Geldanlage Zwischen Fatalismus und Angst

Fast die Hälfte der Deutschen meidet finanzielle Fragen und fühlt sich im Umgang mit Geld überfordert. Das ergab eine Studie der Commerzbank. Besonders verheerend: Gerade junge Menschen schieben den Gedanken an Vermögensbildung und Rentenvorsorge allzu gerne beiseite.
Von Lutz Knappmann

Hamburg - Es gibt den "Souveränen" und den "Ambitionierten", den "Überforderten" und den "Bescheidenen". Insgesamt acht so genannte Geldtypen charakterisiert die Commerzbank-Studie "die Psychologie des Geldes".

Doch auch wenn die Namen lustig klingen, die Kernaussage der Studie ist ernüchternd. Denn allein 45 Prozent der Bevölkerung fallen ausgerechnet in jene drei Kategorien, die von besonders großen Berührungsängsten im Umgang mit finanziellen Fragen geprägt sind. "Überforderte", "leichtfertige" und "bescheidene" Geldtypen vermeiden am liebsten jede Auseinandersetzung mit dem Thema Geld.

Das Marktforschungsinstitut Sinus Sociovision hat 1000 Bundesbürger im Alter zwischen 18 und 65 Jahren nach ihrer Einstellung zum Geld und ihrem Umgang mit den privaten Finanzen befragt. Die Ergebnisse stimmen wenig optimistisch. Nicht einmal ein Fünftel der Bevölkerung, so das Ergebnis, begegnet Geld dagegen im Alltag unbefangen und mit Spaß und Interesse.

Hemmschwellen müssen abgebaut werden

"Ein brisantes Ergebnis angesichts von drei Millionen Haushalten in Deutschland, die schon heute ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können", sagt Stefan Hradil, Professor für Soziologie an der Uni Mainz, der die Studie begleitet hat. "Gerade diese Betroffenen haben häufig eine resignative Einstellung zu Gelddingen", so Hradil. "Doch die ist eine Auswirkung ihrer wirtschaftlichen Lage und gleichzeitig auch eine Ursache dafür, dass es nicht besser wird."

"Die negative Grundhaltung vieler Menschen gegenüber Finanzthemen führt oft dazu, dass die Betroffenen das Thema verdrängen und dann schneller in eine finanzielle Schieflage geraten können, wenn unvorhersehbare Ereignisse eintreten", warnt Thomas Heinrich, Leiter des Commerzbank-Ideenlabors, das die Studie in Auftrag gab.

Dabei wird eigenständiges Engagement in finanziellen Dingen immer wichtiger. Angesichts tief greifender Sozialreformen sehen sich immer mehr Menschen mit der Aufgabe konfrontiert, ihre finanzielle Zukunft selbst zu gestalten. "Die Hoffnung trügt, dass die nachwachsende Generation darauf ausreichend vorbereitet ist", konstatiert Soziologe Hradil. Gerade in der Gruppe der "Überforderten" liegt der Anteil jüngerer Menschen zwischen 20 und 29 Jahren überdurchschnittlich hoch, ergab die Studie.

Eine gewaltige Herausforderung - nicht nur für die Kundenbetreuung der Banken. Die Studie belegt, dass die Geldhäuser nicht nur mehr Gewicht auf eine individuelle Betreuung jedes einzelnen Kunden legen, sondern bei vielen zuerst große Hemmschwellen abbauen müssen. Soziologe Hradil sieht neben den Banken aber vor allem Bildungsträger und staatliche Institutionen in der Bringschuld. "Man kann nicht ständig finanzielle Aufgaben auf den Einzelnen verlagern und dabei ignorieren, dass viele Menschen gar nicht die mentalen Voraussetzungen besitzen, diese Aufgaben zu leisten."

Die acht Geldtypen im Überblick:

Der Souveräne

Der Souveräne

Der souveräne Typ hat ein uneingeschränkt positives und aufgeschlossenes Verhältnis zum Geld. 11 Prozent der Befragten ordnet die Commerzbank-Studie ihm zu - überwiegend Männer, schwerpunktmäßig im Alter zwischen 40 und 59 Jahren. Seine eigenen finanziellen Angelegenheiten hat der Souveräne vollkommen im Griff. Er ist davon überzeugt, selbst aktiv für die Vermehrung seines Vermögens sorgen zu müssen. Den Ratschlägen von Finanzberatern traut er nicht, im Gegenzug wird er in Geldfragen überdurchschnittlich häufig um Rat gefragt. Die Studie rät ihm deshalb auch, "seine positive Einstellung und sein Wissen mit anderen Menschen, die mehr Berührungsängste in Geldfragen haben, zu teilen."

Der Ambitionierte

Der Ambitionierte

Dieser Geldtyp repräsentiert die kleinste Bevölkerungsgruppe - gerade einmal 7 Prozent der Befragten. Der Ambitionierte redet gern über Geld auch mit Freunden und Bekannten. Der Ambitionierte versammelt den höchsten Männeranteil der Studie. "Nur wenn man Geld hat, lässt sich das Leben richtig genießen", lautet sein Lebensmotto. Deshalb richtet er sein Leben stark am finanziellen Erfolg aus und ist bereit, dafür auch größere Risiken einzugehen. Er versucht selbst dafür zu sorgen, dass immer genug Geld vorhanden ist. Die Marktforscher sehen den ambitionierten Geldtypen deshalb gefährdet, allzu viel Risiko einzugehen. "Wer hoch fliegt, kann auch tief fallen", warnen sie.

Der Vorsichtige

Der Vorsichtige

Wichtigstes Kriterium in Finanzfragen ist für den "vorsichtigen" Geldtypen der "rationale Umgang mit Geld". Er setzt auf bewusste und risikoarme Vermögensplanung und Altersvorsorge. Sorgen um seine finanzielle Zukunft macht er sich nicht, Fatalismus ist ihm ein Fremdwort. Immerhin 11 Prozent der Bevölkerung fallen der Studie zufolge in diese Kategorie - gleichmäßig verteilt auf Männer und Frauen mit eher überdurchschnittlichem Einkommen und einem hohen Bildungsstand. Der Vorsichtige legt wenig Wert darauf, sich ständig aktiv um sein Vermögen zu kümmern. Typischerweise wählt er langfristige und sichere Anlageformen, legt jeden Monat eine feste Summe beiseite. Bisweilen verpasst er dabei aber auch Chancen. "Der Vorsichtige sollte darüber nachdenken, dass auch Geld, das er nicht verdient, obwohl er es risikolos hätte verdienen können, einen finanziellen Verlust bedeutet", mahnt die Studie.

Der Pragmatiker

Der Pragmatiker

"Geld hat in unserer Gesellschaft einen viel zu hohen Stellenwert", lautet die häufigste Kritik der Pragmatiker. Mit rund 16 Prozent Bevölkerungsanteil gehören sie zu den drei häufigsten Geldtypen. Dabei zählen sie überdurchschnittlich häufig zur Altersgruppe zwischen 20 und 39 Jahren. Im Mittelpunkt ihrer Auseinandersetzung mit Finanzfragen steht dabei die Suche nach neutralen Informationen - in Fachzeitschriften, im Internet, häufig aber auch im sozialen Umfeld. Sie haben eine sehr kritische Einstellung gegenüber Geld, das sie nicht für eine zwingende Voraussetzung halten, um gut zu leben. Entsprechend gering ist auch ihre Bereitschaft, sich aktiv um ihre finanzielle Zukunft zu kümmern. Dabei, so mahnt die Studie, könnten sie mit etwas mehr Einsatz, ihre finanziellen Möglichkeiten viel besser ausschöpfen.

Der Delegierer

Der Delegierer

Überwiegend Frauen im Alter zwischen 30 und 39 Jahren ordnen die Marktforscher dem Geldtyp des Delegierers zu - aber immerhin ein Zehntel der Befragten. Sie verfügen über ein leicht unterdurchschnittliches Einkommen. Delegierer sähen es am liebsten, wenn sie sich um finanzielle Angelegenheiten gar nicht kümmern müssten. Sie überlassen diese Aufgabe lieber Fachleuten, denen sie großes Vertrauen entgegenbringen. Ursache für dieses Desinteresse ist auch das Gefühl, im großen Angebot an Finanzinformationen längst nicht mehr durchzublicken. Die Studie warnt ausdrücklich davor, die Kontrolle über ihre finanzielle Situation völlig aus der Hand zu geben. "Nur wer eigenes finanzielles Wissen besitzt, kann die Vorschläge der verschiedenen Ratgeber auch beurteilen."

Der Bescheidene

Der Bescheidene

Bescheidenheit ist nicht immer eine Zier. In Geldfragen, so urteilt die Commerzbank-Studie, ist sie bisweilen sogar gefährlich. Immerhin 10 Prozent der Bevölkerung zählt die Studie zum bescheidenen Geldtyp - vorrangig ältere und weniger gebildete Menschen. Bezeichnend sei für sie vor allem "Passivität und der Wunsch nach staatlicher Fürsorge", so die Studie. Ihre Empörung, dass "die Errungenschaften des Sozialstaats immer weiter gekürzt werden", sei dementsprechend groß. Geld sehen die Bescheidenen als sehr persönliches Thema an, über das sie nur ungern reden. Die Studie rät deshalb, sich dem Thema Geld mehr zu öffnen. Vor dem Hintergrund eines tief greifenden Umbaus der Sozialsysteme sei mehr Eigeninitiative dringend erforderlich.

Der Leichtfertige

Der Leichtfertige

Besonders riskant lebt der leichtfertige Geldtyp. Mit einem Anteil von 16 Prozent repräsentiert er der Studie zufolge aber eine der drei größten Gruppen. Der Leichtfertige ist häufig älter als 50 und verfügt über ein einfaches Bildungsniveau. Prägend für seinen Umgang mit Geld ist eine Einstellung, die die Studie als "Vorsorgefatalismus" bezeichnet und auf die Formel bringt: "Es wird sich schon irgendwie alles regeln." Der Leichtfertige hat keine besondere Sparneigung, gibt sein Geld schnell und ohne nachzudenken wieder aus. Häufig gaben Vertreter des leichtfertigen Geldtyps zudem an, die Beschäftigung mit finanziellen Fragen bereite ihnen schlechte Laune. Auch, so spekulieren die Marktforscher, weil durch das unkontrollierte Ausgabeverhalten ständig Geldmangel herrsche. Schon das regelmäßige Führen eines Haushaltsbuches könnte etwas Kontrolle über die finanzielle Situation zurückbringen, raten sie deshalb.

Der Überforderte

Der Überforderte

Schon der Name verheißt nichts Gutes. Doch die Commerzbank-Studie zählt insgesamt 19 Prozent der Bevölkerung zu dieser Kategorie. Der Überforderte ist damit der häufigste Geldtyp in Deutschland. Er versammelt etwas mehr Frauen als Männer und tendenziell jüngere Menschen. Der Überforderte verweigert sich häufig der Auseinandersetzung mit finanziellen Themen. Seinen Umgang mit Geld prägen Distanz, Angst und ein Gefühl der Überforderung. Permanent fürchtet er, fürs Alter schlecht vorgesorgt zu haben. Gleichzeitig fehlt ihm aber auch eine Vorstellung, wie er dabei vorgehen könnte. "Das Thema Geld und Finanzen ist mir einfach zu kompliziert", formuliert die Studie einen Lieblingssatz des Überforderten. Besonders die Banken seien deshalb hier in der Pflicht, mit verständlicheren Angeboten und einer angenehmeren Beratungsatmosphäre an diese Kundengruppe heranzutreten, um sie für finanzielle Fragen stärker zu öffnen.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.