Deutsche Bank "11. März nicht 11. September"

Werden die Anschläge vom 11. März ähnlich dramatische Auswirkungen haben wie die Anschläge in den USA? Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, sieht Unterschiede. Im Interview mit manager-magazin.de spricht er über die neuen Risiken und über die Herausforderungen, die Europa jetzt meistern muss.

mm.de:

An den Märkten geht die Angst um. Börsianer ziehen bereits Parallelen zwischen dem 11. März und dem 11. September. Ist dieser Vergleich mit Blick auf die globale Konjunktur zulässig?

Walter: Nein. Wir waren damals in einem weltweiten Abschwung, und wir sind jetzt in einer Erholungsphase. Zumindest mit Blick auf die USA und Asien kann man von einer spürbaren konjunkturellen Erholung sprechen. In Europa ist die Erholung weniger sicher, aber das ist für das weltweite Wachstum nicht so entscheidend. Europa hat immer noch die Chance, von einem spürbaren Aufschwung in den USA und in Asien zu profitieren.

Daher muss man mit derlei Vergleichen vorsichtig sein: Ich war einen Tag nach dem 11. September sicher, dass wir an einer dramatischen Zäsur standen. Ich bin heute aber noch nicht bereit zu sagen, dass die Anschläge in Madrid ähnliche Auswirkungen haben werden wie die Anschläge vom 11. September.

mm.de: Gerade in Europa steht die Erholung noch auf wackeligen Beinen. Könnte das neue Gefühl der Bedrohung die ohnehin bescheidenen Wachstumserwartungen zunichte machen?

Walter: Es wird sicherlich schwieriger, die Wachstumsprognosen zu erreichen. Wir hatten ohnehin in Europa einen schwächeren Start in diesem Jahr als viele erwartet hatten. Als Bremse wirkte unter anderem der Ölpreis, der höher war als prognostiziert. Wenn jetzt noch das Ostergeschäft schief gehen sollte, muss man die Wachstumsprognosen für Europa wahrscheinlich nach unten revidieren.

EU: "Abschottung wäre gefährlich"

mm.de: Welche Herausforderungen sehen Sie in dieser Situation für Europa?

Walter: Trotz der aktuell wachsenden Verunsicherung muss Deutschland den Mut zu Reformen haben. Die Deutschen bekommen Angst vor ihrem großen Mut: Wenn aber ein 80-Millionen-Volk in der Mitte Europas sich nicht rührt, kann Europa kaum vorankommen.

Zweitens bietet die Osterweiterung der Europäischen Union Chancen für unser Wirtschaftswachstum. Es wäre ein großer Fehler, wenn dieser Prozess nun durch eine Art Schutzreflex gebremst würde. Diejenigen, die eine Erweiterung als Bedrohung ansehen und von Abschottung reden, übersehen, dass wir mittlerweile mit Mittel- und Osteuropa mehr Handel haben als mit den USA. Eine Abschottung würde die geringe Dynamik, die wir noch haben, gefährden.

mm.de: Welche Auswirkungen hat der 11. März auf die Zinspolitik der Notenbanken?

Walter: Ich gehe davon aus, dass Alan Greenspan am Dienstag weder den Zinssatz noch die Erwartungshaltung ändern wird. Mit einer geschickten Formulierung dürfte er die Politik des "we wait and see" unterstreichen.

Damit dürfte es bei der Vermutung bleiben, dass der nächste Zinsschritt der Fed nicht nach unten gehen wird. Die EZB hat ihrerseits allen Anlass, die Zinsen auf längere Zeit nicht zu erhöhen.

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