Altersvorsorge Abschied von der Solidargemeinschaft

Der Begriff der Solidarität in alter Form ist überholt. Die demographische Entwicklung zwingt die Deutschen zum Umdenken - nicht nur bei der Altersvorsorge. Immerhin: Amerikanische Verhältnisse befürchtet Ökonom Bernd Katzenstein im Gespräch mit manager-magazin.de nicht.

mm.de:

Die Vorschriften zur staatlich unterstützten privaten Altersvorsorge sind nicht leicht durchschaubar, sie verunsichern die Menschen. Teilen Sie diesen Eindruck?

Katzenstein: Ja, und mit der Einführung der nachgelagerten Besteuerung der Renten wird die Materie noch komplizierter. Es gibt keine allgemeinen Regeln mehr. Mehr denn je kommt es künftig auf den Einzelfall an, ist das individuelle Einkommen der entscheidende Punkt bei der privaten Altersvorsorge.

mm.de: Offensichtlich sind dem Gesetzgeber bei der Reform der Rentenbesteuerung handwerkliche Fehler unterlaufen. So warnt Ihr Institut vor einer Doppelbesteuerung der heute über 40-Jährigen. Lassen sich diese Fehler noch ausmerzen?

Katzenstein: Ich hoffe es. Andernfalls rechnen wir damit, dass Betroffene die Gerichte anrufen und dass sie diesen Klagen auch stattgegeben werden. Es ist ein Verfassungsgebot, dass jedes Einkommen nur einmal belastet werden darf. Das ist bei diesen Jahrgängen insbesondere in der betrieblichen Altersvorsorge aber nicht der Fall.

mm.de: Die jüngste Studie Ihres Instituts hat die Verwirrung noch ein wenig erhöht. Dass Riester- und Rürup-Produkte im Vergleich zu anderen Sparformen kaum lohnen, von dieser Aussage ist Ihr Institut mittlerweile wieder abgerückt. Für wen macht der Kauf solcher Produkte jetzt grundsätzlich Sinn?

Katzenstein: Die Verwirrung ist entstanden, weil wir nicht deutlich genug zwischen der betrieblichen und privaten Altersvorsorge unterschieden haben. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle werden Renten aus der betrieblichen Altersvorsorge neben Steuern auch mit Sozialbeiträgen belastet. Letztere machen heute rund 16 Prozent aus und dürften in Zukunft auf bis zu 20 Prozent steigen. Das wirkt wie eine zusätzliche Steuer und macht diese Produkte weniger interessant.

Mit Blick auf die private Riester- und Rürup-Rente haben wir Hinweise bis hin zu Aussagen von Ministern, dass auch darauf Sozialbeiträge abgeführt werden könnten. Dies ist aber noch nicht der Fall, das haben wir nicht deutlich genug formuliert. Falls aber Sozialbeiträge auch auf Produkte der privaten Altersvorsorge erhoben werden, sind sie aus unserer Sicht unattraktiver.

10 Prozent für die private Rente sparen

mm.de: Um der Klarheit willen noch einmal die Frage: Für wen machen Riester- oder auch Rürup-Produkte grundsätzlich Sinn?

Katzenstein: Riester-Produkte eignen sich für Menschen mit vergleichsweise wenig Einkommen und mehreren Kindern. Hier gibt es eine staatliche Förderung, auf die der Versicherte auch nicht verzichten sollte. Bei der ab 2005 startenden Rürup-Rente ist die Lage nicht so klar, weil die Versicherungswirtschaft bisher solche Produkte erst entwickelt aber noch nicht anbietet. Es wird auch davon abhängen, mit welchen Zinssätzen diese Produkte ausgestattet sein werden. Wir müssen abwarten, was der Industrie hier einfällt.

mm.de: Wer im Alter über gut 70 Prozent seiner letzten Bezüge verfügen möchte, sollte jetzt bis zu 10 Prozent seines Entgeltes in die private Altersvorsorge stecken, rät Ihr Institut. Woher nehmen und nicht stehlen, fragt sich da mancher Familienvorstand. Werden die Menschen hier nicht überfordert?

Katzenstein: Für mich ist das eher eine psychologische Frage. Wir haben uns - und dazu gehören ebenso die überforderten Familienväter - an ein sehr hohes Konsumniveau gewöhnt. Die Frage ist, ob wir fähig sind, hier zurückzustecken, damit im Alter mehr übrig bleibt. Das wird im Einzelfall nicht immer leicht sein. Es kann aber nicht davon die Rede sein, dass in Deutschland Armut herrscht und deshalb die Menschen zum Sparen überhaupt nicht in der Lage sind. Im Gegenteil, die volkswirtschaftliche Sparrate steigt seit Jahren an.

mm.de: Die Lebenserwartung der Deutschen steigt, wie die jüngsten Sterbetafeln zeigen. Private Rentenversicherer müssen mehr Geld zurücklegen. Es liegt auf der Hand, dass sie die Prämien erhöhen und auch die Überschussbeteiligung zu Lasten der privat Versicherten kürzen werden. Das ist sicherlich kein Ansporn, privat mehr vorzusorgen.

Katzenstein: Sicherlich erhöht das nicht den Reiz zur privaten Vorsorge. Doch ich sehe keine Alternative. Die Lebenserwartung steigt und deshalb müssen die Beschäftigten mehr sparen, wenn sie ihren Lebensstandard im Alter halten wollen. Neben dem Sparen und der Möglichkeit des eingeschränkten Konsums im Rentenalter dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren, dass die Menschen in Zukunft deutlich länger arbeiten werden. Auch auf diesem Weg werden sie ihr Altersvorsorgepolster erhöhen.

mm.de: Wenn es denn Arbeit gibt.

Katzenstein: Das ist die entscheidende Frage. Ich denke aber, dass es angesichts der demographischen Entwicklung etwa ab 2015 mehr Arbeit geben wird. Diese demographische Falle, in die wir jetzt hineinlaufen, wird sich umkehren und dazu führen, dass auch für Ältere mehr Arbeit vorhanden sein wird. Das gilt sicherlich nicht für alle Branchen, nicht für jeden Arbeitswilligen und nicht für alle Regionen gleichermaßen. Tendenziell aber wird sich die Situation entspannen.

Wo der Gesetzgeber nachbessern muss

mm.de: Die Rürup-Rente ist weniger kompliziert, aber sehr restriktiv. Kritiker monieren vor allem, dass im Todesfall des Versicherten die Hinterbliebenen leer ausgehen und sie deshalb am Interesse der Verbraucher vorbeizielt. Sollte der Gesetzgeber hier nachbessern?

Katzenstein: Das wäre sehr zu wünschen. Wir hoffen, dass die Produkte so ausgestaltet werden dürfen, dass zumindest ein Hinterbliebenenschutz möglich ist. Auch wenn dem Erfinder dieser Leibrente die nicht vererbbare gesetzliche Rente zum Vorbild diente, hätte man besser ein Produkt entworfen, das vererbbar und beleihbar ist.

mm.de: Die Kapitallebensversicherung ist das beliebteste Vorsorgeprodukt der Deutschen. Der Gesetzgeber stellt sie künftig schlechter und drängt damit die Bürger in die private Rentenversicherung. Ist es ein Fehler, Verbraucher derart zu bevormunden?

Katzenstein: Ja, die Kapitallebensversicherung ist ein eingeübtes Produkt. Man muss allerdings anerkennen, dass sie in der Vergangenheit keineswegs nur zur reinen Altersvorsorge benutzt wurde, sondern auch zur Finanzierung von Immobilien oder dem allgemeinen Vermögensaufbau diente. Das hat dem Gesetzgeber nicht gefallen, weil er die Steuervorteile ausschließlich für die Altersvorsorge reservieren wollte. Ich glaube indes nicht, dass mit den jüngsten Beschlüssen das Aus der Kapitallebensversicherung besiegelt worden ist. Ihr Vorteil wird zwar geringer, aber als Produkt zur Altersvorsorge ist sie nach wie vor geeignet.

mm.de: Trotz aller Unwägbarkeiten der gesetzlichen und privaten Rente. Wie sollte das Vorsorgeportfolio für den Durchschnittsbürger aussehen?

Katzenstein: Der angesprochene Verbraucher sollte seine gesetzliche Rente mit rentenähnlichen Produkten der privaten Vorsorge ergänzen. Die Auswahl ist sicherlich nicht leicht. Er kommt aber nicht umhin, sich intensiv zu informieren und beraten zu lassen.

mm.de: Wie beurteilen Sie den Stellenwert der selbst genutzten Immobilie in diesem Zusammenhang?

Katzenstein: Es sollte ein wichtiges Ziel bleiben, eine Immobilie zu erwerben. Denn die Mieterhaushalte müssen bis zu 40 Prozent ihrer Alterseinkünfte für die Miete ausgeben. Das können sich Eigentümer ersparen. Zugleich ist die Sparneigung von Immobilienbesitzern deutlich ausgeprägter als bei Menschen ohne Wohneigentum. Deshalb ist der Stellenwert einer eigenen Immobilie im Rahmen der Altersvorsorge nicht zu unterschätzen.

Künftig wird es darauf ankommen, dass der Markt mehr günstigere Immobilien zur Verfügung stellt. In Deutschland müssen die Menschen ungefähr bis zu acht Jahreseinkommen für eine durchschnittliche Immobilie ausgeben. In England oder den USA sind es etwa vier Jahresgehälter. Dort ist allerdings die Rationalisierung der Bauindustrie weiter fortgeschritten, und auch die durchschnittlichen Bodenpreise sind geringer. Beide Parameter müssen wir in Deutschland anpacken. Zum einen müssen die Häuser in Bauweise und Ausstattung einfacher werden. Zugleich sollten die Kommunen eine Politik betreiben, die Boden erschwinglicher macht.

Sozialstaat - drohen amerikanische Verhältnisse?

mm.de: Ob Renten-, Kranken-, Arbeitslosen- oder auch Pflegeversicherung. Niemand bezweifelt, dass eine Reform der Sozialsysteme in Deutschland notwendig ist. Angetrieben durch Profilierungsversuche innerhalb der CDU ist mittlerweile aber ein Wettlauf um den Ruf des härtesten Reformers zu beobachten. Fürchten Sie um den Solidargedanken in unserer Gesellschaft?

Katzenstein: Ich glaube, dass der Solidargedanke in seiner alten Form, nämlich dass der Staat für alles und jeden zuständig ist, dass dieser Solidargedanke insbesondere durch die demographische Entwicklung überholt ist. Wir müssen lernen, dieses Modell neu zu formulieren. Es ist unausweichlich, dass die Menschen mehr Eigenverantwortung übernehmen und damit die Solidargemeinschaft entlasten.

mm.de: Befürchten Sie für Deutschland US-amerikanische Verhältnisse, wie vehemente Verteidiger des Sozialstaates in seiner jetzigen Form dies voraussagen?

Katzenstein: Nein, die sehe nicht. Die Bevölkerungen Westeuropas - das haben unsere Umfragen ergeben - wollen im Prinzip den Sozialstaat. Jede Regierung, die das amerikanische Modell anstrebt, würde politischen Selbstmord begehen. Doch die Staaten Westeuropas müssen von dem Paradigma Abschied nehmen, allen Bürgern einen angemessenen Lebensstandard zu garantieren. Das gegenwärtige Solidarsystem, das sich durch ein geringeres Maß an Eigenverantwortung auszeichnet, kann dies künftig nicht mehr leisten. Der Staat wird in Zukunft maximal für einen auskömmlichen Lebensstandard sorgen können. Die Lücke muss jeder Bürger selbst schließen.

mm.de: Die sich jetzt abzeichnenden Einschnitte in die Sozialsysteme sind nach Ansicht mancher Experten die tiefsten seit Bestehen der Republik. Sind die Menschen in Deutschland überhaupt reif dafür?

mm.de: Man sollte bei der ganzen Diskussion unterscheiden zwischen organisierten Partikularinteressen zum Beispiel von Gewerkschaften und Verbänden einerseits und der privaten Meinung andererseits. Die eiserne Abwehr, die Reformkräften noch vor etwa zehn Jahren entgegenprallte, hat sich überlebt. Umfragen belegen, dass der einzelne Bürger reformwilliger ist als wir denken.

Es kann sein, dass der Wähler die Regierung Schröder abstrafen wird oder auch nachfolgende Regierungen, wenn sie den schmerzhaften Reformkurs fortsetzen. Doch das wird nicht von Dauer sein. Manchmal müssen Regierungen den Mut zu unpopulären Entscheidungen aufbringen, damit es der Gesamtheit künftig besser geht.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.