Altersvorsorge "Die Branche krankt an Umsatzgier"

Die Bundesregierung betreibt eine verbraucherfeindliche Rentenpolitik. Und die Assekuranz mischt dabei willfährig mit, behauptet der Versicherungsanalyst Manfred Poweleit. Unter derzeitigen Umständen mache private Altersvorsorge in Deutschland nicht mehr viel Sinn.

mm.de:

Nach den neuen Sterbetafeln steigt unsere statistische Lebenserwartung deutlich an. Die privaten Rentenversicherer müssen ihre Bestände neu kalkulieren und mehr Geld zurücklegen. Manche Schätzungen gehen von bis zu zweistelligen Milliardenbeträgen aus. Ist die Branche, die immer noch unter großen stillen Lasten leidet, dazu überhaupt in der Lage?

Poweleit: Ein zweistelliger Milliardenbetrag erscheint mir etwas zu hoch gegriffen. Aber richtig ist, das wird die Versicherer viel Geld kosten, wie 1994/95, als die Sterbetafel zuletzt erneuert wurde. Da stellten viele Unternehmen fest, dass sie ihre Tarife angesichts der gestiegenen Lebenserwartung um bis zu 30 Prozent zu niedrig kalkuliert hatten. Sie mussten ihre Deckungsrückstellungen erheblich aufstocken und die Prämien anpassen. Experten kritisierten zwar, das reiche noch nicht aus. Die Branche schmetterte ihre Einwände aber mit dem Argument ab, die neue Sterbetafel passe sich der durchschnittlichen Lebenserwartung der Bevölkerung in den kommenden 30 bis 40 Jahren an. Jetzt sehen wir, sie lagen mit dieser Einschätzung völlig daneben.

mm.de: Werden einige Versicherer dadurch in Bedrängnis geraten, und wie können sie die Belastung unter Umständen abfedern?

Poweleit: Es könnten jene Versicherer Schwierigkeiten bekommen, die viele und vor allem viele alte Rentenversicherungen in ihrem Bestand haben. Um die finanzielle Last zu lindern, werden sie künftig wohl eine geringere oder auch gar keine Überschussbeteiligung auszahlen.

mm.de: Die bislang privat Rentenversicherten müssen also mit Einbußen rechnen?

Poweleit: Davon gehe ich aus. Doch das wird nicht das Ende der Fahnenstange sein. Weitere Anpassungen werden folgen. Die Sterbetafel von 1989 hat gerade fünf Jahre gehalten, die letzte zehn Jahre. Ab 2010 dürfte uns das Thema der erhöhten Lebenserwartung und notwendiger Anpassungen in der Rentenversicherung erneut beschäftigen. Wir sind damit noch lange nicht durch.

Risiko private Rentenversicherung

mm.de: Nach der neuen Statistik erhöht sich die durchschnittliche Lebenserwartung eines heute 35-jährigen Mannes um rund sechs Jahre auf 92 Jahre. Sollte da nicht allmählich die Grenze erreicht sein und eine erneute Anpassung in weiter Ferne liegen?

Poweleit: Warum? Die Lebenserwartung ist in der Vergangenheit trotz eines vergleichsweise niedrigen Fortschritts in der Medizin deutlich gestiegen. Doch was passiert, wenn erst bahnbrechende Entwicklungen sich zum Beispiel bei der Krebsbekämfpung abzeichnen sollten? Solche Annahmen sind in den Sterbetafeln und folglich auch in den Kalkulationen der Versicherer nicht enthalten. Auch die zunehmende Orientierung der Bevölkerung hin zu einer gesünderen Ernährung, Sport und Wellness dürfte die Lebenserwartung steigern, vielleicht viel stärker als Versicherungsmathematiker derzeit annehmen.

mm.de: Für Neukunden, die eine private Rentenversicherung abschließen wollen, hat die Branche bereits höhere Tarife für das kommende Jahr angekündigt. Ähnlich wie bei der Lebensversicherung werben Versicherer mit der derzeit noch höheren Garantieleistung. Zu Recht?

Poweleit: Ich möchte eigentlich nicht zum Abschluss von Verträgen zu alten Konditionen raten. Denn Neukunden müssen aus erwähnten Gründen künftig mit einer geringeren Überschussbeteiligung rechnen. Meiner Meinung nach stellt sich noch ein anderes Problem. Seit dem Fall der Mannheimer Versicherung wissen wir, dass ein Lebensversicherer durch Aktienspekulationen in Schieflage geraten und unter Umständen garantierte Leistungen nicht erbringen kann. Was passiert aber, wenn selbst eine gestrichene Überschussbeteiligung nicht ausreicht und ein Versicherer nicht in der Lage ist, die Deckungsrückstellungen aufzustocken? Ich will deshalb nicht gänzlich ausschließen, dass auch ein privater Rentenversicherer wegen dieser Sterbetafeln zu einem Protektor-Fall werden kann.

mm.de: Worauf sollte der Verbraucher jetzt bei einem möglichen Abschluss einer privaten Rentenversicherung achten?

Poweleit: Er sollte einen leistungsstarken, handwerklich solide arbeitenden Versicherer wählen. Der Verbraucher sollte sich gleichwohl über eines im Klaren sein. Die private Rentenversicherung ist im Vergleich zur kapitalbildenden gemischten Versicherung das gefährlichere Produkt. Er bekommt zwar statistisch gesehen länger Rente. Aber durch besagte Unwägbarkeiten in der Lebenserwartung ist seine Gewinnbeteiligung unsicherer, und auch die Garantieleistungen sind unsicherer als bei einer Kapitallebensversicherung.

mm.de: Die Kapitallebensversicherung wird ab 2005 steuerlich schlechter gestellt. Das kann kein Mensch ignorieren, der privat vorsorgen will.

Poweleit: Das ist es ja. Die Politik drängt durch die neuen Gesetze die Menschen stärker in die private Rentenversicherung. Das halte ich für sehr verbraucherfeindlich.

mm.de: Einige Versicherer hatten nach 1994/95 zum Schaden ihrer Kunden mit günstigeren Tarifen und Prognoserechnungen auf Basis der alten Sterbetafeln geworben. So mancher Fall ging vor Gericht. Wird sich das wiederholen, oder hat die Branche dazugelernt?

Poweleit: Dass diese Branche dazulernt, habe ich in den vergangenen 20 Jahren noch nicht erlebt ...

Riester-Reinfall und Rürup-Diktat

mm.de: Sie stellen der Versicherungswirtschaft ein Armutszeugnis aus.

Poweleit: Ja, und das ganz bewusst. Die Branche krankt an Umsatzgier, das wird wohl nie aufhören.

mm.de: Die Assekuranz hat vehement gegen das Alterseinkünftegesetz Front gemacht ...

Poweleit: ... noch viel zu wenig ...

mm.de: ... jedenfalls wurde es mit geringsten Veränderungen verabschiedet. Jetzt sind deutlich freundlichere Töne zu vernehmen, unter anderem vom Marktführer Allianz Leben. Wie erklären Sie sich den Sinneswandel?

Poweleit: Das ist kein Sinneswandel, sondern simple Verkaufspsychologie. Die Versicherer leben vom Verkauf ihrer Produkte. Jetzt ist das Gesetz durch, und sie müssen den Vertrieb darauf einnorden, diesen Unfug, der in Berlin verabschiedet worden ist, trotzdem zu verkaufen. Dass die Branche dabei an Glaubwürdigkeit verliert, berührt sie nicht. Sie hat sich um ihre Glaubwürdigkeit noch nie besonders Gedanken gemacht.

mm.de: Die Riester-Rente hat wegen ihrer Komplexität nicht den erwünschten Erfolg gebracht. Die Branche setzt nun auf die ab 2005 startende Rürup-Rente. Sie ist einfacher aber in hohem Maße restriktiv. Droht ihr möglicherweise das gleiche Schicksal wie der Riester-Rente?

Poweleit: Rürup ist Riesters Nachfolger - zumindest bei der Erfindung unverkäuflicher Altersvorsorgeprodukte.

mm.de: Sie sehen schwarz für die Rürup-Rente?

Poweleit: Die Rürup-Rente ist so konzipiert, wie es die Rentenversicherung vor 1989 war. Sie war damals ein Ladenhüter. Man hat erneut ein Produkt in die Welt gesetzt, das so in dieser Form kein Mensch will.

mm.de: Das müssen Sie erläutern.

Poweleit: Leistungen aus der Rürup-Rente gibt es nur als Monatsrente, nicht aber als einmalige Zahlung. Der Versicherte kann die Police nicht beleihen, nicht veräußern oder sich vorzeitig auszahlen lassen. Das größte Problem ist aber die Vererbbarkeit. Im Todesfall des Versicherten sehen die Hinterbliebenen nicht einen Cent.

Stirbt der Versicherte womöglich einen Monat nach Rentenbeginn, wandert sein Angespartes in die Kassen der Versicherungskonzerne. Das mag einige betuchte Verbraucher weniger stören. An den Bedürfnissen der großen Masse der Menschen geht das aber völlig vorbei. Besonders hart trifft es dann Familien mit Kindern. Denn die überwiegende Mehrzahl der Familien hat im Todesfall des Hauptverdieners nur selten sehr gut versorgte Kinder.

Altersvorsorge, macht sie noch Sinn?

mm.de: Wie sollte ein Altersvorsorgeprodukt aussehen, das die Menschen noch kaufen würden?

Poweleit: Ich frage Sie, werden die Menschen überhaupt noch ein Vorsorgeprodukt kaufen?

mm.de: Sie sollten es.

Poweleit: Natürlich sollten sie es. Aber macht private Altersvorsorge unter den derzeit gegebenen Umständen noch Sinn? Ich habe da mittlerweile Zweifel. Wir hatten eine Volksabstimmung über die private Altersvorsorge. Eindeutiger Sieger ist die kapitalbildende gemischte Lebensversicherung ...

mm.de: ... Volksabstimmung im Sinne von beliebtestes Altersvorsorgeprodukt ...

Poweleit: ... ja. Die private Rentenversicherung profitierte in den vergangenen Jahren doch vor allem davon, dass sie über primitivste Vertriebswege unter das Volk gebracht wurde. Das zentrale Produkt aber, das die Menschen verstehen und haben wollen, wird künftig unter dem Vorwand einer Systematik des Steuerrechts steuerlich belastet. Wenn der Staat bei Fälligkeit einer Lebensversicherung die Hälfte des Ertrages besteuert, müsste der Versicherte vorher die Hälfte der angesparten Beiträge aber auch steuerlich absetzen können. Das wird nicht der Fall sein. Ich sehe darin eine Strafaktion der Regierung gegen die Bevölkerung.

mm.de: Der Verbraucher muss sich aber mit der neuen Situation abfinden. Wie sollte das Vorsorgeportfolio für den von Ihnen ins Auge gefassten Durchschnittsbürger aussehen?

Poweleit: Die meisten Menschen werden es nicht gerne hören, aber die Politik hat eine ziemlich ausweglose Situation geschaffen, wo sich in der Tat die Frage nach dem Sinn privater Vorsorge stellt. Das gilt umso mehr, wenn man sich die Zinsentwicklung vor Augen hält.

Die Erwartungen für den langfristigen Kapitalmarktzins liegen nur noch bei 5 Prozent. Spare ich jetzt Geld für eine Lebensversicherung an und von dem Ertrag wird künftig noch die Hälfte besteuert, dann dürfte sich die Rendite etwa auf 3 Prozent belaufen. Die langfristig erwartete durchschnittliche Inflation liegt bei etwa 2 Prozent. Da kann sich jeder ausmalen, was am Ende übrig bleibt.

mm.de: Nicht viel, aber das sollte die Menschen nicht von privater Vorsorge abhalten. Trotz Ihrer Zweifel, wie macht der Verbraucher das Beste aus der Situation?

Poweleit: Im Sinne eines ausgewogenen Vorsorgeportfolios wäre derzeit noch am ratsamsten, die Hälfte der privaten Altersvorsorge mit einer Kapitallebensversicherung und die andere Hälfte mit einer privaten Rentenversicherung abzudecken. Andere Formen der Altersvorsorge wie Fondssparpläne, Aktien und mitunter auch Immobilien sind gerade für die wenig informierte Bevölkerung mit gewaltigen Risiken verbunden. Man kann nun einmal den Bandarbeiter von VW nicht in risikoreiche Technologiefonds treiben, nur damit unter sehr, sehr vagen Aussichten am Ende unter Umständen ein wenig mehr übrig bleibt.

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