Lebensversicherung Was Kunden wissen müssen

Die Steuerfreiheit fällt, die Deutschen werden älter und müssen mehr sparen, und die Finanzaufsicht zieht die Zügel an. Welche Versicherer schaffen den Spagat zwischen Risiko und Rendite? Eine Studie nennt die Großbaustellen einer Branche, die vor einer Auslese steht. Was Kunden und Aktionäre wissen müssen.

Hamburg / Köln - Das Schlimmste scheint vorbei. Nach zwei katastrophalen Jahren weisen die deutschen Lebensversicherer für das Jahr 2003 wieder steigende Gewinne und wachsende Kundenzahlen aus: Ein Trend, der in diesem Jahr anhalten dürfte. Viele Kunden dürften in diesem Jahr noch rasch eine Kapitallebensversicherung abschließen, um sich die Steuerfreiheit zu sichern. Ausländische Beobachter wie die Investmentbank Merrill Lynch sehen die deutschen Assekuranzen aus dem dunklen Tal herauskommen, und die Branche selbst sieht sich bereits wieder auf der Sonnenseite des Lebens.

Alles prima also? Nicht ganz. Die deutschen Lebensversicherer müssen jetzt eine Reihe von Herausforderungen meistern, um die Chancen der kommenden Jahre zu nutzen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Ratingagentur Fitch: "Die Versicherer müssen zahlreiche Veränderungen in den Griff bekommen", meint Fitch-Analyst Marco Metzler, der gemeinsam mit den Analysten Christian Kühner und Tim Ockenga die Studie erstellt hat. Für den Kunden bedeutet das: Er muss die Risiken der Branche kennen, bevor er sich für einen Versicherer entscheidet.

Sterbetafeln, Steuer, stille Lasten - was sich ändert

Die Fitch-Studie benennt die größten Baustellen der deutschen Assekuranzen. Die Versicherer brauchen zum Beispiel weiteres Kapital, um den gesetzlich geforderten Sicherungsfonds zu finanzieren und strengeren Richtlinien der Finanzaufsicht zu genügen. Stille Lasten in Milliardenhöhe sind weiterhin ein Problem.

Zudem gelten ab 2005 neue Sterbetafeln in der Rentenversicherung - da die Rentner immer älter werden, müssen die Assekuranzen höhere Rückstellungen bilden. Außerdem zwingt der Wegfall der Steuerfreiheit die Anbieter zum Umsteuern: Nur wer dem Kunden ab 2005 renditestarke Alternativen bieten kann, setzt sich durch.

Herausforderungen, die allein durch Aufbruchstimmung und langsam wachsende Kundenzahlen nicht zu bewerkstelligen sind. Fitch hat daher den Ausblick für das Rating der deutschen Lebensversicherer auf "negativ" gesetzt. Die Branche ist im Umbruch - die Gewinner von morgen müssen sich jetzt beweisen.

Alternativen zur Kapitallebensversicherung

Steuerfreiheit: Fonds statt Lebensversicherung

Beispiel Steuerfreiheit: Ab Januar 2005 sind die Erträge neu abgeschlossener Kapitallebensversicherungen nicht mehr steuerfrei. Die deutschen Lebensversicherer verlieren bis Jahresende damit ihr wirkungsvollstes Verkaufsargument, und nach einem Run auf Kapitallebensversicherungen bis Jahresende dürfte die Nachfrage abfallen.

Es dürfte schwieriger werden, traditionelle Lebensversicherungen zu vermarkten, so die Studie. Die steuerbegünstigte Rentenversicherung ist nicht für alle Kunden sinnvoll, da sie als Leibrente gezahlt wird und Hinterbliebene nach dem Tod des Versicherten keine Ansprüche mehr haben. "Für einige Kunden könnte es sinnvoll sein, statt dessen einen langfristigen Fondssparplan mit einer Risiko-Lebensversicherung zu kombinieren", meint Metzler.

Die Erträge aus langfristigen Fondssparplänen sind nach aktueller Gesetzgebung weiterhin steuerfrei. Zudem ist ein Fondssparplan flexibler als eine traditionelle Lebensversicherung, bei der bei vorzeitiger Kündigung happige Einbußen drohen. Für die Angehörigen lasse sich auch durch eine Risiko-Lebensversicherung vorsorgen.

"Diejenigen Anbieter, die neben der traditionellen Lebens- und Rentenversicherung auch Fondsprodukte bieten können, werden im Vorteil sein", meint Metzler. Für Ein-Produkt-Anbieter dürfte es dagegen schwer werden. "Das Thema Allfinanz wird spätestens im Jahr 2005 bei Versicherern wieder nach vorne rücken", schätzt der Analyst. Sowohl unabhängige Finanzdienstleister mit einer breiten Produktpalette als auch die Big Player, die Fonds aus eigenem Hause zur Altersvorsorge anbieten können, sollten davon profitieren.

Kundenwachstum heißt nicht Gewinnwachstum

Kundenwachstum heißt nicht Gewinnwachstum

Doch auch das von der Branche bejubelte Kundenwachstum ist mit Vorsicht zu genießen. Ein neuer Kunde bringt für den Versicherer nur dann Gewinn, wenn der Anbieter mit den Beiträgen mehr Rendite erwirtschaften kann, als er an den Kunden wieder ausschüttet. Im Jahr 2002 zum Beispiel hatten die deutschen Lebensversicherer mit ihren Anlagen keine Rendite erwirtschaftet, aber den Versicherten in Form von Garantiezins plus Gewinnbeteiligung im Durchschnitt 4,3 Prozent Zinsen zahlen müssen.

Diese "negative Zinsdifferenz" muss aus Rücklagen bezahlt werden: Zwar hat der Gesetzgeber den Garantiezins für Lebensversicherungen auf 2,75 Prozent gesenkt, doch an den Kapitalmärkten ist es trotz der Erholung noch immer eine sportliche Aufgabe, die geforderten Renditen zu erzielen.

"Auf Grund der negativen Zinsdifferenz zwischen tatsächlich erzielten Erträgen und Gutschriften an die Kunden, die seit einigen Jahren vorherrscht, ist es derzeit nur wenigen Lebensversicherern möglich, von ihrem starken Kundenwachstum wirklich langfristig zu profitieren", heißt es in der Studie. Steigende Kundenzahlen erfreuen zwar den Vertrieb und bringen den Vertretern Provisionen - doch nachhaltiger Gewinn ist damit noch lange nicht erzielt. "Es kommt nicht nur auf die Zahl der Kunden an", sagt Metzler. "Entscheidend ist, was der Anbieter aus dem Geld seiner Kunden macht".

Rückstellungen müssen wachsen

Deutsche werden älter: Rückstellungen müssen wachsen

Die Anforderungen an die Versicherer werden umso anspruchsvoller, da ab Januar 2005 neue Sterbetafeln in der Rentenversicherung gelten. Da die Versicherten immer älter werden und folglich länger Leistungen beziehen, werden die Anbieter ihre versicherungstechnischen Rückstellungen neu bewerten müssen.

"Dies wird sich direkt negativ auf die Kapitalausstattung der Versicherer auswirken", heißt es in der Studie der Ratingagentur. Dieser Prozess werde sich zwar wie in der Vergangenheit über mehrere Jahre hinziehen. Der zusätzliche Kapitalbedarf für die Versicherer wird jedoch von Fitch auf mehrere Milliarden Euro geschätzt.

Beispiel stille Lasten: Die Versicherer hätten im Jahr 2003 rund 16 Milliarden Euro abschreiben müssen, die ihnen während der Vorjahre als Verluste aus Kapitalanlagen entstanden sind, so ein Ergebnis der Studie. Doch eine in letzter Minute erreichte Ausnahmeregelung erlaubte den Beteiligten, auch im Jahr 2003 rund sechs Milliarden Euro Verluste in das Jahr 2004 zu verschieben.

Finanzkraft: Gewinner und Verlierer

Einige Anbieter konnten es sich schlicht nicht leisten, ihre Verluste voll abzuschreiben. "Dieser erneute Aufschub verstärkt die Polarisierung in der Branche", meint Metzler. Einige starke Anbieter hätten Verluste aus den Horrorjahren bereits abgeschrieben, während finanzschwache Anbieter aus purer Not die alten Verluste erneut aufgeschoben haben und mit einer Bürde ins neue Geschäftsjahr gehen.

Beispiel Finanzkraft: Die Erholung an den Finanzmärkten und die gelungenen Kapitalerhöhungen einiger großer Versicherer wie der Allianz trugen dazu bei, die Finanzausstattung der Versicherer innerhalb eines Jahres wieder zu verbessern. Doch noch immer fehlen nach Berechnungen von Fitch den deutschen Lebensversicherern rund 20 bis 30 Milliarden Euro, um den Sektor nachhaltig zu stabilisieren. Die so genannte Solva-Quote der Versicherer reicht nach Einschätzung der Fitch-Analysten nicht aus, um deren Finanzstärke zu beurteilen. Auch sie basiere auf Buchwerten und könne ein unabhängiges Rating nicht ersetzen.

Sicherungsfonds: Gefahr für die Rendite

Sicherungsfonds: Warum Kunden für Insolvenzschutz zahlen

Mehr Geld müssen die Versicherer künftig auch für diverse Sicherungsinstrumente aufbringen, die vor einer drohenden Pleite eines Versicherers wie im Fall Mannheimer Leben schützen sollen. Der von der Branche entwickelte Sicherungsfonds "Protektor" bietet nach Einschätzung des Finanzministeriums keinen ausreichenden Schutz: Nach einer im April 2004 beschlossenen Gesetzesvorlage sollen alle Lebens- und Krankenversicherer darauf verpflichtet werden, in einen staatlichen Sicherungsfonds einzuzahlen. Die Beiträge sollen von den Unternehmen aufgebracht werden, der - anders als bei Protektor - die Kosten nur indirekt in Form höherer Prämien an die Versicherten weitergeben kann.

"Eine direkte Verrechnung mit dem Kapitalergebnis der Kunden scheint so nicht mehr möglich", heißt es in der Studie. In den vergangenen Monaten hatte die Finanzierung des brancheneigenen "Protektor" für Unmut gesorgt: Einige Versicherer hatten ihre Beteiligung am Protektor mit Kundengeldern finanziert, indem sie die Aktien des Protektors als Investment in den Deckungsstock, das heißt das Spargeld des Kunden, aufgenommen hatten. Nur unter großen Bedenken hatte die Finanzaufsicht Bafin diesem Schachzug zugestimmt: Schließlich handelt es sich beim Protektor um ein Sicherungsinstrument und nicht um eine möglichst rentable Finanzanlage.

Geringere Verzinsung möglich

Die Rettung angeschlagener Versicherungsunternehmen könnte auf diese Weise die Nettoerträge der Versicherten drücken. Sollte die Mannheimer Holding nach Ablauf der Sanierungsfrist Ende Juni doch noch Insolvenz anmelden, müsste der Protektor nach Schätzungen von Fitch weitere 200 bis 300 Millionen Euro nachschießen. Damit würden die Kosten zur Rettung der Mannheimer Lebensversicherung auf rund 440 bis 540 Millionen Euro steigen. Für die Kunden könnte dies bedeuten, dass die Netto-Verzinsung ihrer Kapitalanlagen sinkt.

"Im Fall Mannheimer reden wir von einer geringeren Verzinsung der Kundengelder von rund 0,1 Prozent - bei der Rettung größerer Versicherer könnte das Minus jedoch deutlich größer ausfallen", so Metzler. Es sei höchste Zeit, dass die Finanzierung des Sicherungsfonds auf eine neue Grundlage gestellt wird: "Wenn eine Bank die Verzinsung ihrer Festgelder senken würde, um eine andere Bank zu retten, würden die Kunden zu Recht protestieren".

Entspannt, doch längst nicht heiter

Die Gesetzesvorlage, die noch vom Bundesrat beschlossen werden muss, gibt den Kunden außerdem eine rechtliche Grundlage an die Hand, um ihre finanziellen Ansprüche aus den verzinsten Anlagen des Deckungsstocks zu sichern. Allerdings gibt das Gesetz keine Mindestgrenze vor, wie das Deckungsstock-Kapital künftig verzinst werden muss: "Das kann auch auf ein Null-Verzinsung hinauslaufen", so der Fitch-Analyst. Daher sei es umso wichtiger, sich für ein finanzstarkes Unternehmen zu entscheiden.

"Die Situation für die deutschen Lebensversicherer hat sich im Vergleich zu den Vorjahren entspannt", räumt auch Metzler ein. Doch Grund zum Zurücklehnen gebe es angesichts der neuen Herausforderungen nicht: "Es gibt noch viel zu tun."