt ihre Finanzbasis gestärkt hat. Ein Großteil der stillen Lasten wird gegen Ende des Jahres auch abgebaut sein. Vorsichtig wäre ich aber mit der Aussage, dass die Industrie als Ganzes aus ihrer schwierigen Lage bereits herausgefunden hat. Für mich stellt sich die Zukunft grob umrissen wie folgt dar: Es wird Gewinner geben, die wegen ihrer Finanzstärke überproportional Marktanteile gewinnen werden. Wir werden aber ebenso Versicherer sehen, die auf Grund ihrer schwächeren Reservenbildung und Kapitalausstattung Probleme haben dürften, überhaupt Neugeschäft zu akquirieren.

mm.de: Wird die Finanzkraft eines Versicherers die entscheidende Rolle im Überlebenskampf spielen und welche Chancen räumen sie Nischenanbietern ein?

Popielas: Nischenanbieter haben bei der zu erwartenden Konsolidierung des Marktes sehr gute Überlebenschancen, wenn sie über attraktive Produkte verfügen sowie eine saubere und starke Bilanz aufweisen können. Nische bedeutet ja nicht, dass diese Anbieter finanziell schwach sind, sondern dass sie womöglich nur regional oder in speziellen Produktbereichen aktiv sind.

Mehr Effizienz im Portfolio ist gefragt

mm.de: Größe an sich ist demnach keine Garant für Erfolg?

Popielas: Größe an sich ist eindeutig nicht das alleinige Ausschlag gebende Kriterium. Große Versicherer haben vielleicht eine bessere Ausgangsposition, sich den Anforderungen zu stellen. Größeren Häusern dürfte es zum Beispiel leichter fallen, Ressourcen für Risikomanagement, Systementwicklung und Schulung des Vertriebs zu gewinnen. Aber Größe alleine ist noch keine Garantie für Erfolg.

mm.de: Wahrscheinlich ist, dass sich die Kapital bildende Lebensversicherung wegen der wegfallenden Steuerfreiheit ab 2005 schlechter verkaufen wird. Welche Chancen räumen sie der fondsgebundenen Variante ein?

Popielas: Die Nachfrage nach der Kapital bildenden Lebensversicherung wird sicherlich fallen - wie stark, ist allerdings offen. Fondsgebundenen Kapital-Lebensversicherungen räume ich eine deutlich geringere Zukunftsaussicht ein. Auch auf Grund des niedrigen Zinsniveaus und der damit zunehmenden Vergleichbarkeit mit Investmentprodukten fallen hier Kaufgründe weg. Ich erkenne jedenfalls nicht, warum der Kunde eine steuerlich nicht mehr geförderte, fondgebundene Police mit Kapitalauszahlung einem Fondsinvestment vorziehen sollte.

mm.de: Sehen Sie einen adäquaten Ersatz für den Verkaufsschlager Lebensversicherung?

Popielas: Das könnten neue Rentenprodukte sein, die zum einen das Langlebigkeitsrisiko abdecken und Mindestrenditen garantieren. Zudem sehe ich durchaus Chancen für die fondsgebundene Rentenversicherung. Diese Produkte dürften die Lücke zwar nicht ganz schließen, die die traditionelle Kapital-Lebensversicherung hinterlässt. Wir erwarten aber zugleich einen starken Impuls über die betriebliche Altersvorsorge. 2005 wird das das Jahr der betrieblichen Altersvorsorge.

mm.de: Die durchschnittliche Überschussbeteiligung wird 2005 erstmals nach vier Jahren wohl nicht fallen. 4,3 Prozent sind anvisiert. Für die Versicherten eine erfreuliche Nachricht. Doch Garantiezinsen und Überschüsse wollen verdient sein. Muss die Branche für ihre Versprechen künftig höhere Risiken am Kapitalmarkt eingehen?

Popielas: In dem derzeit niedrigen Zinsumfeld muss die Branche nicht zwingend absolut höhere Risiken eingehen. Sie muss aber ihr Kapitalanlageportfolio effizienter gestalten. Sie sollte neue Asset-Klassen aufnehmen, die dann über Diversifikationseffekte auch mehr Ertrag bringen. Der Portfoliokonstruktion, dem Risikomanagement und der Überwachung des jeweiligen Risikos wird eine höhere Bedeutung zukommen als in der Vergangenheit.

mm.de: Welche neuen Anlage-Klassen meinen Sie?

Popielas: Wir meinen vor allem Asset-Klassen, die so genannte unkorrelierte Ertragsquellen erschließen können. Das heißt, ihre Wertentwicklung ist weniger von der Entwicklung der Aktienmärkte als von Managementfähigkeiten abhängig. Dazu zählen sicherlich die unterschiedlichen Hedgefonds-Strategien. Investitionen in Emerging Markets und Hochzinsanleihen könnten das Portfolio ebenso ergänzen. Im Aktienbereich könnten dies Small- und Mid-Caps sein.

Spagat zwischen Rendite, Risiko und Auflagen

mm.de: Mit Blick auf Hedgefonds hat die Finanzaufsicht die Anlagehürden für die Assekuranz nun aber recht hoch geschraubt. Unnötige Bevormundung oder vorausschauender Kundenschutz - zu welcher Interpretation neigen Sie?

Popielas: Ich kann das Bestreben der Aufsicht nachvollziehen, dass die Versicherer nur in jene Asset-Klassen investiert sein sollten, die sie auch verstehen, überwachen und kontrollieren können. Andererseits bewerte ich die Anforderungen der Bafin, die sie in dem Rundschreiben an die Branche gestellt hat, als äußerst hoch. Im Grunde hat die Aufsicht damit die notwendige Flexibilität, die mit der neuen Anlageverordnung geschaffen wurde, wieder sehr eingeengt. Das macht es den Lebensversicherern nicht leichter, ihr Portfolio zu diversifizieren. Ich hätte mir für die Branche mehr Freiheiten gewünscht.

mm.de: Mit "Solvency II" müssen die Lebensversicherer künftig ihre Risiken - dazu darf man auch hohe Garantiezinsen aus alten Verträgen zählen - mit mehr Eigenkapital unterlegen. Verschärfte Auflagen über eine entsprechende EU-Richtlinie könnten auch für schwankungsanfällige Portfolios gelten. Die Kapitalkosten werden also steigen. Zwingt das die Anbieter nicht geradewegs in risikoärmere und damit renditeschwächere Papiere?

Popielas: Noch steht der genaue Inhalt für Solvency II ja nicht fest. Grundsätzlich strebt man mit den neuen Regeln an, dass sich die Kapitalanlagestruktur zunehmend an der Struktur der Verbindlichkeiten orientieren soll. Das bedeutet aber nicht notwendigerweise den Verzicht auf risikoreichere Investitionen, sondern dass die Lebensversicherer ihrer Portfoliokonstruktion und der Diversifikation mehr Aufmerksamkeit widmen müssen. Darüber hinaus kann die Branche auch über synthetische Produkte wie Derivate mögliche Risiken ausgleichen. In anderen europäischen Ländern wird das bereits praktiziert.

mm.de: Sie sehen also keine Entwicklung, die die Lebensversicherer zu einem noch konservativeren Anlageverhalten drängt?

Popielas: Nein. Das wäre zudem nicht zielführend, weil wir uns auch auf absehbare Zeit in einem niedrigen Zinsumfeld bewegen werden. Dort ist aber die Marge, die ein Versicherer über den risikofreien Zins hinaus verdienen kann so gering, dass er nur schwer seine Verbindlichkeiten und gegebenen Garantien finanzieren kann. Ein Versicherer muss also Wege finden, sich mit Risikokapital Ertragsquellen zu schaffen. Lassen Sie mich es so formulieren: Wer seine Risiken komplett absichert, hat kaum Aussicht auf Ertrag. Die Versicherer müssen also Risiken eingehen, um Überschussrenditen zu erwirtschaften.

mm.de: Blicken wir in diesem Zusammenhang auf den Versicherten. Glauben Sie, dass er eine höhere Risikobereitschaft seines Anbieters überhaupt mittragen wird - etwa durch den Kauf von Produkten, die den Kapitalerhalt aber keine Verzinsung mehr garantieren?

Popielas: Das kommt auf die Mentalität des Verbrauchers an. Banken und Fondsgesellschaften werden diese Produkte auf dem Kapitalmarkt künftig verstärkt anbieten. Die Versicherer müssen sich im zunehmenden Wettbewerb mit Bankprodukten aber auch von eben diesen Produkten unterscheiden. Das heißt, sie sollten mehr bieten als den bloßen Kapitalerhalt. Eine gewisse Mindestverzinsung gehört in jedes Versicherungsprodukt hinein, sonst könnte der Kunde ja gleich bei der Bank kaufen.

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