Wall Street "Deutliches Wachstum ist Konsens"

Die Wall Street nimmt den Aufschwung der US-Wirtschaft vorweg. Der Arbeitsmarkt hinkt hinterher. Wachstum ohne Jobs? Noch besteht kein Grund zur Sorge, sagt Aktienstratege Phillip Vorndran von Credit Suisse. Die Entscheidung über eine Wende zum Besseren fällt im Frühjahr 2004.

mm.de:

Die US-Wirtschaft wird im Schlussquartal wahrscheinlich um mehr als vier Prozent wachsen, und die US-Notenbank verspricht auf absehbare Zeit niedrige Zinsen. Reicht dies aus für einen anhaltenden Aufschwung?

Vorndran: Wir werden in den nächsten sechs Monaten ein recht deutliches Wachstum der globalen Weltwirtschaft erleben, das ist Konsens. Eine Erholung der Unternehmensgewinne im dritten und vierten Quartal dieses Jahres sowie im ersten Quartal 2004 ist inzwischen in den Kursen eingepreist - die überwältigende Mehrheit der institutionellen Anleger geht von einer positiven Entwicklung bis zum Frühjahr 2004 aus. Die entscheidende Frage wird dann sein, ob dieses Wachstum auch im zweiten und dritten Quartal 2004 anhält.

mm.de: Wo liegt das Risiko?

Umbau im Portfolio - welche Region Credit Suisse jetzt übergewichtet

Vorndran: In den USA muss die nächste Stufe des Wachstums von den Unternehmen gezündet werden. Die US-Konjunktur wurde durch niedrige Zinsen, Rüstungsausgaben, Steuergeschenke und einen schwächeren Dollar angeschoben: Damit der Aufschwung sich selbst tragen kann, müssen die Unternehmen jetzt endlich wieder mehr investieren und langfristig auch wieder mehr Arbeitskräfte einstellen.


Wir hoffen, dass dieser neue Investitionszyklus im Spätherbst beginnt. Bleibt er aus, könnte das US-Wachstum ab Sommer 2004 wieder deutlich einbrechen. Das Risiko eines solchen Sommerlochs liegt nach unseren Schätzungen bei etwa 35 Prozent, ist also nicht unerheblich.

mm.de: Die Arbeitslosigkeit in den USA ist trotz der anziehenden Konjunktur unverändert hoch. Kann ein "Wachstum ohne Jobs" überhaupt von Dauer sein?

Vorndran: Der Jobmarkt ist in der Tat ein Risiko. Allerdings muss man sehen, dass der Arbeitsmarkt der Konjunktur einige Monate hinterherläuft und wir ein wenig Geduld haben müssen. Es ist also durchaus möglich, dass Unternehmen im ersten Halbjahr verstärkt Arbeitskräfte einstellen, die Nachfrage anzieht und die Unternehmen durch die steigenden Gewinne auch ihre Verschuldung reduzieren.
Ein solches Best-Case-Szenario mit steigenden Beschäftigtenzahlen im kommenden Jahr ist vorstellbar, zumal die Notenbank vor der US-Präsidentenwahl im November 2004 kaum die Zinsen anheben wird. Es wäre voreilig, den aktuellen Aufschwung schon jetzt als Strohfeuer abzutun.

mm.de: Allerdings ist die Kapazitätsauslastung in den USA noch immer niedrig und die Produktivität ist so deutlich gestiegen, dass ein Unternehmen trotz steigender Nachfrage nicht gleich neue Leute einstellen muss.

Vorndran: Die Kapazitätsauslastung betrifft die Industrie. Dieser Indikator vernachlässigt den amerikanischen Dienstleistungs- und Servicesektor, der sich in den vergangenen Erholungsphasen sehr dynamisch gezeigt hat. Hier können viele Jobs geschaffen werden.



mm.de: Sie hatten bereits im Frühjahr US-Aktien übergewichtet. Inzwischen sind die Bewertungen deutlich gestiegen - Zeit für Veränderungen im Portfolio?

Vorndran: Wir haben amerikanische Aktien von "übergewichten" auf "neutral" heruntergesetzt, da sie inzwischen überwiegend ihren Fair Value erreicht haben. Bei europäischen Aktien bleiben wir weiterhin untergewichtet, da dort weiterhin Strukturprobleme und Währungsrisiken belasten.
Unsere Favoriten sind derzeit ganz klar die Emerging Markets sowie Japan: Dorthin fließt derzeit das meiste Geld, weil sich Investoren dort die höchsten Renditen für ihr eingesetztes Kapital versprechen. Die Region Asien und inzwischen auch wieder Japan zeichnen sich durch niedrige Kapitalkosten und kräftiges Wachstum aus. Das aus dem Ausland fließende Geld wirkt als zusätzliche Subvention, die Liquidität kann angesichts niedriger Kosten die höchste Wirkung entfalten.

mm.de: Bei allem Enthusiasmus für die Schwellenländer - das riesige Leistungsbilanzdefizit der USA in Höhe von rund 140 Milliarden Dollar kann auch die globale Konjunktur auf mittlere Sicht durcheinander bringen. Viele Experten erwarten eine deutliche Abwertung des Dollar.

Vorndran: Wir Europäer sollten über die Kauflust der Amerikaner und ihr Leistungsbilanzdefizit froh sein. Wenn sie dieses Defizit zu schnell zurückfahren, haben wir ein großes Problem: Das Wachstum der deutschen und europäischen Wirtschaft wird weiterhin vom Außenhandel bestimmt.


Das Defizit lässt sich, wie wir bereits gesehen haben, durch einen schwächeren Dollar verringern. Doch eine rasche und kräftige Abwertung des Dollars ist vor allem für die europäische Exportwirtschaft ein Risiko. Es ist also zu hoffen, dass das amerikanische Defizit stetig, aber langsam zurückkommt. Der beste Schutz für Europa wäre eine anziehende Binnennachfrage: Hier könnte der Konsument durch steigende Ausgaben für Impulse sorgen, während in den USA nun die Unternehmen an der Reihe sind.

mm.de: Trotz der Risiken für den kommenden Sommer - welche Entwicklung am Aktienmarkt erwarten Sie bis Jahresende?

Vorndran: Das Rückschlagrisiko ist vergleichsweise gering. Wenn wir am Markt noch einmal etwa zehn Prozent zurückkommen, dürften viele Investoren wieder einsteigen. Die institutionellen Anleger würden am liebsten im Oktober ihre Bücher schließen und sich erleichtert den Schweiß von der Stirn wischen. Es kann aber durchaus sein, dass private Anleger, die bislang den Aufschwung verpasst haben, im Herbst in den Markt einsteigen und die Indizes noch einmal deutlich nach oben treiben.
Für langfristige Investoren sind Aktien weiterhin deutlich interessanter als Anleihen und auch Rohstoffe sollten von der Dynamik in den Emerging Markets profitieren. Für Zukäufe sehe ich auf dem aktuellen Niveau keinen Bedarf, da sollte man eher nach dem Motto "buy on dips" verfahren und in Schwächephasen zugreifen. Der Aufschwung hat an Dynamik verloren, doch für Investoren ist das noch kein Grund nervös zu werden.