Börsenstrategie "Die USA stehen im Fokus"

Die Terroranschläge von Madrid haben die Börse in einer wirtschaftlichen Erholungsphase getroffen. Deshalb bleiben die Auswirkungen gering, sagt Michael Hüther im Interview mit manager-magazin.de. Sorgen bereitet dem Chefvolkswirt der DekaBank vielmehr der geld- und finanzpolitische Kurs der USA.
Von Harald Grimm

mm.de

: Herr Hüther, seit den Terroranschlägen in Madrid haben die Aktienkurse deutlich nachgegeben. Der Dax  fiel von über 4000 Punkten auf aktuell knapp 3850 Punkte. Sehen Sie in den Attentaten die Ursache für die aktuelle Schwäche, oder wurde eine überfällige Konsolidierung ausgelöst?

Hüther: Die Börse steuerte ohnehin auf eine Konsolidierung zu, jedoch ist die Stärke der Korrektur ursächlich auf Madrid zurückzuführen. Bezogen auf die Bewertungsverhältnisse ist auf dem deutschen Markt derzeit aber alles im Lot. Seit den Tiefständen vor zwölf Monaten bewegten sich die Kurse stetig nach oben. Jetzt hat eine kleine Korrektur eingesetzt.

mm.de: Ein Kursrückgang wäre also auch ohne die Anschläge zu erwarten gewesen?

Hüther: Ja, mittlerweile sind alle positiven Konjunkturdaten eingepreist. Die Märkte gehen von einer starken Erholung der US-Wirtschaft aus und haben sich entsprechend positioniert. Es können nicht mehr viele positive Überraschungen kommen. Mit Blick auf den amerikanischen Arbeitsmarkt wäre sogar eine verhaltenere Stimmung gerechtfertigt.

mm.de: Wie viel Rückschlagpotenzial steckt noch in den Märkten?

Hüther: Das ist nicht sehr groß. Der Rückschlag, den wir in der vergangenen Woche gesehen haben, war in seiner Dimension schon weitgehend die gesamte Korrektur. Die Märkte werden jetzt ein bisschen seitwärts bis leicht stärker tendieren. Einen Bruch sehe ich nicht, weil die Konjunkturperspektiven durch den Madrider Terroranschlag nicht in Frage gestellt wurden. Das ist eine völlig andere Situation als im Herbst 2001.

"US-Staatsdefizit ist nicht tragbar"

mm.de: Bis zum vergangenen Donnerstag war das Bedrohungspotenzial terroristischer Anschläge etwas in Vergessenheit geraten. Wackeln jetzt die Wachstumsprognosen?

Hüther: Nach dem Ende der militärischen Kampfhandlungen im Irak zeigten sich realwirtschaftliche Stabilisierungstendenzen. Dabei ist in der Tat das Terrorrisiko etwas in Vergessenheit geraten. Gleichwohl konnte niemand, der verantwortlich im wirtschaftlichen Bereich handelt, davon ausgehen, dass es nicht mehr vorhanden sei.

Im Gegensatz zu den politischen Folgewirkungen sind die Konsequenzen der Madrider Anschläge für die Weltwirtschaft nicht dramatisch. Nüchtern betrachtet muss man sagen: Aus ökonomischer Sicht macht es einen Unterschied, ob Amerika oder Madrid Ziel von Terroranschlägen ist. Denn im Fokus steht die Lokomotive der Weltwirtschaft. Insofern gibt es keine Konsequenzen für die Stimmungslage der Investoren oder der US-Konsumenten. Die Konjunkturerholung in den USA bleibt robust.

Der wirtschaftliche Aufschwung in Europa ist zwar schwächer, was in diesem Fall aber nicht so wichtig ist. Die Hauptsache ist, dass die ökonomischen Prozesse sich stabilisierend nach oben bewegen. Der konjunkturelle Aufschwung wird durch diesen schrecklichen Vorgang in Madrid aber nicht in Frage gestellt.

mm.de: Abgesehen vom Terror, welche anderen Gefahren bedrohen aktuell die Wirtschaft in den USA und Europa?

Hüther: Das latente Risiko wirtschaftlicher Art ergibt sich aus dem Spannungsfeld einer hoch expansiven US-Wirtschaftspolitik einerseits und einer Konsolidierung ökonomischer Prozesse andererseits. Die USA verfolgen eine Geld- und Finanzpolitik, die so nicht mehr recht passt.

Zwar verläuft der Aufschwung bislang ohne Inflationsgefahren, es ist aber auch ein Aufschwung ohne neue Beschäftigung. Hinter beidem steht natürlich die historisch hohe Produktivität der amerikanischen Volkswirtschaft. In diesem Umfeld treten Unsicherheiten auf bezüglich der wirtschaftlichen Möglichkeiten. Die Frage ist, wann die USA mit ihrer Geldpolitik zu einem normalen Niveau zurückkehren können.

Das zweite Thema ist die Finanzpolitik. Auf Dauer ist das hohe Staatsdefizit von 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Kombination mit dem Leistungsbilanzdefizit nicht tragbar. Wenn auch nach der Präsidentschaftswahl eine Normalisierung in diesem Bereich nicht gelingt, müssen wir unsere Position zum Dollar überdenken. Davon gehe ich aber nicht aus. Ich glaube, die Amerikaner werden das Thema Finanzpolitik künftig anders angehen, egal wer Präsident wird.

"Alte Regeln gelten nicht mehr"

mm.de: Fed-Chef Alan Greenspan hat erst am Dienstagabend das niedrige Zinsniveau bestätigt und wird daran voraussichtlich auf lange Sicht festhalten. Ist diese Haltung der US-Notenbank richtig?

Hüther: Für die augenblickliche Situation ist es wichtig, auf die nächsten Quartale gesehen keinerlei Veränderungsperspektiven auszulösen. Damit beruhigt man auch den Markt. Die Forward-Rates am Geldmarkt geben bereits einen Hinweis darauf, dass der Markt in diesem Jahr noch eine Zinserhöhung erwartet. Die ist nicht ganz unwahrscheinlich, hängt aber entscheidend davon ab, ob der Arbeitsmarkt dreht.

Wenn über mehrere Monate hintereinander 150.000 Stellen in den USA geschaffen werden, kann über die Geldpolitik kommuniziert werden: "Die konjunkturellen Risiken sind raus, wir können den Pfad auf dem Weg zur Normalisierung beschreiten." Dieser Beschäftigungszuwachs muss vorausgesetzt werden. Die aktuelle Sprachregelung der US-Notenbank ist aber richtig. Es ist wichtig, keinerlei Irritation über die Geldpolitik aufkommen zu lassen.

mm.de: Sind Hoffnungen auf einen so stark anziehenden Arbeitsmarkt realistisch?

Hüther: Angesichts der Produktivitätssteigerungsrate von 4,5 Prozent in diesem Jahr ist es normal, dass der Arbeitsmarkt später reagiert. Schließlich kann die Nachfrage mit den bestehenden Kapazitäten leicht bewältigt werden. Ab Mitte des Jahres sollte der Beschäftigungszuwachs an Dynamik gewinnen.

mm.de: Wie wirkt sich die anstehende US-Präsidentenwahl auf Börse und Konjunkturentwicklung aus?

Hüther: Die alten Regeln gelten nicht mehr. Früher wurde ein Republikaner als gut für die Börse erachtet, ein Demokrat dagegen nicht. Die vergangenen drei Legislaturperioden in den USA zeigten aber das Gegenteil. Gerade die Clinton-Ära war positiv für die Aktienmärkte und den Haushalt. Die derzeitige republikanische Regierung wirkt dagegen finanzpolitisch etwas orientierungslos.

Der Budgetausgleich wird im beginnenden Wahlkampf an Bedeutung gewinnen. Und wer das Thema glaubwürdiger besetzen kann, wird letztlich auch positive Impulse geben. Ich glaube, dass der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry da etwas mehr Spielraum hat.

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