Lebensversicherer "Das ist Kundenverblendung"

Die Allianz Leben kappt die Rendite. Andere Versicherer werden folgen. Die Branche wälzt in ihrer Not die Risiken immer stärker auf den Kunden ab. Sie schreckt auch vor Augenwischerei nicht zurück, kritisiert Analyst Manfred Poweleit vom Branchendienst "Map-Report".

mm.de:

Der Marktführer Allianz Leben senkt die Gesamtverzinsung für Lebensversicherungsverträge für 2004 auf 4,5 Prozent. Überrascht Sie das Ausmaß?

Poweleit: Nein, ich halte das für eine kluge Entscheidung.

mm.de: Was ist daran klug?

Poweleit: Es war höchste Zeit, dass die Fünf vor dem Komma verschwindet.

mm.de: Das dürften die Versicherten anders sehen.

Poweleit: Ein Unternehmen kann nicht mehr ausschütten als es erwirtschaftet. Wir müssen doch Folgendes sehen: Auf dem Höhepunkt des Irak-Kriegs lag die Umlaufrendite für öffentliche Anleihen bei 3,17 Prozent, der Garantiezins für Lebensversicherungsverträge aber deutlich höher. Die Allianz hat ihren Kunden in diesem Jahr noch eine Gesamtverzinsung von 5,3 Prozent gutgeschrieben. Mit der jüngsten Senkung kommt sie jetzt der Realität näher. Und das ist gut so.

mm.de: Der Allianz blieb also keine andere Wahl?

Poweleit: Angesichts der aktuellen Umlaufrendite von rund vier Prozent halte ich die künftigen 4,5 Prozent Gesamtverzinsung sogar für eine mutige Entscheidung.

mm.de: Die Allianz erhöht zugleich den Schlussgewinn. In 2004 steigt er auf 0,6 Prozent von 0,4 Prozent. Man senkt also die laufende Überschussbeteiligung zugunsten eines höheren Schlussgewinns am Ende der Vertragslaufzeit. Ist das nicht Augenwischerei?

Poweleit: Ja, der Trend geht in der Tat dahin, dass sich die Unternehmen über die Erhöhung der Schlussgewinne aktuell mehr finanziellen Spielraum verschaffen. Doch andere Unternehmen drehen da noch ein viel größeres Rad als die Allianz.

Wackeliger Schlussgewinn

mm.de: Nun ist der Schlussgewinn für Verträge, die noch zehn oder 20 Jahre laufen, alles andere als sicher. Verlagern die Gesellschaften mit dieser Praxis nicht zusehends immer mehr Risiken auf den Verbraucher?

Poweleit: Das ist in der Tat so. Der gesetzlich festgeschriebene Garantiezins ist dem Kunden sicher, die jährlich gezahlte Überschussbeteiligung auch. Den Schlussgewinn hingegen, den ein Lebensversicherer Jahr für Jahr aufbaut, kann er rückwirkend für einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren antasten. Das ist für die Bilanzbuchhalter ja gerade der große Reiz. Der Lebensversicherer spart für den Kunden diese Schlussgewinne an, kann sie ihm aber noch zehn Jahre später wieder wegnehmen.

Die Branche hat erst jetzt die Folgen der Krise richtig wahrgenommen und versucht, sich Sicherheit zu verschaffen. Dabei schlägt sie zwei Wege ein. Zum einen schießt sie die Schlussgewinne zum Nachteil der laufenden Überschussbeteiligung in die Höhe. Zum zweiten forcieren die Lebensversicherer das Geschäft mit fondsgebundenen Policen. Denn diese haben nur einen Zweck, das gesamte Anlagerisiko auf den Kunden zu verlagern.

mm.de: Was passiert mit dem Schlussgewinn, wenn der Versicherungsnehmer die Police beleihen oder den Vertrag vorzeitig kündigen muss?

Poweleit: Bei manchen Gesellschaften bekommt der Kunde dann immerhin noch einen Teil des Schlussgewinns. Zumeist ist er aber verloren.

Der eigentliche Skandal

mm.de: Im kommenden Jahr sinkt der Garantiezins für neue Verträge auf 2,75 Prozent. In ihrer Not wollen einige Versicherer nun eine unterschiedlich hohe Gesamtverzinsung für neue und alte Verträge zahlen. Wie beurteilen Sie diesen Vorstoß?

Poweleit: Der Knackpunkt ist doch ein ganz anderer. Folgendes Beispiel: Ein Versicherer senkt die Gesamtverzinsung auf 3,3 Prozent. Gleichwohl muss er bei älteren Verträgen, die zwischen 1994 und 2000 abgeschlossen wurden, den gesetzlich garantierten Zins von vier Prozent zahlen. Bei Policen, die Kunden zwischen 2000 und 2003 unterschrieben haben, sind es 3,25 Prozent. Im ersten Fall beträgt die Überschussbeteiligung Null, im zweiten Fall schlappe 0,05 Prozent. Worauf bekommt der Kunde diese 0,05 Prozent?

mm.de: Auf einen Teil seiner Einlagen ...

Poweleit: ... und die bewegen sich nach maximal drei Jahren in der Nähe von Null, weil der Versicherer nach dem Zillmer-Verfahren die gesamten Abschlusskosten auf die Laufzeit umrechnen muss.

mm.de: Wo liegt jetzt der Knackpunkt?

Poweleit: Jene, die 2004 abschließen, bekommen in unserem Beispiel damit die höchste Überschussbeteiligung von 0,55 Prozent - auf ein Guthaben von Null im ersten Jahr. Das ist doch Kundenverblendung in Perfektion. Warum geht man also nicht gleich ganz runter auf den Garantiezins von 2,75 Prozent?

mm.de: Sagen Sie es mir.

Poweleit: Senkt ein Unternehmen auf diesen Garantiezins ab, kann es in der Beispielrechnung nur mit 2,75 Prozent werben. In dem anderen Fall aber wirbt es mit 3,30 Prozent, ohne dass dies das Unternehmen auch nur einen Cent kostet. Denn 3,30 Prozent auf ein Guthaben von Null, ist genauso viel wie 2,75 Prozent auf ein Guthaben von Null. Und das ist der eigentliche Skandal, dass man den Neukunden eine Leistungsstärke vormacht, die nicht existiert, dass man nicht den Mut hat, seine tatsächliche Position offen darzulegen.