Sonntag, 15. Dezember 2019

Berufsunfähigkeit Junge Seelen in Gefahr

2. Teil: Assekuranz kalkuliert falsch

Vor diesem Hintergrund irritiert den Versicherungsexperten vor allem die Kalkulation der Versicherer: "Während der Berufsunfähigkeitsschutz für körperbetonte Berufe besonders verteuert wurde, fallen viele Büroberufe in die billigste Klasse." Dies bedeute aus seiner Sicht "wenig Prämie für eine Gruppe mit wachsendem Risiko und längerer Rentenzahlungsdauer".

Nach Einschätzung von Map-Report dürfte die Versicherer zusätzlich belasten, dass sich die Gruppe der Büroberufe wegen ihres vergleichsweise höheren durchschnittlichen Einkommens auch höher gegen Berufsunfähigkeit absicherten als andere Arbeitnehmer. Die von den Kapitalmärkten arg gerupften Lebensversicherer bauten hier möglicherweise Risiken auf, "die mehr wehtun könnten" als die jüngste Aktienkrise.

Das Risiko Berufsunfähigkeit als Chance begreifen

Die Branche müsse den wachsenden Bedarf der Versicherten nach mehr und besserer Absicherung einer möglichen Berufsunfähigkeit als Chance begreifen, fordert Poweleit. Dies spiegelten die Zahlen jedoch nicht wider:

Der Umsatzanteil der BU-Versicherungen an den gesamten Nettoprämien der Lebensversicherer machte im vergangenen Jahr 6,34 Prozent aus. Gemessen an dem Potenzial sei dies aber "lächerlich", wettert der Versicherungsexperte. So entfielen auf jeden BU-Vertrag im Schnitt lediglich 462 Euro Monatsrente. Diesen dürftigen Rentenleistungen stünden jedoch im Schnitt sozialversicherungspflichtige Renteneinkommen von 2327 Euro entgegen.

Nahezu jeder vierte Erwerbstätige berufsunfähig

Angesichts der Tatsache, dass in den vergangenen zehn Jahren nahezu jeder vierte Erwerbstätige in Deutschland berufs- oder erwerbsunfähig wurde, müssten folglich "nicht nur viel mehr, sondern auch viel höhere private Berufsunfähigkeitsrenten vereinbart werden". (Siehe dazu das Interview: "Das reicht nicht mal für die Kaltmiete )

Poweleit räumt anhand eines Rechenbeispiels ein, dass das Berufsunfähigkeitsrisiko für die Branche nicht ganz ungefährlich sei. Schließe etwa ein junger Geschäftsführer eine Police über 5000 Euro Monatsrente bis zum 65. Lebensjahr ab und wird mit 35 Jahren berufsunfähig, so müsse der Versicherer insgesamt 1,8 Millionen Euro zahlen. "Zehn derartige Schäden pro Jahr könnten bei manchen Versicherern schon die Prämieneinnahmen aufzehren", heißt es in der Studie.

Dies sei im Grunde aber "ein ganz normales versicherungstechnisches Problem". Das gelte zumindest dann, wenn der Versicherer "das Gesetz der großen Zahl nutzen kann, jahrzehntelang aufmerksam Schaden-Statistiken führt, unerwünschte Risiken somit sauber eliminiert und dem Vertrieb genau sagt, welche Risiken erwünscht sind und welche nicht". Diese Abläufe scheinen bei vielen Unternehmen aber nicht zu funktionieren, mutmaßt der Versicherungsexperte.

Das Dilemma der Versicherer

Jahrzehntelang hätten deutsche Lebensversicherer die Berufsunfähigkeitsversicherung gemieden, nennt Poweleit eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen. Ihre Vertriebe sollten zur Invaliditätsabsicherung lieber die "lukrative Unfallversicherung" an den Kunden bringen, mit der ungleich mehr Geld in die Konzernkassen zu holen sei. So müssten in der BU aus Wettbewerbsgründen große Teile des Gewinns über Sofortrabatt oder Todesfallbonus an die Kunden zurückgegeben werden.

Auch organisatorische Unzulänglichkeiten könnten für das Dilemma in der Berufsunfähigkeitsversicherung verantwortlich zeichnen. So habe nur jeder zweite befragte Lebensversicherer in Deutschland bei der Umfrage angeben können, wie viel Anträge auf Versicherungsschutz in den vergangenen Jahren eingegangen seien. Auch im Bereich Schadensmanagement sei der Eindruck nicht viel besser ausgefallen. "Wer also noch nicht einmal eingereichtes Neugeschäft und gemeldete Schäden kennt, dem ist kaum zuzutrauen, ein gefährliches Risiko im Wandel zu beherrschen", lautet das unrühmliche Fazit von Map-Report.

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