Altersvorsorge Was ist noch sicher vor Hartz IV?

Schmuck, Aktien, Bares, Lebensversicherung - Hartz IV geht ans Eingemachte. Die Arbeitsmarktreformen treiben Tausende auf die Straße. Doch gerade bei der Altersvorsorge ist Panik fehl am Platze. Die Police ist sicherer als manche glauben, sagt Versicherungsexperte Michael Gaedicke im Gespräch mit manager-magazin.de.

mm.de:

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft schätzt, dass im vergangenen Jahr rund 50.000 Lebensversicherungsverträge auf Druck der Arbeitsämter gekündigt worden sind. Gibt es neue Zahlen für das erste Halbjahr 2004?

Gaedicke: Nein, denn wir erheben Stornoquoten nicht fortlaufend. Wir wissen zwar von unseren Mitgliedern, dass sehr viele Versicherte nach dem Rückkaufswert ihrer Lebensversicherung fragen oder sich über einen möglichen Verwertungsausschluss ihrer Police im Falle von Arbeitslosigkeit informieren. Über neue Stornoquoten verfügen wir derzeit aber nicht.

Ich persönlich glaube indes nicht, dass die Kündigungen wegen Hartz IV noch einmal deutlich anziehen werden. Mit Hartz IV hat man jetzt zusätzlich zu dem Vermögensfreibetrag von 200 Euro noch einen weiteren in Höhe von 200 Euro pro Lebensjahr speziell für Altersvorsorge geschaffen. Sozialhilfeempfänger mussten auch schon in der Vergangenheit ihre Lebens- und Rentenversicherungsverträge verwerten.

mm.de: 200 Euro Freibetrag pro Lebensjahr ist nicht viel. Was halten Sie für angemessen?

Gaedicke: Im Vorfeld des Gesetzgebungsverfahrens hatten wir für die Altersvorsorge einen Freibetrag von 800 bis 1000 Euro pro Lebensjahr gefordert, der vor dem Zugriff des Staates sicher sein sollte. Damit konnten wir uns nicht durchsetzen. Ob jetzt auf Druck der Gewerkschaften oder Verbraucherorganisationen nachgebessert wird, ist noch nicht abzusehen. Wir hoffen, dass durch die aufgeheizte Diskussion die private Altersvorsorge nicht generell beschädigt wird.

mm.de: Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute erklärte kürzlich, drei von vier Kundengesprächen drehten sich derzeit um die Kündigung bestehender Lebensversicherungsverträge. Es seien aber nicht vornehmlich Langzeitarbeitslose, sondern Arbeitnehmer ab 40, die eine Kündigung erwägen. Wie passt das mit der GDV-Schätzung zusammen?

Gaedicke: Hartz IV berührt ja nicht nur Menschen, die unmittelbar von Dauerarbeitslosigkeit betroffen sind, sondern auch jene, die womöglich um ihren Job fürchten. Wir selbst haben keine gesicherten Erkenntnisse darüber, wie viel Beschäftigte die Kündigung ihrer Versicherung erwägen.

Privat vorsorgen - trotz Hartz IV?

mm.de: Ob freiwillig oder nicht: Im vergangenen Jahr wurden 5,5 Prozent der Lebensversicherungsverträge vorzeitig mit Verlust gekündigt. Die Stornoquote ist damit so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Andererseits erwarten Finanzvertriebe wie AWD und MLP im Zuge des Alterseinkünftegesetzes deutlich steigende Erlöse durch den Verkauf von Altersvorsorgeprodukten. Werden sich diese Entwicklungen neutralisieren?

Gaedicke: Die gestiegene Stornoquote, bei der auch so genannte Beitragsfreistellungen mitgezählt sind, spiegelt die angespannte finanzielle Situation der privaten Haushalte und zweifelsohne auch die Sorgen um die Sicherheit der Arbeitsplätze wider. Und sicherlich dürfte es Arbeitslosen künftig noch schwerer fallen, eine private Altersvorsorge aufzubauen. Dies ändert aber nichts daran, dass sie nach der jüngsten Rentenreform für jeden Arbeitnehmerhaushalt eine unerlässliche Ergänzung zur gesetzlichen Rente darstellen muss. Auch deshalb fördert der Staat künftig sehr stark private Rentenversicherungen.

Zur privaten Altersvorsorge gibt es in Zukunft keine Alternative. Darum glaube ich nicht, dass sich diese beiden Entwicklungen in der Wirkung auf die Assekuranz neutralisieren werden. Ohne ausreichend private Alterssicherung tritt in vielen Fällen die Armut dann spätestens mit Beginn des Ruhestandes ein.

mm.de: Wie der Hinweis der Versicherungskaufleute zeigt, sind die Menschen stark verunsichert. Welches Altersvorsorgeprodukt ist sicher vor dem Zugriff des Staates?

Gaedicke: Grundsätzlich "Hartz-sicher" sind staatlich geförderte Riester-Produkte und Produkte zur betrieblichen Altersvorsorge im Rahmen der Entgeltumwandlung. Kapitalgedeckte Leibrentenprodukte - wir nennen sie "Basisrente" nach dem von der Rürup-Kommission entwickelten Schichtenmodell - sind ebenfalls vor dem Zugriff des Staates geschützt. Diese werden von der Versicherungsbranche allerdings erst noch entwickelt und kommen Anfang nächsten Jahres auf den Markt.

Was tun bei Arbeitslosigkeit?

mm.de: Bei Riester-Produkten gibt es allerdings Einschränkungen.

Gaedicke: Das ist richtig. Es sind nur jene Beiträge vor dem Verwertungszwang geschützt, die der Staat steuerlich begünstigt. Was über die Fördergrenze hinausgeht, muss vor Zahlung von Arbeitslosengeld II unter Umständen verwertet werden. Der Gesetzgeber wollte damit verhindern, dass womöglich größere Beträge auf einen Schlag in einen Riester-Vertrag fließen und damit nicht mehr dem Verwertungszwang unterliegen.

mm.de: Wie verhält es sich mit dem so genannten Schonvermögen?

Gaedicke: Der Gesetzgeber räumt dem Antragsteller und seinem Partner für das Arbeitslosengeld II ein Schonvermögen von 200 Euro pro Lebensjahr - maximal 13.000 Euro je Person - in bar ein. Einen zusätzlichen Freibetrag von bis zu 13.000 Euro gesteht das Gesetz dem Arbeitslosen für die private Altersvorsorge zu, für ältere Arbeitnehmer, die vor 1948 geboren sind, erhöht sich der Freibetrag noch einmal auf 560 Euro pro Lebensjahr. Das heißt, nicht jede Lebensversicherung muss sofort und vollständig aufgelöst werden.

mm.de: Was empfehlen Sie Menschen, die arbeitslos sind?

Gaedicke: Auf keinen Fall sollte der Versicherungsnehmer seinen Vertrag voreilig kündigen. Zunächst sollte er prüfen, was er bislang angespart hat und ob der individuelle Freibetrag überhaupt ausgeschöpft ist. Dann muss er klären, ob die Verwertung der Police im Sinne des Gesetzes wirtschaftlich überhaupt zumutbar ist. Dies ist nicht der Fall, wenn der Rückkaufswert weniger als 90 Prozent der bereits gezahlten Beiträge ausmacht. Anders ausgedrückt: Bei mehr als 10 Prozent Verlust muss der Betroffene die Police nicht verwerten.

mm.de: Lässt sich da eine zeitliche Faustregel formulieren?

Gaedicke: Nein. Das hängt von der Laufzeit des Vertrages und der bis dahin aufgelaufenen Beiträge ab. Junge Lebensversicherungspolicen sind grundsätzlich weniger gefährdet. In den ersten drei Jahren tendiert der Rückkaufswert einer Police gegen Null, weil nach dem so genannten Zillmer-Verfahren von den Beiträgen die Vermittlungsprovision abgezogen wird.

Ist aber die Freibetragsgrenze überschritten und eine Verwertung nicht als unwirtschaftlich einzustufen, dann allerdings muss der Versicherte das zu Geld machen, was über diesen Freibetrag hinausgeht. Dabei gerät oft außer Acht, dass der Freibetrag vor dem Zugriff des Staates nur geschützt ist, wenn der Betroffene mit seinem Versicherer einen Verwertungsausschluss darüber vereinbart hat. Damit schließt er eine Verwertung seines Vertrages bis zur Höhe dieser Summe vor Eintritt in die Rente aus. Wir empfehlen den Betroffenen, sich auf jeden Fall mit ihrem Versicherer in Verbindung zu setzen.

Notfalls die Lebensversicherung umwandeln?

mm.de: Ist der Arbeitslose damit dann wirklich auf der sicheren Seite?

Gaedicke: Davon gehen wir aus. Das ergänzte Versicherungsvertragsgesetz, das ja zusammen mit Hartz IV zum 1. Januar 2005 in Kraft tritt, sieht solche Vereinbarungen über einen Verwertungsausschluss vor. Wir hoffen, dass der Gesetzgeber dies auch in einer Verordnung noch einmal klarstellen wird. Denn es liegt ja auch im Interesse des Staates, dass er seine Bürger im Falle von Arbeitslosigkeit nicht in drohende Altersarmut treibt und sie zwingt, alles zu Geld zu machen.

mm.de: Tatsache ist aber, dem Betroffenen bleibt nur eine völlig zerrupfte Lebensversicherung und weniger Geld im Alter.

Gaedicke: Das ist richtig, im Alter ist die Auszahlung entsprechend geringer. Und mit einer Teilverwertung der Lebensversicherung verringert sich zugleich auch der Todesfallschutz. Das heißt, die Hinterbliebenen bekommen dann weniger.

mm.de: Macht es Sinn, eine Kapitallebensversicherung in eine Rentenpolice umzuwandeln, um sie dem Zugriff des Staates zu entziehen?

Gaedicke: Nein. Wenn es sich um eine klassische private Rentenversicherung mit Kapitalwahlrecht handelt, dann unterliegt sie dem gleichen Verwertungszwang wie eine Lebensversicherung. Das einzige Vermögen, das nicht verwertet werden muss, ist, wie schon gesagt, neben der Entgeltumwandlung in der betrieblichen Altersvorsorge die Riester- und die neue Basisrente.