Soll & Haben Nach dem Stahlbad

Problem erkannt, Problem gebannt? Von wegen - auch wenn 72 Prozent der Deutschen das Rentensystem kurz vor dem Zusammenbruch wähnen, hat über ein Drittel von ihnen noch gar nichts für die private Altersvorsorge getan. Nur eines von vielen interessanten Ergebnissen der Marktstudie "Soll & Haben".
Von Arne Stuhr

Hamburg - Bereits zum sechsten Mal seit 1980 haben der SPIEGEL-Verlag und der manager magazin Verlag die umfassendste deutsche Markt- und Medienstudie zum Thema Finanzdienstleistungen durchführen lassen. Insgesamt wurden für "Soll & Haben 6" über 10.100 Personen repräsentativ für die deutsche Wohnbevölkerung ab 14 Jahren befragt.

Die letzte Umfrage "Soll & Haben 5" war im Jahre 2000 kurz vor dem Börsencrash durchgeführt worden. Von dem Crash hat sich der Aktienmarkt bis heute nicht wieder erholt. Immerhin scheinen die dramatischen Verluste vieler Anleger die Bevölkerung für das Thema Finanzen sensibilisiert zu haben. So bezeichnen sich immerhin mittlerweile 49 Prozent der Befragten als in Geldangelegenheiten kompetent. Vor fünf Jahren behaupteten das nur 33 Prozent der Deutschen.

"So hatte das Stahlbad vielleicht doch noch etwas Gutes", sagt Sven Dierks, Leiter der Marktforschung der SPIEGEL-Gruppe. Ob sich das Finanzwissen allerdings auch tatsächlich verbessert habe, belege diese Zahl aber nicht. Die Vermutung der späten 90er Jahre, Deutschland entwickle sich zu einem Land der Aktionäre, habe sich auf jeden Fall nicht bestätigt: 79 Prozent der Bevölkerung haben bei der Anlage in Aktien Angst vor großen Verlusten, 41 Prozent halten Aktien derzeit nicht für eine vorteilhafte Geldanlage. Vor vier Jahren stand nicht mal jeder sechste Deutsche der Aktie skeptisch gegenüber.

So viele Aktionäre wie vor acht Jahren

Die Folgen dieses Sinneswandels sind eindeutig. Hatte 2000 noch fast jeder zehnte Deutsche Aktien im Depot, sind aktuell nur noch 6 Prozent der Bevölkerung Aktionäre. "Damit sind wir fast wieder beim Bodensatz angekommen, der schon bei der Befragung vor acht Jahren gemessen wurde", fasst Marktforscher Dierks zusammen.

Anforderung an die ideale Geldanlage (Auswahl)

Sehr wichtig/ziemlich wichtig Prozent
Geldanlage, die langfristig eine gute Rendite bringt 91
Geldanlage ohne Risiko 91
Geldanlage, die nicht entwertet wird 91
Geldanlage mit konstantem Wertzuwachs 90
Ständig gleich bleibender Ertrag 84
Geldanlage, die meine Bank/Sparkasse empfiehlt 68
Geldanlage mit dauerhafter staatlicher Förderung 58
Geldanlage mit der Freunde/Bekannte gute Erfahrungen gemacht haben 55
Geldanlage, bei der man Verluste steuerlich abschreiben kann 47
Geldanlage, die mein Steuerberater/Vermögensberater empfiehlt 42
Quelle: SPIEGEL-Verlag 2004

Zur gewachsenen Vorsicht bei der Investition in Aktien passt auch das gestiegene Misstrauen gegenüber Ratgebern. Nur 42 Prozent setzen auf Empfehlungen ihres Steuerberaters (2000: 49 Prozent). Auch die guten Erfahrungen von Freunden und Bekannten haben mit 55 Prozent (60 Prozent) an Bedeutung eingebüßt. Immerhin setzen aber noch 68 Prozent (69 Prozent) auf den Rat der Hausbank.

Dennoch sinkt die Loyalität der Kunden. Mittlerweile haben 27 Prozent der Deutschen mindestens einmal das Geldinstitut gewechselt, vor vier Jahren waren es erst 23 Prozent. Die Zahl derjenigen, die einen Wechsel planen, hat sich von 6 Prozent im Jahr 2000 auf nun 10 Prozent fast verdoppelt.

Dauerthema Altersvorsorge

Dauerthema Altersvorsorge

Ungelöstes Dauerthema ist und bleibt die Altersvorsorge. 72 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass das gesetzliche Rentensystem hier zu Lande vor dem Zusammenbruch steht. Doch auch die private Auffanglösung kommt nicht gut weg. Knapp zwei Drittel gehen davon aus, dass auch die Angebote zur privaten Absicherung nicht wirklich krisensicher sind. Dass man so früh wie möglich vorsorgen solle, ist aber für über 90 Prozent unumstritten.

Anlagen zur Altersvorsorge

Eignung* Persönlicher Besitz*
Kapital-Lebensversicherung 34 18
Eigengenutzte Immobilien/Grundbesitz 33 17
Private Rentenversicherung 19 4
Vermietete Immobilien/Grundbesitz 16 3
Sparvertrag mit regelm. Einzahlung/Laufzeit 15 7
Keine 6 36
*in Prozent; Quelle: SPIEGEL-Verlag 2004

Die düsteren Prognosen in Sachen Ruhestandsversorgung gehen einher mit einer generell schlechten Stimmung im Volk. 60 Prozent sehen die Zukunft der Gesellschaft eher pessimistisch. Damit liegen die aktuellen Zahlen deutlich über dem bekannten Stock von generell skeptisch eingestellten Menschen, der mit 30 bis 40 Prozent veranschlagt wird. Kleiner Trost: Bei den 14- bis 29-Jährigen sehen immerhin 79 Prozent optimistisch in die eigene Zukunft.

Technik wird nicht mehr als Bedrohung gesehen

Ebenfalls zuversichtlich - zumindest aus Sicht der Banken - dürfte stimmen, dass die Kunden den Einsatz von Technik mittlerweile als selbstverständlich betrachten. Fanden es vor acht Jahren noch zwei Drittel der Bevölkerung bedauerlich, dass die Banken Menschen durch Maschinen ersetzen, fiel der Aspekt der Technikangst bei der aktuellen Umfrage schon nach den Vortests aus dem Fragenkatalog.

Wirtschaftliche Sorgen und Probleme (Auswahl)

Sehr wichtiges/ziemlich wichtiges Problem*
Wirtschaftliche Entwicklung/Konjunktur in Deutschland 92
Erhalt des Sozialstaates/Absicherung von Menschen in Not 92
Inflation/"Teuro" 91
Arbeitslosigkeit/Abbau von Arbeitsplätzen 88
Wachsende Unterschiede zwischen Arm und Reich 87
*in Prozent; Quelle: SPIEGEL-Verlag 2004

Vielmehr sind anno 2004 drei Viertel der Bankkunden davon begeistert, dank moderner Technik nicht mehr auf die Öffnungszeiten angewiesen zu sein. Damit einher geht auch eine zunehmende Einbindung des Internets als Informationsquelle. Bereits gut 11 Prozent der Kunden nutzen in Finanzfragen das Web. Unangefochtene Nummer eins als Informationsquelle ist aber bei 80 Prozent der Befragten ihr Berater in der Zweigstelle, von dem sich immer mehr Kunden (17 Prozent) auch gerne in den eigenen vier Wänden beraten lassen würden.

Hier haben die Deutschen ihre Konten

Hier haben die Deutschen ihre Konten

Die meisten Deutschen haben nach wie vor ihr Konto bei einer Sparkasse (59 Prozent), die deutlich vor den Volks- und Raiffeisenbanken (26 Prozent) und der Postbank (9 Prozent) rangieren. Allerdings bestätigt die Studie "Soll & Haben" auch einen Trend zur Zweit- oder Drittbankverbindung.

Bei welchem Kreditinstitut besitzen Sie ein Konto?

Prozent
Sparkasse 59
Volks-/Raiffeisenbank 26
Postbank 9
Deutsche Bank 6
Sparda-Bank 4
Commerzbank 3
Dresdner Bank 3
DiBa 3
Citibank 2
HypoVereinsbank/Vereins- und Westbank 2
Quelle: SPIEGEL-Verlag 2004


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