Lebensversicherer Verschleiern mit System

Kaum eine Sparte beherrscht die Verschleierungstaktik so gut wie die Lebensversicherer, behauptet "Stiftung Warentest". Die Unternehmen informierten ihre Kunden völlig unzureichend. Das hat Methode, sagt Peter Hüttner im Gespräch mit manager-magazin.de.

mm.de:

Herr Hüttner, eine Studie hat erst kürzlich offenbart, jeder zweite Lebensversicherte wisse nicht, wie viel Geld ihm nach Ablauf seines Vertrages zustehe. Überrascht Sie das?

Hüttner: Nein. Was der Kunde am Ende seines Vertrages unter dem Strich tatsächlich erhält, kann keiner vorhersagen. Denn die Leistungen setzen sich aus einem garantierten Teil und einer Überschussbeteiligung zusammen. Der erste Teil ist sicherlich absehbar und steht auch in der Versicherungspolice. Die Überschussbeteiligung allerdings hängt wesentlich von der Entwicklung der Kapitalmärkte ab. Und diese lässt sich nicht seriös auf bis zu 30 Jahre im Voraus prognostizieren. So lange laufen Verträge aber mitunter.

mm.de: Nun wirft die Stiftung Warentest den deutschen Anbietern Verschleierungstaktik vor, was ja auch die Wissenslücken der Versicherten mit begründen könnte. Welches sind die Kernpunkte Ihrer Kritik?

Hüttner: Die Unternehmen sind dazu verpflichtet, ihre Kunden laufend über den Stand der Versicherung zu unterrichten. Wir kritisieren, dass viele Anbieter von Kapitallebensversicherungen in ihren Mitteilungen mögliche Leistungsfälle nicht deutlich unterscheiden und damit den Kunden im Unklaren lassen.

mm.de: Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Hüttner: Leistungsfälle sind die vorzeitige Kündigung des Vertrages, der Ablauf der Police oder auch der Tod des Versicherungsnehmers. Nach den Unterlagen der von uns befragten 700 Versicherten haben wir festgestellt: Die Mehrzahl der betrachteten Unternehmen differenziert nicht zwischen den einzelnen Leistungsfällen. Das heißt, die dargestellten Beträge werden dem jeweiligen Leistungsfall nicht zugeordnet und sind deshalb kaum nachvollziehbar.

Mangelnde Transparenz als System?

mm.de: Nahezu jeder zweite Versicherte löst seinen Vertrag vorzeitig auf. Wird er ausreichend über den Rückkaufswert der Policen informiert?

Hüttner: Weniger als die Hälfte der Anbieter geben die Rückkaufswerte der Policen an. Keiner nennt die Höhe der Stornoabschläge, die der Versicherer im Falle eines Rückkaufs einbehält. Darüber hinaus kritisieren wir, dass viele Lebensversicherer keine Angaben über die Höhe der möglichen Ablaufleistung auf Basis des aktuellen Stands des Vertrages und der gegenwärtigen Überschussdeklaration ausweisen.

Der Versicherte erhält in der Regel auch keine Informationen darüber, wofür und in welcher Höhe der Anbieter die Beiträge seiner Kunden verwendet. Dabei fressen die laufenden Verwaltungskosten, die Abdeckung des Todesfallrisikos und die Provision für den Vermittler einen nicht unerheblichen Teil der Beiträge auf. Nur ein einziger Anbieter wies diese Verwendung der Beiträge deutlich und nachvollziehbar für seine Kunden aus.

mm.de: Hat mangelnde Transparenz vielleicht auch deshalb Methode, weil sich die Versicherer gerade bei der Kostenfrage nur ungern in die Karten schauen lassen?

Hüttner: Das ist sicherlich ein Grund. Gerade die Abschlusskosten und die laufenden Verwaltungskosten sollten den Verbraucher interessieren, da sich diese renditemindernd auswirken. Lediglich in den Versicherungsbedingungen steht zumeist ein Prozentsatz für die Abschlusskosten, aus dem der Kunde auf deren Höhe schließen kann. Eine eindeutige Aussagekraft hätte allerdings nur die Angabe des konkreten Betrages. Man muss den Anbietern jedoch zu Gute halten, dass es sich bei der Kapitallebensversicherung um ein komplexes Produkt handelt. Die Verquickung von Todesfall-Absicherung und Sparvorgang macht diese Darstellung schwierig und kompliziert...

mm.de: ... was die Anbieter nicht davon abhalten sollte, ihre Kunden gut zu informieren.

Hüttner: Selbstverständlich. Es gibt ja auch in diesem Punkt ein positives Beispiel, wie unsere Untersuchung zeigt. Die Unternehmen neigen wohl auch deshalb zu nebulösen Darstellungen in ihren Mitteilungen, weil sie keine konkreten Fragen der Versicherten provozieren wollen. Nehmen wir das Beispiel Rückkaufswert. Der Rückkaufswert einer Police ist erschreckend gering und dürfte den Kunden, hat er ihn einmal schwarz auf weiß vor sich, nicht nur verunsichern, sondern mitunter auch verärgern. Wer dann nachfragt, kostet die Versicherungen Zeit, wie auch die Erstellung der Überschussmitteilungen einen nicht unerheblichen Verwaltungsaufwand bedeutet. Das alles kostet Geld, ohne dass die Unternehmen daraus auch nur einen Cent Gewinn ziehen können.

Was der Verbraucher tun sollte

mm.de: Welches ist denn nun das positive Beispiel?

Hüttner: Keiner der 61 Versicherer informierte vollständig über die von uns geforderten 17 Punkte, die unserer Meinung nach auf jeden Fall in einer Standmitteilung enthalten sein sollten. Positiv aufgefallen ist uns der Anbieter KarstadtQuelle, der immerhin zwölf Punkte bekam, weil er als einziges Unternehmen die Verwendung der Beiträge darstellt. Die nachfolgenden Unternehmen "Aachener & Münchener", "Condor" und "R+V" unterscheiden auch deutlich zwischen den einzelnen Leistungsfällen und informieren ebenso über die mögliche Ablaufleistung, die sich ergeben würde, wenn die aktuell deklarierten Überschusssätze bis zum Ablauf des Vertrages beibehalten werden könnten.

mm.de: Was empfehlen Sie dem Versicherten, der seine Zwischenmitteilungen nicht nachvollziehen kann?

Hüttner: Er muss sich an seinen Versicherer wenden und um schriftliche Erklärungen bitten. Mit rein mündlichen Auskünften sollte er sich nicht zufrieden geben.

mm.de: Wie reagieren die Unternehmen auf solche Anfragen?

Hüttner: Wir haben von den 700 befragten Versicherten teilweise auch den Schriftverkehr mit ihren Anbietern erhalten. Bei vielen Nachfragen waren die Antworten der Unternehmen aus unserer Sicht unzureichend. Mitunter verschanzten sich die Versicherer weiter hinter ihrem Fachjargon. Hier besteht sicherlich Verbesserungsbedarf.

mm.de: Mancher Anbieter hat Probleme, am Kapitalmarkt überhaupt die Rendite für zugesagte Garantien bestehender Verträge zu erwirtschaften. Auch deshalb hat die Branche den Garantiezins gesenkt. Andere versuchen der Garantiefalle zu entkommen, indem sie Fondspolicen verstärkt anbieten. Würden Sie dem Kunden dazu raten?

Hüttner: Grundsätzlich wird der Garantiezins nicht von den Unternehmen festgelegt. Die Obergrenze für diesen Zins bestimmt der Gesetzgeber. Den Unternehmen bleibt es natürlich vorbehalten, diesen Höchstsatz bei ihrer Kalkulation zu unterschreiten. Die fondsgebundene Lebensversicherung indes überträgt das gesamte Risiko einer Kapitalanlage auf den Verbraucher. Während er bei der konventionellen Lebensversicherung einen garantierten Teil hat, fällt diese Garantie bei der fondsgebundenen Variante weg. Das heißt, es ist der Totalverlust seiner Beiträge möglich.

mm.de: Diese Art der Lebensversicherung ist also nur etwas für den risikofreudigen Versicherten?

Hüttner: Der Verbraucher muss sich auf jeden Fall über das Risiko im Klaren sein. Er sollte sich ausführlich über die Risiken vom Anbieter dieser Produkte informieren lassen.

Die Lebensversicherung - ein Auslaufmodell?

mm.de: Die Lebensversicherer leiden unter schwachen Ertragsaussichten. Unbill droht jetzt auch von der Politik und dem Gesetzgeber. Das Steuerprivileg soll fallen, die Eigenkapitalvorschriften werden sich verschärfen. Halten Sie die Lebensversicherung als Altersvorsorgeprodukt noch für zeitgemäß?

Hüttner: Die Kapitallebensversicherung lebt davon, dass sie steuerlich bevorzugt wird. Sollte dieses Privileg tatsächlich fallen, worüber ja noch nicht endgültig entschieden ist, dann geht dieser Vorteil und ein Verkaufsargument natürlich verloren. Generell stellt sich aber die Frage, ob eine Kapitallebensversicherung überhaupt das richtige Produkt für die Altersvorsorge ist. Denn hier wird eine Leistung zu einem bestimmten Zeitpunkt komplett in einem Betrag ausgezahlt. Der Versicherte sollte eher daran interessiert sein, dass er eine garantierte lebenslange Rente erhält. Weiterhin wird ein Teil des Beitrags für die Deckung des Todesfallrisikos verbraucht, was die Rendite schmälert.

mm.de: Nun hat der Versicherte aber auch bei der Kapitallebensversicherung die Wahl.

Hüttner: Sicher, es gibt bei einigen Versicherern ein Rentenwahlrecht. Die Versicherer garantieren aber nicht immer, mit welchen Rechnungsgrundlagen das Kapital in eine Rente umgewandelt wird. Die Umwandlung erfolgt eben mit den zum Zeitpunkt der Fälligkeit gültigen Rechnungsgrundlagen. Das heißt, der Verbraucher kann sich bei Abschluss der Kapitalversicherung nicht auf eine bestimmte Höhe der Rente verlassen.

mm.de: Nach dem Fall Mannheimer Leben sagen Experten eine weitere Konsolidierung der Branche in Form von Fusionen oder Bestandsübernahmen voraus. Auch Pleiten schließen sie nicht gänzlich aus. Sollte der Verbraucher lieber gleich auf große Anbieter setzen?

Hüttner: Auch wir rechnen mit einem Konzentrationsprozess bei den Lebensversicherern. Welche Auswirkungen die Fusion von Unternehmen auf den einzelnen Kunden haben wird, ist nicht absehbar. Dies hängt unter Umständen auch davon ab, welche Unternehmensphilosophie der stärkere Partner so eines Zusammenschlusses betreibt. Der Versicherte muss deshalb nicht zwangsläufig Nachteile erleiden, nur weil er Kunde des kleineren Fusionspartners ist.

mm.de: Befürchten Sie einen zweiten Fall Mannheimer Leben?

Hüttner: Ich denke, dass die Branche und auch die Aufsichtsbehörden einen zweiten Fall Mannheimer verhindern werden.