Audienz bei Buffett Woodstock der Kapitalisten

Wenn reiche Menschen frühmorgens an einer Herde Rinder vorbeirennen, ist wieder Buffett-Zeit. Der Meister bittet zur Hauptversammlung in Omaha, und Fondsmanager Hendrik Leber war dabei. Er spricht über das Geheimnis des Reichmachers und über den Mythos der Kapitalisten-Sause.

Es klingt wie eine Frühlingsmesse. Am Freitagabend Sektempfang beim Juwelier Borsheim's, am Sonnabend Treffen im QWest-Center in Omaha, Zehnte Straße. Zum Auftakt ein kurzer Unternehmensfilm, dann beantworten Warren, 72, und Charlie, 80, Fragen. Am Abend stärken sich die Gäste beim Backyard Barbecue, um Kraft für den "Shareholder Shopping Day" am Sonntag zu sammeln.

Firmen, die zu Warrens und Charlies Reich gehören, stellen aus. Warrens Buffet ist reich gedeckt: Es gibt Schuhe, Möbel, T-Shirts, Schmuck, alles mit Shareholder Rabatt, und alle Erlöse bleiben in der Familie. Wer keine Einkäufe mehr tragen mag, kann auch eine günstige Autoversicherung abschließen oder mit ein paar eingeflogenen Experten eine Partie Bridge wagen.

Sechs Stunden Smalltalk

Es ist nicht so, dass die Gäste Rabatte zwingend nötig hätten. Unter den 15.000 Menschen, die an diesem ersten Mai-Wochenende die Hauptversammlung von Berkshire Hathaway besuchen, sind viele reiche Leute. Sehr viele. Ihre Berkshire-Anteilsscheine Typ sind seit dem jüngsten Mai-Meeting von 70.000 auf 93.000 Dollar pro Stück gestiegen. Im Frühjahr 2000 hätte man die Aktie für 40.000 Dollar kaufen können, im Frühjahr 95 für 20.000 Dollar. Im Frühjahr 1975 - man darf gar nicht daran denken ...

Nur so viel: Der Börsenwert der Berkshire-Beteiligungsgesellschaft, die im vergangenen Jahr 8,1 Milliarden Dollar Nettogewinn erzielt hat, ist seit 1965 um 400.000 Prozent geklettert. Deshalb schätzen die Aktionäre die beiden Unternehmenschefs Warren Buffett und Charlie Munger. Je länger, desto mehr.

Zu den Berkshire-Aktionären zählen Fondsmanager und Finanzprofis aus aller Welt. Es ist natürlich nicht so, dass sie die Reise nach Omaha antreten, um sich ein paar neue Fruit-of-the-Loom T-Shirts, eine Uhr von Borsheim's oder Schuhe von H.H. Brown zu kaufen. Sie kommen, um den Worten von Buffett und Munger zu lauschen. Und sie kommen auch nicht einfach. Sie rennen.

"Wir erzählen euch alles, was wir wissen"

"Wir werden euch alles erzählen, was wir wissen"

Auch Hendrik Leber, Chef der Frankfurter Vermögensverwaltung Acatis, wird rennen. Ab sieben Uhr, sobald die Tore öffnen. Leber ist zum zehnten Mal dabei und kennt sich aus: Nur die Reichen, die rennen, ergattern einen Platz in Buffetts und Mungers Nähe.

Im vergangenen Jahr war Leber an einer Herde prächtiger Longhorn-Rinder vorbeigehastet, die Buffett vor den Eingangstoren zusammentreiben ließ, um die einzigartige Qualität seiner Cowboystiefel der Marke Justin Brands zu demonstrieren. "Buffett aus der Nähe zu erleben, ist wie ein Jungbrunnen", sagt Leber.

Sechs Stunden lang, von 9.30 Uhr bis 15.30 Uhr, werden Buffett und sein Partner Munger Fragen beantworten. Frei, auf Zuruf. Kein Redemanuskript, keine langweiligen Ansprachen, kein Back-Office hochbezahlter Experten.

Berkshire Hathaway hat nur vierzehn Angestellte, Chefs inklusive. "Charlie und ich werden Fragen beantworten. Wir werden euch alles erzählen, was wir wissen", hat es Buffett in seiner Einladung zur Hauptversammlung formuliert.

Das ist einen Spurt am Morgen wert.

Die Sparsamkeit der Reichmacher

Leber gehört zu den Fondsmanagern, die wie Buffett ihre Risikofreude lieber beim Bridge als beim Aktienkauf austoben. Die wie Buffett Firmen mit einem grundsoliden Geschäftsmodell, attraktiven Erträgen und aktuell günstiger Bewertung bevorzugen. Wie Buffett hält Leber nichts von übertriebenem Aktionismus, schätzt aber das richtige Timing: "Einige Buffett-Fans stellen sich schon um fünf Uhr in der Frühe vor das Eingangstor. Doch es reicht, wenn man um kurz vor sieben da ist", erzählt Leber. Sobald die Tore öffnen, müsse man jedoch "hellwach sein".

Belohnung für die ersten Gäste ist ein Kurzfilm, Beginn 8.30 Uhr. Meist ist ein Buffett-Comic dabei, oder ein Kurzinterview mit Charlie Munger, der Berkshire gemeinsam mit Buffett führt. "Jetzt ist Warren wirklich übergeschnappt", heißt es darin. "Stellt euch vor, er hat sogar einen neuen Teppich gekauft." Die Sparsamkeit der Reichmacher gehört ebenso zum Konzept wie die Vorstellung der 33 Firmen, die Berkshire derzeit besitzt.

Buffett hat die Hauptversammlung in diesem Jahr in das neue Qwest Center verlegt, weil die Hallen nicht nur mehr Platz für seine Jünger bieten, sondern auch für ein ganzes Fertighaus der jüngst erworbenen Firma Clayton Home. Selbstverständlich können Besucher in diesem Haus Teppiche der Firma Shaw (im Berkshire Besitz), Ziegel der Marke Acme (im Berkshire Besitz) und Möbel aus dem Nebraska Furniture Mart (im Berkshire Besitz) bewundern.

Was Buffett anders macht

"Brauche oft Monate, um seine Worte zu verstehen"

Ab 9.30 Uhr folgt der Parforceritt durch die Welt der Wirtschaft. Scheinbar eine leichte Übung für die beiden älteren Herren, die ungezwungen plaudern. Traditionell eine Konzentrationsübung für Finanzprofis, die über sechs Stunden versuchen, möglichst präzise mitzuschreiben. "Meist schreibe ich zwischen 15 und 20 Seiten, obwohl Buffett keine konkreten Kauf- oder Verkaufsempfehlungen gibt", erzählt Leber. Statt dessen formuliere er sprachliche Bilder und gebe langfristige Einschätzungen: "Oft brauche ich Monate oder gar Jahre, um zu verstehen, was Buffett gemeint hat", sagt Leber.

Buffetts Konzept der "margin of safety", also der Maxime, Unternehmen möglichst zu einem Preis unter ihrem inneren Wert zu kaufen, sei für viele jüngere Investoren zum Beispiel lange Zeit ein realitätsfernes Papierkonzept gewesen. Wer aber den Crash der Jahre 2001 und 2002 erlebt habe, verstehe nun, dass Aktien wirklich so tief sürzen können. Auch Buffetts Bemerkung, dass Finanzderivate zu finanziellen "Massenvernichtungswaffen" werden können, behält Leber im Gedächtnis: "Wenn in naher Zukunft eine Großbank auf Grund fehlgeschlagener Derivate-Geschäfte pleite geht, werden wir uns an Buffett erinnern."

Alt, aber niemals altmodisch

Der Meister bemühe wenig Worte, bleibe dabei aber extrem eloquent. Auf die Frage, ob es sich lohnt, im Leben mehr als zehn Aktien zu kaufen, antwortet Buffett, dass einige Menschen mit nur wenigen Entscheidungen sehr reich geworden sind. Und dass man ein Auto, in dem man jahrelang mit seiner Familie fahren wolle, strenger prüfe als ein Gefährt, in das man nur mal eben ein- und aussteigen wolle.

Buffett pflegt das Image des skurillen, freundlichen älteren Herren. Doch es wäre grundfalsch, ihn für altväterlich, unflexibel und altmodisch zu halten. "Es ist ungeheuerlich, wie schnell und präzise Buffett denkt und wie pointiert er formuliert", sagt Leber. Buffett könne hochkomplexe Strategien nicht nur schnell durchschauen, sondern auch in einfachen Worten erklären. Der erfolgreichste Investor der Welt brauche keine Notizzettel, wenn er über die Absatzzahlen von Coca-Cola in Indien seit 2001 oder über die Schwankungen des Dollar seit 1990 rede. "Das ist konkurrenzlos. Er ist schlicht ein Genie", sagt Leber.

Tipps der Ausländer für den Meister

In diesem Jahr hat der Fondsmanager aus Frankfurt die Chance, dem Genie wirklich nahe zu kommen. Zum ersten Mal wird es am Sonnabend Nachmittag ein einstündiges Meeting für internationale Investoren geben, die von außerhalb der USA angereist sind. "Charlie und ich wollen die Leute treffen, die einen so weiten Weg gekommen sind", heißt es in Buffetts Einladung. Für Investor Leber geht es dabei aber nicht um Heldenverehrung, sondern um produktive Kritik: "Ich meine, dass Berkshire im internationalen Bereich nicht aktiv genug ist", sagt Leber.

Wer außer Buffett könne es sich schon leisten, einen Gewinn in Milliardenhöhe weder auszuschütten noch wieder anzulegen - schlicht mit der Begründung, dass es am Markt derzeit keine günstigen Investmentmöglichkeiten gebe. Gleichzeitig habe sich Buffett auf Währungsspekulationen eingelassen und moniert, dass die USA mit ihrer derzeitigen Haushaltspolitik ihre Zukunft an fremde Länder verkaufen. Dies könne auch bedeuten, sich stärker in Märkten außerhalb der USA zu engagieren, meint Leber.

Buffetts diesjähriger Tipp für Aktionäre

Hochkomplexe Strategien: Buffett schätzt das Risiko

Berkshires traumhafter Erfolg beruht nicht ausschließlich auf den 33 eigenen Firmen, sondern vor allem auf den Beteiligungen an global tätigen Konzernen. Mit den Beteiligungen an Coca-Cola , Gillette und General Re hat Buffett Milliarden verdient, das Versicherungsgeschäft wirft derzeit das meiste Geld ab.

Buffetts scheinbar so konservative Anlagestrategie beruht zum großen Teil auf dem Geschäft mit dem Risiko: Doch das Risiko werde in Buffetts Versicherungsgeschäft eben genau kalkuliert, abgeschätzt und versilbert, verrät Buffett-Intimus Richard Santulli, Chef der Berkshire-Firma NetJets. Es wäre untypisch für Buffett, wenn er die Chancen und Risiken in den Wachstumsmärkten außerhalb der USA nicht schon längst analysiert hätte, meint Leber.

Buffetts heißer Tipp: Hash Browns bei Gorat's

Nach dem "International Meeting" und dem Backyard Barbecue am Samstag Abend wird Leber Omaha wieder verlassen. Bis dahin hat er Bekannte wiedergesehen, Kontakte gepflegt. Auch Buffett ist bewusst, dass von Freitag bis Sonntag viele wohlhabende Investoren in entspannter Atmosphäre zusammenkommen: Daher gibt es am Sonntag den "Shareholder Shopping Day", an dem der Juwelier Borsheim's traditionell den höchsten Umsatz des Jahres einfährt.

Das "Woodstock für Kapitalisten", wie die Berkshire-Chefs die Hauptversammlung nennen, klingt am Sonntag Abend bewußt familiär aus. Buffett, der neben Eiscreme von Dairy Queen und Cherry Cola vor allem ein liebevoll zubereitetes Steak schätzt, empfiehlt einen Besuch in Gorat's Steak House. "Beweise, dass Du ein Meister Deines Fachs bist", empfiehlt Buffett vorab den Berkshire-Aktionären. "Bestell bei Gorat's ein T-Bone-Steak mit doppelter Portion Hash Browns."

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