Unisex-Tarife Weiblich soll kein Nachteil sein

Ob Mann oder Frau, vor der Riester-Rente sind ab 2006 alle gleich. So will es der Gesetzgeber. Die Assekuranz schlägt Alarm. Sie fürchtet, das Modell der "Unisex"-Tarife könnte überall Schule machen. Gleichberechtigung oder Gleichmacherei?

Hamburg - Unisex. Das klingt irgendwie modern, avantgardistisch. Was in der Mode ankommt, sorgt in der Politik seit Monaten für helle Aufregung. Und speziell Vertretern der Versicherungsbranche geht beim Gedanken an "Unisex" das sprichwörtliche Messer in der Hose auf. Was die Gemüter so erregt, soll voraussichtlich in der ersten Juni-Woche den EU-Rat passieren und wird langfristig nicht nur die Assekuranz aufwirbeln.

Das EU-Parlament hatte Ende März nach langer und heftiger Diskussion die "Richtlinie zur Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichbehandlung von Frauen und Männern beim Zugang und bei der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen" verabschiedet. Dabei geht es wohl weniger darum, dass Frauen für einen Haarschnitt mitunter ein Vielfaches ihrer männlichen Artgenossen bezahlen. Die Richtlinie will dazu beitragen, bestehende "Ungleichbehandlung" der Geschlechter in wichtigen Lebensbereichen zu beseitigen - die Konditionen bei Versicherungen zählen zweifelsohne dazu.

Die Bundesregierung hat mit dem Ende April verabschiedeten Alterseinkünftegesetz bereits darauf reagiert. Demnach sind Versicherer bei staatlich geförderten Riesterrenten ab 2006 dazu verpflichtet, einheitliche Tarife für Männer und Frauen anzubieten - so genannte Unisex-Tarife.

Bislang mussten Frauen wegen ihrer durchschnittlich sechs Jahre höheren Lebenserwartung für die gleiche Rente rund 15 Prozent mehr Beiträge zahlen. Produkte, die dieser Forderung nicht entsprechen, fallen aus der Förderung raus. Bereits bestehende Verträge sind von der Regelung nicht betroffen. Mit der Neuregelung werde der "geschlechtsspezifischen Benachteiligung von Frauen bei der privaten zusätzlichen Altersvorsorge ein Ende bereitet" heißt es regierungsamtlich dazu.

Bis zu 14,6 Prozent weniger unter dem Strich

Bislang lief die Versicherungswirtschaft gegen die Pläne vergeblich an. Die geschlechterspezifische Kalkulation sei keine Diskriminierung, sondern folge eben der Tatsache, dass Frauen länger leben. Über die Lebenszeit betrachtet sei die Gleichbehandlung gegeben, rechnete der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) gebetsmühlenartig immer wieder vor. Ein vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Auftrag gegebenes Gutachten kam zu einem anderen Ergebnis. Frauen würden bei gleichen Beiträgen im Alter bis zu 14,6 Prozent geringere Leistungen erhalten.

Gleichberechtigung oder Gleichmacherei?

Verschiedene Versicherer haben bereits angekündigt, dass sie ihre Kalkulation künftig zu ungunsten der Männer verschieben werden. Denn die Assekuranz müsse alle Beiträge auf Basis des schlechtesten Risikos berechnen. Das heißt im Klartext: Frauen werden nichts sparen, und Männer für Riesterprodukte künftig draufzahlen. Dies werden sie aber nicht tun, sondern auf andere Vorsorgeprodukte ausweichen, befürchtet auch das Deutsche Institut für Altersvorsorge. Dies sei der endgültige "Todesstoß" für die ohnehin als zu kompliziert geltende Riester-Rente.

Versicherer: "Unisex" treibt die Preise hoch

Die Sorgen der Branche gehen aber noch weiter. Sie befürchtet, dass das Diskriminierungsverbot künftig alle Sparten der Versicherungswirtschaft erfassen wird, wie es die EU-Richtlinie ja auch grundsätzlich intendiert. Einheitstarife würden zur Preistreiberei führen, warnte jetzt Ulrich Rumm, Chef der Allianz Privaten Krankenversicherung im "Handelsblatt".

Da Frauen im Schnitt bis zu 40 Prozent höhere Versicherungsleistungen in der Krankenversicherung in Anspruch nähmen und zudem auch länger leben, könne der Beitrag zum Beispiel für eine 35-jährige Frau für den gleichen Versicherungsschutz um bis zur Hälfte höher liegen als bei einem gleichaltrigen Mann. Sollte der Gesetzgeber auch hier Einheitstarife installieren, stünden Krankenversicherer mit einem geringeren Frauenanteil besser dar. Folglich würden die Versicherer dann auch alles tun, um Frauen möglichst nicht aufnehmen zu müssen. Schon heute seien mehr Männer als Frauen privat krankenversichert.

Dabei werde das von den Krankenkassen kalkulierte "Geburtsrisiko" im Übrigen vielfach überschätzt, erklärte Rumm. Die dafür veranschlagten Mehrkosten für weibliche Versicherte machten nicht mehr als ein Viertel aus. In diesem konkreten Punkt könnte sich Rumm allerdings durchaus mit dem Gedanken anfreunden, diese Kosten gleichmäßig auch auf Männer umzuverteilen.

Gerichte könnten noch viel Arbeit bekommen

Kritiker(innen) halten geschlechterspezifische Tarife ohnehin für Willkür. So argumentierten der Deutsche Juristinnenbund oder der Deutsche Gewerkschaftsbund kürzlich, dass ja genauso gut unterschiedliche Tarife etwa für andere "Risikogruppen" wie Raucher und Arme denkbar seien, da diese gegenüber Nichtrauchern und Wohlhabenden im Schnitt eine kürzere Lebenserwartung hätten.

Der Widerstand gegen die Gegner der Unisex-Tarife scheint jedenfalls vorprogrammiert. So kündigte nach jüngsten Presseberichten die Juristin und Geschäftsführerin der Hans-Böckler-Stiftung, Heide Pfarr, unlängst einen Musterprozess an. Notfalls werde man auch vor den Europäischen Gerichtshof in Straßburg ziehen.

Sollten die Versicherer tatsächlich dazu gezwungen werden, ihre geschlechterspezifische Kalkulation umzustellen, stellt sich allerdings die Frage, ob dies ebenso umgekehrt gilt. Denn dann dürfte es auch keine günstigeren "Lady-Tarife" etwa in der Kraftfahrt- und Unfallversicherung geben, selbst wenn Frauen statistisch gesehen weniger Unfälle produzieren.

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