Anlagestrategie Die zwölf Investmentsünden

Auch vier Jahre nach dem Platzen der Technologieblase tappen viele Privatanleger immer noch in die gleichen Investmentfallen. Sie kaufen ohne Strategie, schichten zu viel um oder halten zu lange an schlechten Aktien fest. Der Analysten-Berufsverband hat die zwölf häufigsten und kostspieligsten Fehler zusammengestellt.

Hamburg/London/Frankfurt am Main - Viele Aktienportfolios von Privatinvestoren könnten mit geringem Mehraufwand deutlich bessere Renditen abwerfen, hat der Analystenverband CFA herausgefunden. Das CFA-Institut hat einige seiner weltweit 70.000 Mitglieder in einer Umfrage zu den häufigsten und kostspieligsten Fehlern von Privatanlegern befragt.

Die Finanzmarktexperten monierten vor allem eine fehlende Strategie bei den Investoren, ungenügende Kenntnisse über den Markt und das eigene Depot, hektisches und unüberlegtes Handeln und überzogene Erwartungen. Das Ergebnis der Umfrage macht dennoch Mut: "Mit ein bisschen Umsicht lassen sich all diese Fehler zu einem großen Teil vermeiden", so Iris Uhlmann, Geschäftsführerin der Call Capital & Finance in Berlin und Vorstandsmitglied der German Association of Investment Professionals (GAIP), dem deutschen Lokalverband des CFA.

Die vom CFA zusammengetragenen zwölf Investmentsünden im Einzelnen:

Fehlende Anlagestrategie

Anleger sollten nach Ansicht der CFA von Anfang an eine Langfriststrategie entwerfen, die als Grundlage künftiger Entscheidungen dient. Eine gut geplante Strategie berücksichtige verschiedene Faktoren, darunter den Zeithorizont, die Risikotoleranz, den verfügbaren Anlagebetrag und zukünftig geplante Einzahlungen.

Uhlmann rät Anlegern, sich bereits im Vorfeld eine klare Vorstellung davon zu machen, "was sie erreichen wollen und wie viel Risiko und Volatilität sie dafür in Kauf nehmen können und wollen."

Ungenügende Risikostreuung

Eine einzelne Aktie birgt ein höheres Risiko als ein diversifizierter, offener Investmentfonds oder Index-Fonds. Um Rückschlagsrisiken zu minimieren, sollten Anleger deshalb ein breit diversifiziertes Portfolio halten, das verschiedene Anlageklassen und -arten in sich vereint.

Brian Breidenbach, Managing Principal von Breidenbach Capital Consulting, warnt jedoch davor, Fondsdiversifizierung mit Portfoliodiversifizierung zu verwechseln: Selbst wer mehrere Fonds halte, könnte immer noch in ähnlichen Branchen und sogar in denselben Wertpapieren investiert sein.

Aber auch eine zu große Streuung kann gefährlich werden. Uhlmann gibt zu bedenken, dass zu viele Anlageprodukte bei einem relativ kleinen Portfolio hohe Gesamtgebühren im Verhältnis zur Portfoliogröße verursachen.

Der Trend ist nicht immer dein Freund

Der Trend ist nicht immer dein Freund

Der dritte Fehler, dem Privatanleger häufig erliegen, resultiert aus einer übereilten Kaufentscheidung. Anleger müssen nach Ansicht der Finanzexperten die Fundamentaldaten des Unternehmens und der Branche gründlich analysieren - und nicht nur auf tagesaktuelle Entwicklungen des Aktienkurses achten.

"Anleger neigen sehr stark dazu, Aktien zu erwerben, auf die man eher zufällig auf Grund von Tagesmeldungen aufmerksam geworden ist oder weil einem die Produkte beziehungsweise Dienstleistungen des Unternehmens zusagen. Mit einer fundamentalen Analyse der Langfristperspektiven hat dies in der Regel nichts zu tun", sagt Andreas Sauer, GAIP-Präsident und Geschäftsführer der Union PanAgora Asset Management. Darüber hinaus sollten Investoren das Corporate-Governance-Profil eines Unternehmens genau unter die Lupe nehmen. So könnten sie sich vergewissern, dass grundlegende Kontrollmechanismen vorhanden sind.

Hoch kaufen ...

Das wesentliche Grundprinzip der Kapitalanlage ist einfach: Bei niedrigen Kursen kaufen, bei hohen Kursen wieder verkaufen. Bei vielen Privatanlegern sieht die Anlagehistorie jedoch genau andersherum aus. "Sie jagen der Performance hinterher", erklärt Beth Hamilton-Keen von TAL Private Management die negative Entwicklung. "Zu viele Anleger investieren in Assetklassen, die im vergangenen Jahr oder in den letzten paar Jahren gut abgeschnitten haben. Sie gehen davon aus, dass sich diese Anlagen angesichts ihrer guten Performance in der Vergangenheit auch in Zukunft gut entwickeln werden. Diese Annahme ist falsch."

Helmut Henschel von WestLB Research sieht dies ähnlich: "Zu den typischen Anlegern, die hoch einkaufen und niedrig verkaufen, gehören diejenigen, die zwar eine langfristige Anlagestrategie haben, denen aber das nötige Durchhaltevermögen fehlt. Bei kurzfristigen Marktausschlägen werfen sie ihre Strategie über den Haufen und investieren taktisch statt strategisch".

Henschel empfiehlt Anlegern deshalb, beim Investment nicht nur die Performance in der Vergangenheit, sondern auch die zukünftigen Wachstumsaussichten kritisch zu betrachten. Anleger, die Modetrends folgten, liefen Gefahr, auf dem Höhepunkt eines Trends zu besonders hohen Kursen einzukaufen.

Hin und Her macht Taschen leer

... und niedrig verkaufen

Umgekehrt scheuen sich Anleger aber auch, ihr Investment wieder abzustoßen, solange sie noch im Minus sind. Wer eine Aktie mit Verlust wieder verkauft, muss sich nämlich selbst einen Fehler eingestehen - und davor schrecken viele zurück.

Die CFA-Experten raten deshalb, Verluste unbedingt zu begrenzen. Investoren sollten sich darüber im Klaren sein, dass nicht jede Anlage an Wert zulegt und auch professionelle Anleger Schwierigkeiten haben, den Dax zu schlagen. Das Rezept gegen zu große Verluste ist einfach: Für jede Aktie immer eine Stop-Loss-Order setzen.

Immer wieder etwas Neues

Allzu häufiges Umschichten erkannten die CFA-Experten als weiteren häufigen Fehler in Privatdepots. Das Kaufen und Verkaufen zehre die Anlagerenditen förmlich auf.

Die University of California kam in einer Studie zu dem Schluss, dass eine langfristige "Buy-and-Hold"-Strategie höhere Renditen verspricht als der aktive Trading-Ansatz. Untersucht wurde die Wertentwicklung von 64.615 Depots bei einem großen Discount-Broker zwischen 1991 und 1996. Das Ergebnis: Ohne Transaktionskosten erzielten die Anleger eine Rendite auf Jahresbasis von 17,7 Prozent, also knapp 0,6 Prozent über der Gesamt-Performance. Die Transaktionskosten haben aber einen Gutteil der Renditen verschlungen, das Gesamtplus der Investoren lag nur noch bei 15,3 Prozent, also 1,8 Prozent unter der Marktperformance.

Ich weiß etwas, was du nicht weißt

"Zu glauben, dass niemand sonst über neue und aktuelle Informationen verfügt, ist natürlich ein Irrtum. Als Faustregel gilt: Wenn Sie es gehört haben, haben es viele andere auch bereits gehört - folglich sind die Informationen wahrscheinlich schon im Marktkurs eingepreist", fasst Dirk Gojny von der GAIP und der HSH Nordbank Fehler Nummer sieben zusammen. Anleger würden sich bei vielen Investmententscheidungen zu sehr an "brandheißen Neuigkeiten" oder "Insidertipps" orientieren, statt sich an professionelle Berater zu wenden.

Wie viel kostet ein Aktienkauf?

Um dem unüberlegten Aktienkauf die Krone aufzusetzen, sind viele Privatanleger nicht einmal über die Gebührenstruktur ihres Brokers oder ihrer Bank informiert. Die CFA empfiehlt deshalb, sich vor der Kontoeröffnung über alle anfallenden Kosten zu informieren. Darüber hinaus sollten zur Bestimmung der Gesamtperformance die Anlagerenditen um alle Aufwendungen bereinigt werden.

Die Börse ist nichts für Träumer

Warten, warten, warten

Was die CFA-Experten als Investmentsünde Nummer neun identifiziert haben, gilt unter Anlegern als komfortable Notlösung: Da die Kapitalertragssteuer nach einer einjährigen Spekulationsfrist entfällt, halten viele Investoren performancestarke Titel entsprechend lange in ihrem Depot. Das ist an sich noch kein Problem. Sollte ein Wertpapier aber eine zu hohe Gewichtung im Gesamtportfolio erreichen, kann es sinnvoll sein, schon vor Ablauf der Spekulationsfrist Teilverkäufe zu tätigen.

Die Börse ist nichts für Träumer

Anlegern mangelt es bisweilen an der nötigen Geduld, was sie dazu verleitet, übermäßige Risiken einzugehen. Bei Kapitalanlagen ist deshalb eine langfristige Planung wichtig. Robert R. Johnson, Executive Vice President des CFA-Institut empfiehlt Anlegern deshalb, die eigene Depot-Performance immer mit den Benchmark-Indizes zu vergleichen. So könne der Privatinvestor eine realistische Einschätzung erreichen. "Wenn ein Anleger Renditen von 20 bis 25 Prozent pro Jahr erwartet, ist die Enttäuschung schon vorprogrammiert", so Johnson.

Auch das US-Research-Haus Ibbotson Associates nimmt etwas Luft aus den Erwartungen: Die Analysten haben die Wertentwicklung von Stammaktien für den Zeitraum von 1926 bis 2001 untersucht und eine durchschnittliche Rendite errechnet von 10,7 Prozent vor Steuern und Inflation und 4,7 Prozent nach Steuern und Inflation. Die Renditen auf langfristige Anleihen betrugen für den gleichen Zeitraum 5,3 Prozent vor Steuern und Inflation und 0,6 Prozent nach Steuern und Inflation.

Immer am Ball bleiben

Nach Misserfolgen an der Börse verlieren viele Anleger häufig das Interesse oder den Mut - ein Fehler, wie die CFA-Experten meinen. Investoren sollten stattdessen immer am Ball bleiben, also regelmäßig in ihr Portfolio einzahlen, alle Positionen regelmäßig überprüfen und auch die Gesamtstrategie fortlaufend in Augenschein nehmen.

Hasenfuß oder Draufgänger?

Als zwölften und letzten typischen Anlegerfehler haben die Analysten ein fehlendes Risikobewusstsein aufgeführt. "Man darf nie vergessen, dass es keine risikofreien Investments gibt", meint Johnson. Deshalb müssten Anleger bereits vor dem Aktienkauf ihre eigene Risikobereitschaft ermitteln. Dazu gehört, dass ein möglicher Vermögensverlust nicht nur in Geld gemessen wird, sondern auch die Auswirkungen auf die eigene Psyche abgeschätzt werden. Wenn die Bewertung der eigenen Risikotoleranz erst nach dem ersten Depotschock erfolgt, ist es zu spät.

Im Allgemeinen sollten Anleger, die für langfristige Ziele planen, eine höhere Risikobereitschaft mitbringen, um im Gegenzug eine Chance auf höhere Renditen zu erhalten.

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