Wirtschaftsmacht "China greift bald in Europa zu"

Viele Investoren befürchten ein "hard landing" der chinesischen Volkswirtschaft. Wer sein Risiko begrenzen will, muss trotz Turbulenzen in Asien investieren, rät hingegen Credit-Suisse-Stratege Philipp Vorndran im Gespräch mit manager-magazin.de. Denn der Angriff auf die alten Industrienationen kommt bestimmt.

mm.de:

Die hohen Ölpreise treffen China und die gesamte Wachstumsregion Asien stärker als die Industrienationen. Der Hang Seng hat seit dem Frühjahr deutlich nachgegeben, Anleger befürchten eine harte Landung der boomenden chinesischen Volkswirtschaft. Zu Recht?

Vorndran: Richtig ist, dass Emerging Markets wie China durch steigende Energiepreise kurzfristig stärker beeinträchtigt werden als entwickelte Märkte. Mit dem Wachstum steigt der Energiebedarf, und die Energie wird noch nicht so effizient genutzt wie in den Industrienationen.

Die Betonung liegt allerdings auf kurzfristig: Wir sprechen beim Thema China über eine Volkswirtschaft, deren Bruttoinlandsprodukt im Schnitt um 9,3 Prozent pro Jahr gewachsen ist - und das nun schon seit 25 Jahren.

Anders gesagt: Wir blicken auf einen riesigen Dampfer, der über einen Zeitraum von vielen Jahren mächtig in Schwung gekommen ist und schon einige Stürme überstanden hat. Er hat viel zu viel Eigendynamik entwickelt, um auf Grund einiger Bugwellen abrupt zu stoppen. Derzeit drosselt die Regierung die Motorleistung, um die Temperatur im Maschinenraum zu senken: Ein Luxusproblem im Vergleich mit europäischen Volkswirtschaften, die fast bewegungslos dahindümpeln. Selbst wenn es zu dem gefürchteten "hard landing" käme, die Wirtschaftsleistung Chinas also binnen kurzer Zeit stark abkühlen sollte, bliebe immer noch ein Wachstum von rund 5 Prozent übrig. Das sind Raten, von denen wir in Europa nur träumen können.

mm.de: Lohnt es sich also, trotz der Unkenrufe weiterhin in China zu investieren?

Vorndran: Vielen bleibt gar keine andere Wahl. Ausländische Unternehmen haben im vergangenen Jahr 53 Milliarden Dollar in China investiert. Damit sind die Direktinvestitionen höher als in jedem anderen Emerging Market. Die Unternehmen müssen investieren, um sich einen Anteil an dem gigantischen Wachstumsmarkt mit mehr als einer Milliarde Menschen zu sichern. Dieser Druck ist stärker als die begründete Sorge, dass sie auf diese Weise gleichzeitig ihre eigene Konkurrenz aufbauen.

Marktzugang durch Fusionen und Übernahmen

Marktzugang durch Fusionen und Übernahmen

mm.de: Das bedeutet, dass bald chinesische Global Player die europäische Wirtschaftselite angreifen?

Vorndran: Ein Angriff aus China ist nur eine Frage der Zeit. Die europäischen Global Player können die Boomregion China schon deshalb nicht ignorieren, weil die Nachfrage im eigenen Land stagniert. Chinesische Unternehmer sind allerdings sehr lernbegierig und darin geübt, die Technologie ausländischer Unternehmen binnen kurzer Zeit für die eigene Produktion zu nutzen.
Die weltweit führenden Unternehmen, die fast alle in China aktiv sind und dort große Forschungs- und Entwicklungszentren hochgezogen haben, leisten auf diese Weise eine riskante Entwicklungshilfe.

mm.de: Wann schlägt das Pendel zurück?

Vorndran: Wir gehen davon aus, dass noch vor 2010 die ersten großen Unternehmen aus China auf Einkaufstour in Europa gehen werden: Sie sichern sich den Marktzugang, indem sie mit europäischen Playern fusionieren oder sie vollständig übernehmen. Es ist durchaus denkbar, dass irgendwann auch große europäische Bluechips ins Visier asiatischer Unternehmen geraten. China wird bald in Europa zugreifen.

mm.de: Die Angst vor der chinesischen Wirtschaftsmacht scheint übertrieben angesichts der immensen Aufgaben, die China noch meistern muss. Infrastruktur, Finanzwesen und zahllose ehemalige Staatsbetriebe sind vom Stand einer Industrienation noch weit entfernt.

Vorndran: Wir sollten bedenken, dass China seine eigene Geschwindigkeit entwickelt. Sie benötigen zum Beispiel ein Drittel unserer Zeit, um große Infrastrukturprojekte durchzuziehen oder um neue Produktionsstätten zu errichten. China ist nicht mehr nur das große Warenhaus, das günstige Textilien und billiges Spielzeug für den Rest der Welt produziert. Das Land wird eher früher als später ein ernsthafter Konkurrent für die derzeit noch führenden Wirtschaftsmächte werden. Wir sollten China mit der Situation der USA gegen Ende des 19. Jahrhunderts vergleichen: Die Entwicklung der USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat die globalen Kräfteverhältnisse verschoben. Das Gleiche wird China zu Beginn des 21. Jahrhunderts leisten.

"Der Westen wird bald nicht mehr gebraucht"

"Der Westen wird bald nicht mehr gebraucht"

mm.de: Wie lange ist China noch auf westliche Partner angewiesen?

Vorndran: Die westlichen Industrienationen haben ihr Know-how zum großen Teil an China weitergegeben und damit ihre Aufgabe erfüllt. Sie werden bald nicht mehr gebraucht, zumal der Handel innerhalb der asiatischen Nachbarstaaten enorm wächst. Wir sollten auch bedenken, dass in China pro Jahr etwa 14 Millionen neue Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt drängen: Die Stundenlöhne, die derzeit bei weniger als einem Dollar liegen, werden also weiterhin konkurrenzlos niedrig bleiben.

Die großen ausländischen Automobilhersteller haben es angesichts wachsender Konkurrenz bereits jetzt schwer, ihre ehrgeizigen Absatzziele in China zu erfüllen. Sie bekommen nicht nur in China selbst von einheimischen Unternehmen Konkurrenz: Chinesische Unternehmen schauen sich verstärkt nach westlichen Partnern um, um langfristig deren Heimatmärkte zu erschließen.

mm.de: Was bedeutet das für den europäischen Anleger? Soll er sich auf China konzentrieren oder in der gesamten Region investieren?

Vorndran: China ist lediglich der Motor für die dynamische Wachstumsregion Asien und innerhalb dieser Region auch am höchsten bewertet. Ein Anleger sollte über Fonds in die gesamte Region Asien inklusive Japan investieren, um sein Risiko zu streuen. Auf diese Weise verteilt er sein Investment auf verschiedene Technologien und bezieht Länder wie Malaysia und Thailand ein, die derzeit stark von China profitieren.

Der Anleger, der Aktien oder Fonds kauft, ist in einer ähnlichen Situation wie ein Unternehmen, das direkt investiert. Einerseits birgt die Investition Risiken, andererseits kann er sich aber auch nicht leisten, die Wachstumsregion Asien zu ignorieren.

Wer davon ausgeht, dass Unternehmen aus den asiatischen Wachstumsmärkten künftig stärker auf unsere Heimatmärkte drängen und Arbeitsplätze in Europa bedrohen, sollte in eben diesen Wachstumsmärkten investieren, um sein persönliches Risiko zu begrenzen. Verlieren die etablierten Unternehmen aus Europa und den USA Marktanteile, dürften die Gewinne im Wachstumsportfolio steigen.

Worauf Anleger achten sollten

Worauf Anleger achten sollten

mm.de: Wie viel Geduld muss ein Investor mitbringen?

Vorndran: Im Jahr 2008 blickt die Welt auf die Olympischen Spiele in Peking. China ist daran gelegen, sich bis dahin im besten Licht zu präsentieren.

Nach Berechnungen von Credit Suisse First Boston wird sich China bis zum Jahr 2012 zum viertgrößten Aktienmarkt der Welt hinter den USA, Japan und Großbritannien entwickeln, also einen Platz vor Frankreich und Deutschland einnehmen. Wer fünf bis zehn Jahre Geduld hat, kann mit seinem Investment den Index-Trackern zuvorkommen, die die weltweit wichtigsten Märkte abbilden.

Auf mittlere Sicht winken außerdem Währungsgewinne: Die asiatischen Währungen dürften in dem Maße gegenüber Euro und Dollar aufwerten, wie die US-Volkswirtschaft und die europäischen Länder als Handelspartner an Bedeutung verlieren. Die chinesische Währung ist klar unterbewertet und derzeit noch in einer engen Spanne an den US-Dollar gekoppelt: Möglich ist, dass China kurz vor den Olympischen Spielen diese Spanne ausweitet, um für neue Fantasie bei Investoren zu sorgen.

mm.de: Welche Branchen bergen die größten Chancen?

Vorndran: Einzelinvestments sind riskanter, da der Markt von Europa aus kaum zu durchschauen ist. Wer unbedingt Schwerpunkte in einzelnen Branchen setzen will, könnte sich Unternehmen anschauen, die in den Bereichen Transport, Infrastruktur oder Telekommunikation tätig sind. China steht vor gewaltigen Infrastrukturprojekten, zudem sind einige Transportunternehmen noch recht günstig bewertet. Etablierte Unternehmen wie etwa China Mobile bringen es da schon auf eine höhere Bewertung - allerdings hat dieses Unternehmen rund 170 Millionen Kunden und gewinnt derzeit rund vier Millionen neue Kunden pro Monat.

mm.de: Dennoch: Die Emerging Markets gelten als riskant. Warum sind Sie so zuversichtlich, dass sie sich von ihren jüngsten Kursrückschlägen erholen werden?

Vorndran: Die Risiken für die Märkte in den USA und Europa sind langfristig höher als in den asiatischen Emerging Markets. Die asiatischen Märkte sind deutlich günstiger bewertet - hier hat die Asien-Krise 1997/98 Spuren hinterlassen, die sich nach unserer Einschätzung aber nicht so schnell wiederholen wird. Europa ist nahe der Stagnation, während Asien stabile und hohe Wachstumsraten bietet: Gemessen an der Gewinnentwicklung der Unternehmen ist es sogar weltweit die günstigste Anlageregion. Schwankungen und Kursverluste wie in den vergangenen Monaten gehören zum normalen Wachstumszyklus eines dynamischen Emerging Markets dazu.

Wir sollten nicht den Fehler machen, China von oben herab aus dem Blickwinkel einer westlichen Industrienation zu betrachten: Wir haben es mit einer sehr selbstbewussten, jahrtausendealten Hochkultur zu tun, die nach anderen Maßstäben funktioniert und die sich sehr ehrgeizige Ziele gesetzt hat. Die Industrienationen haben auf lange Sicht deutlich mehr zu verlieren.