Zinswende Schluss mit der besten aller Welten

In den USA steigen die Zinsen. Für Anleger beginnt eine neue Zeit. Das Wehgeschrei über steigende Zinsen ist jedoch unangemessen: Vieles deutet auf eine "sanfte Wende" der Notenbank hin. Wie Investoren jetzt agieren sollten.

Alle sind sich einig. Am Mittwoch, dem 30. Juni, wird US-Notenbankchef Alan Greenspan Schluss machen mit der besten aller Welten, mit der Zeit des beispiellos billigen Geldes. Um 25 Basispunkte dürfte die Fed die Zinsen anheben und damit die Zinswende einläuten. Ein Leitzins von dann 1,25 Prozent ist immer noch weit unter der Schmerzgrenze der Anleger, doch es ist der Beginn einer neuen Zeit.

Die Zinserhöhung selbst bringt die von Dauer-Niedrigzinsen verwöhnten Börsianer noch nicht aus der Ruhe. Die Preisfrage lautet dagegen: Wohin wird der neue Kurs der Fed binnen eines Jahres führen? Bis zu einem Zinsniveau von 2 oder gar 3 Prozent? Ist der Zinsschritt am Mittwoch nur ein müder Aufgalopp für eine Reihe monatlicher Zinserhöhungen? Und vor allem: Kann sich das Zins-Drama des Jahres 1994 wiederholen?

Zinswende 1994 brachte herbe Verluste

Börsianer erinnern sich mit Unbehagen an die letzte Zinswende. Im Februar 1994 erhöhte die US-Notenbank den Leitzins auf damals 3 Prozent, um ihn in den folgenden zwölf Monaten auf 6 Prozent hochzuschrauben. Tempo und Ausmaß der Zinserhöhungen überforderten damals die Anleger. Die Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen stiegen auf 8 Prozent, in Mexiko kam es zu einer Währungs- und Finanzkrise, die Aktienkurse brachen weltweit ein. Wiederholt sich dieser Mechanismus, haben Dow  und Dax  verlustreiche Monate vor sich.

Doch Gemach. Wenig spricht dafür, dass die US-Notenbank wieder derart forsch voranschreitet. Bis zur Präsidentschaftswahl im November setzt Amtsinhaber George W. Bush auf eine weitere Erholung der Wirtschaft. Es gilt als unwahrscheinlich, dass Alan Greenspan mit schnellen und kräftigen Zinserhöhungen bremsen wird.

Behutsames Tempo: 2 Prozent bis Jahresende

Die Experten von Goldman Sachs rechnen damit, dass die Fed den Leitzins bis Jahresende in kleinen Schritten bis auf 2 Prozent anheben wird. Das ist zwar doppelt so hoch wie das aktuelle Niveau, doch immer noch auf niedrigem Level. Die Kollegen von Morgan Stanley rechnen lediglich mit einem Zinsniveau von 1,75 Prozent bis Dezember 2004. Das wäre immer noch niedriger als in Euroland, wo die Konjunktur noch längst nicht derart in Schwung gekommen ist wie in den USA.

Steigende Zinsen als gutes Zeichen

Steigende Zinsen sind Begleiter des Wachstums

Erst im Jahr 2005, wenn sich die US-Wirtschaft weiter stabilisieren sollte, dürfte die US-Notenbank nach Einschätzung von Morgan Stanley den Leitzins bis auf 3 Prozent hochziehen. Immer noch ein bekömmliches Niveau, wenn man sich daran erinnert, in welch dramatischem Tempo die Währungshüter in Zeiten der Krise die Zinsen zusammengestrichen haben. Seit dem Platzen der Dotcom-Blase im Frühjahr 2000 hat die US-Notenbank mit 13 Zinssenkungen den US-Leitzins auf 1,0 Prozent und damit auf das niedrigste Niveau seit 45 Jahren gedrückt.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 sowie die schwache US-Ökonomie hatten die Notenbanker in ihrer Strategie bestärkt, den Markt mit günstigem Geld zu päppeln. Seit die US-Konjunktur wieder mit Raten von mehr als 3 Prozent wächst und in den USA wieder neue Jobs entstehen, ist zwar ein Umsteuern angesagt. Doch geblieben ist das Bewusstsein, dass ein Aufschwung gehätschelt werden will. Dies spricht für künftige Zinserhöhungen in homöopathischer Dosierung.

Warum überhaupt all das Klagegeschrei über steigende Zinsen? Die US-Notenbank kann sich Zinserhöhungen in den kommenden Monaten erlauben, "weil sich Amerika in einer Phase starken, sich selbst tragenden Wachstums befindet", sagt Richard Berner, Chefökonom von Morgan Stanley. Er traut der US-Konjunktur in diesem und im nächsten Jahr ein Wachstum von rund 4 Prozent zu. Amerika verkraftet steigende Zinsen, weil die Wirtschaft stark wächst - und Wirtschaftswachstum sollte Börsianer nicht unbedingt in Depressionen stürzen.

Risiken: Zinswende bringt Schuldner ins Schwitzen

Natürlich bergen höhere Zinsen Risiken, zumal die US-Bürger überwiegend auf Pump leben. Viele Amerikaner haben in Zeiten niedriger Zinsen ihre Haushypothek umfinanziert und das gesparte Geld in den Konsum gesteckt - bei steigenden Hypothekenzinsen wird dieses Spiel nicht mehr funktionieren.

Entscheidend wird daher sein, dass sich der US-Arbeitsmarkt weiter erholt und in den USA wieder mehr neue Jobs entstehen. Dies ist die wichtigste Voraussetzung, dass der Konsum als wichtigste Stütze der US-Wirtschaft stabil bleibt. Neue Jobs erlauben der Notenbank, das Geld zu verteuern, ohne dadurch gleich den Aufschwung abzuwürgen.

Börsenerholung muss nicht enden

Inflation: Warum die Notenbank gelassen bleiben kann

Die US-Notenbank steht auch nicht so stark unter Handlungsdruck wie vor zehn Jahren. Die Inflation ist noch moderat und wurde in den vergangenen Monaten vor allem durch den steigenden Ölpreis angetrieben, der inzwischen aber wieder gesunken ist. Ohne Energiepreise liegt die Inflationsrate in den USA derzeit unter 2 Prozent: So lange die Preissteigerung überschaubar bleibt, können die Währungshüter auf aggressive Zinserhöhungen verzichten.

"Für eine höhere Inflation sind zwei Voraussetzungen zu erfüllen: Eine zunehmende Preissetzungsmacht der Unternehmen und kräftige Lohnsteigerungen bei den Arbeitnehmern", sagt Stefan Schilbe, Volkswirt bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Beides ist derzeit eher unwahrscheinlich. Nach der langen Flaute auf dem Arbeitsmarkt sind Arbeitnehmer weich geklopft und noch nicht stark genug, um deutliche Lohnerhöhungen durchzusetzen.

Angesichts verhaltener Nachfrage werden Unternehmen zudem kaum an Preiserhöhungen denken. "Die Kapazitätsauslastung der Unternehmen ist mit 76 Prozent weiterhin sehr niedrig und die Löhne wachsen auf realer Basis nicht", so Schilbe. Zwei Faktoren, die die Inflation bremsen.

Erholung an der Börse muss noch nicht vorbei sein

Vieles spricht dafür, dass auf die Zinswende am Mittwoch eher gemäßigte Zinserhöhungen folgen - die Erholung an den Börsen muss daher trotz steigender Zinsen noch nicht vorbei sein. Im zweiten Halbjahr sei "eine moderate Erholung wahrscheinlich", meint Klaus Martini von der Fondsgesellschaft DWS. Voraussetzung seien allerdings eine Beruhigung der geopolitischen Lage, weiter nachgebende Ölpreise sowie eine solide Gewinn- und Wachstumsentwicklung in den wichtigsten Volkswirtschaften.

Trotz der Zinswende der Fed geht Martini für die Jahre 2004 und 2005 von weiterem Gewinnwachstum aus. Auch sein Kollege Ian Morris von HSBC stellt die Zeichen auf Grün: Die bisher lockere Geldpolitik in den USA schlage immer stärker auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt durch. Zinserhöhungen dienten nun dazu, die Preissteigerung zu dämpfen und das Wachstum zu stabilisieren.

Wachstumsrisiken in Euroland

Anders die Situation in Euroland. Hier gibt es noch nicht allzu viel Wachstum, das sich stabilisieren ließe. Die Europäische Zentralbank wäre gut beraten, sich von den Zinserhöhungen der Fed nicht unter Druck setzen zu lassen, meint David Walton, Ökonom bei Goldman Sachs. Selbst wenn Euroland in diesem Jahr ein Wachstum von 2 Prozent schafft, wächst die Volkswirtschaft damit nur halb so schnell wie die der USA.

"Für die Eurobanker könnte es schwierig werden, zu argumentieren, dass die Euroland-Zinsen höher bleiben sollten als die US-Zinsen", so Walton. Außerdem können Deutschland und Italien, die nahe der wirtschaftlichen Stagnation herumkrebsen, niedrige Zinsen gut gebrauchen.

Geld anlegen bei steigenden Zinsen

Bei Wachstumstiteln steigt das Risiko

Angesichts der immer noch schwachen Erholung in Euroland und der hohen Verschuldung in den USA sollten Anleger ihre Investments nach der Zinswende genau prüfen. Mit steigenden Zinsen wird den Märkten Liquidität entzogen, da viele Anleger ihr Geld wieder umschichten. Außerdem war die deutliche Erholung an den Aktienmärkten im Jahr 2003 auch von dem billigen Geld getrieben: Investoren liehen sich Geld zu günstigen Konditionen und investierten am Aktienmarkt. Selbst wenn die US-Wirtschaft trotz höherer Zinsen weiter wächst und die Unternehmensgewinne weiter steigen, sind Kursgewinne am breiten Markt wie im vergangenen Jahr unwahrscheinlich.

Analysten der Société Générale empfehlen Anlegern, in Zeiten steigender Zinsen eher defensive Werte mit hohem Cashflow und hoher Dividendenrendite auszuwählen. Dazu gehören in Europa Versorgerwerte wie Eni, Royal Dutch oder Enel . Technologiewerte sind eher mit Vorsicht zu genießen, da die Unternehmen für ihr weiteres Wachstum auf geliehenes Geld angewiesen sind und unter steigenden Zinsen stärker leiden als Unternehmen mit niedriger Schuldenlast.

Schwierige Zeiten für Emerging Markets

Auch an den Wachstumsmärkten steigen die Risiken. Viele Fondsgesellschaften haben in den vergangenen Jahren in hoch verzinste Anleihen der Schwellenländer investiert, könnten bei steigenden Renditen nun aber wieder in besser abgesicherte Papiere umsteigen. In der dynamischen Wachstumsregion China bemüht sich die Regierung ohnehin, das Wachstumstempo abzuschwächen und etwas Dampf aus dem Kessel zu lassen: Auch in China wird bis Jahresende mit höheren Zinsen gerechnet.

Sinkende Kurse bei langfristigen Anleihen

Anleihen sind in den kommenden Monaten kaum eine Alternative. Ein Ende des Zinssenkungszyklus ist die schlechteste aller Welten für Anleihenkäufer, sagt Bill Gross, Manager des weltgrößten Rentenfonds Pimco Total Return. Bei steigenden Zinsen steigen gleichzeitig die Renditen von Anleihen, was sich negativ auf die Anleihenkurse auswirkt. Die meisten Anleiheninteressenten warten angesichts fallender Kurse ab: Lediglich kurzfristige Anleihen sowie Geldmarktfonds sind derzeit für risikoscheue Investoren interessant.

Bleiben Festgelder und Tagesgeld. Die Hoffnung, dass sich die Banken in Europa ausgerechnet an steigenden Zinsen in den USA ein Beispiel nehmen und ihrerseits den Guthabenzins erhöhen, dürfte mit Sicherheit enttäuscht werden. Zumal die Europäische Zentralbank erst einmal die Entwicklung in den USA abwarten dürfte, bevor sie reagiert. Wer in diesen Zeiten mehr als 2 Prozent Zinsen auf einem Tagesgeldkonto einstreicht, kann sich schon als Gewinner fühlen.

Es dürfte also noch eine Weile dauern, bis Anleihen oder Festgeld sich wieder zu einer echten Alternative zu Aktien entwickeln. Viele Anleger dürften auch nach der Zinswende der Aktie treu bleiben. Selbst wenn die beste aller Anlegerwelten bald der Vergangenheit angehört, bleibt die Hoffnung auf eine ruhige Hand der Fed.