Anlagestrategie "Kaufen und Halten reicht nicht mehr"

Wohin steuern die Finanzmärkte? Klaus Martini, oberster Investmentexperte der Deutschen Bank, spricht im Interview mit manager-magazin.de über veränderte Anlagestrategien, den Zweckoptimismus der Börsianer und über seine Branchenfavoriten.

mm.de:

Herr Martini, Sie hatten zu Jahresbeginn versichert, 2003 werde "kein schlechtes Aktienjahr". Inzwischen ist der Dax seit seinem Tief im März um rund 50 Prozent geklettert und notiert knapp über 3300 Punkten. Bleibt jetzt noch Luft für Kurssteigerungen bis zum Jahresende?

Martini: Mit dem Anstieg von 2200 auf 2800 Punkte haben wir zunächst die starke Unterbewertung korrigiert und die Bewertungen im Dax wieder auf ein vernünftiges Niveau gebracht. Die zweite Phase, die uns auf das aktuelle Niveau geführt hat, war von großem Optimismus geprägt - der Erwartung, dass wir vielleicht schon in diesem Jahr, spätestens aber 2004 ein Wirtschaftswachstum sehen. Die überwiegend guten Ergebnisse der Unternehmen im ersten Halbjahr haben diese Hoffnung ja auch gestärkt.

Der Dax kann bis Jahresende weiter klettern, wenn nun in einer dritten Phase mehr Liquidität in den Aktienmarkt strömt. Genug frisches Geld ist da. Und auch die Risikobereitschaft der Investoren hat deutlich zugenommen. Damit wir aber diesen Liquiditätsschub erleben, müssen wir unbedingt von negativen Überraschungen verschont bleiben. Keine externen Schocks und keine Warnzeichen, dass die Konjunktur vielleicht doch nicht so anspringt wie erhofft.

mm.de: Auch die erste Phase der Aktienrallye war von hoher Liquidität getrieben. Woher soll das weitere frische Geld kommen?

Martini: Weitere Umschichtungen aus dem Geld- und Rentenmarkt sind wahrscheinlich. Bei den aktuell niedrigen Renditen werden sich weitere Anleger von Anleihen verabschieden - Aktien bieten sich als Alternative an. Außerdem hat sich in den USA die Stimmung gegenüber Europa wieder etwas verbessert. Ausländische Investoren registrieren, dass sich Deutschland zumindest um Reformen bemüht und das ist psychologisch schon mal ein positiver Effekt. Der deutsche Aktienmarkt ist zudem recht liquide, und der Dax ist ein volatiler Index. Das macht den Markt für kurzfristige Spekulationen auch aus dem Ausland interessant.

"An einem schwächeren Dollar führt kein Weg vorbei"

mm.de: Derzeit scheint der Markt aber erst einmal eine Pause einzulegen.

Martini: August und September sind traditionell schwache Börsenmonate. Es ist wenig los, die Indizes dümpeln dahin und könnten in den kommenden Wochen vielleicht noch ein wenig nachgeben. Auch wir haben unsere Aktienquote leicht gesenkt; wir waren im Frühjahr recht hoch investiert und haben in den vergangenen Tagen ein paar Gewinne mitgenommen. Im vierten Quartal könnte der Index dann wieder klettern, wenn sich das erhoffte Wirtschaftswachstum bestätigen sollte.

Die Chancen dafür sind kurzfristig nicht schlecht, denn wir gehen davon aus, dass wir zumindest in den USA eine Belebung sehen werden. Die massiven Steuersenkungen, die niedrigen Zinsen und der schwache Dollar bringen einen enormen Schub für die US-Wirtschaft. Für Europa bin ich in dieser Frage weniger optimistisch.

mm.de: Sie sprechen von einer kurzfristigen Belebung. Wie sieht es mit dem kommenden Jahr aus, auf dem so viele Hoffnungen ruhen?

Martini: Optimistisch bin ich nur für den kurzen Zeitraum. Mittelfristig bin ich noch sehr vorsichtig. Ich meine, dass wir weltweit etwas zu viel Konjunkturoptimismus an den Tag legen. Da spielt natürlich auch viel Zweckoptimismus mit. Ein Beispiel: In den USA wurde jahrelang ein Teil der Konsumausgaben durch Hypotheken refinanziert. US-Bürger konnten weiter auf Einkaufstour gehen, weil sie bei fallenden Zinsen ihre Hypotheken günstiger finanzieren konnten. Inzwischen sind die Zinsen für länger laufende Kredite aber schon wieder deutlich gestiegen - das Refinanzieren von Darlehen wird damit weniger attraktiv.

Der US-Konsument, der ohnehin schon hoch verschuldet ist, wird bei steigenden Zinsen kaum noch zusätzliches Geld in den Konsum stecken. Darin liegt ein ernstes Risiko. Außerdem wird das hohe Handelsbilanzdefizit der USA früher oder später zu einem schwächeren Dollar führen, daran führt kein Weg vorbei. Für die weltweite Konjunktur bedeutet das, dass wir mit weiteren Schwankungen rechnen müssen.

mm.de: Risiken für die Konjunktur und weiterhin turbulente Märkte: Was bedeutet das für die Anlagestrategie?

Martini: Das Prinzip "Kaufen und Halten" funktioniert nicht mehr. Die Welt ist komplizierter geworden und ändert sich schnell: Ein Unternehmer hat kaum noch Sicherheit, dass seine Investitionen bei sich rasch ändernden globalen Bedingungen Bestand haben werden. Er wird weiter vorsichtig agieren, da in Fernost ohnehin billiger produziert wird und er kaum Spielräume bei der Preisfestsetzung hat. Mit seiner schwachen, an den Dollar gekoppelten Währung kann China weiterhin Wachstum importieren. Wir müssen uns also darauf einstellen, dass wir in den industriell entwickelten Ländern längerfristig nicht mehr mit großen Wachstumssprüngen rechnen können. Für den Markt heißt das: Wir werden vielleicht über mehrere Jahre einen Markt erleben, der weiterhin stark schwankt und sich dabei leicht nach oben bewegt.

"Hedgefonds-Anteil erhöhen"

mm.de: Bei diesem Szenario dürfte es weiterhin schwer fallen, sich zwischen Aktien und Rentenpapieren zu entscheiden.

Martini: Bei mittlerer Risikoneigung ist derzeit eine Aktienquote von 40 bis 50 Prozent sinnvoll. Von Anleihen sollte man sich auch nicht ganz verabschieden. Sollten wir wirklich wieder in die Rezession rutschen, sind Bonds die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Aber es bleibt nicht bei der Auswahl zwischen Aktien, Anleihen und Cash: Wir sind dabei, mehr alternative Investmentformen wie etwa Hedgefonds in unsere Asset Allocation einzubauen, um den schwankenden Märkten gerecht zu werden.

Von unserem Ziel - ein Hedgefondsanteil von 20 Prozent - sind wir im durchschnittlichen Portfolio noch weit entfernt. Im Ausland wird dieses Instrument schon viel konsequenter genutzt. In Deutschland müssen wir noch viel Überzeugungsarbeit leisten und die Produkte müssen sorgfältig vorbereitet werden. Das geht nicht von heute auf morgen.

mm.de: Auch der Anlagehorizont verkürzt sich. Investoren nehmen schneller Gewinne mit, wie jüngst bei den Finanztiteln. Welche Branchen bieten nach Ihrer Meinung jetzt Chancen?

Martini: Bei Bankentiteln sind wir eher neutral, wobei bei einzelnen Versicherern durchaus noch positive Überraschungen möglich sind. Technologietitel und zyklische Werte drängen sich derzeit nicht gerade auf, weil sie für einen weiteren Kursanstieg einen spürbaren Konjunkturaufschwung brauchen. Ausgewählte Pharma- und Versorgertitel sind eine Überlegung wert, weil dort die Bewertung zum Teil wieder auf einem interessanten Niveau angekommen ist.

Gute Chancen bieten nach meiner Einschätzung langfristig Rohstoffwerte: Viele hatten darauf gewettet, dass der Ölpreis nach dem Irak-Krieg unter 15 Dollar fällt, aber das ist nicht eingetreten. Die USA und China bleiben abhängig von Öl und außerdem steigt in China die Nachfrage nach Stahl, Kupfer und Gold. Bei den enormen Profiten, die die Ölfirmen derzeit erzielen, wird auch die Dividendenrendite interessant.

mm.de: Die USA zeigen eine deutlich höhere Wachstumsdynamik als der alte Kontinent. Was muss sich in Europa und speziell in Deutschland ändern?

Martini: Wir hinken hinter den USA her, nicht nur wegen des schwachen Euro. Für Europa und besonders für Deutschland ist es jetzt entscheidend, die vorgestellten Reformen wirklich umzusetzen und nicht zu zerreden. Die Änderungen im Steuer- und Gesundheitssystem können ohnehin nur ein erster Schritt sein. Wenn wir diesen Schritt nicht gehen, stehen wir vor einem Scherbenhaufen. Die Stimmung in Deutschland und Europa ist besser geworden. Nur müssen die angekündigten Reformen auch kommen, damit die strukturellen Probleme beseitigt werden und ausländische Investoren Vertrauen finden.

mm.de: Die unbeliebte Gretchenfrage: Wo steht der Dax am Ende dieses Jahres?

Martini: Wenn uns externe Schocks erspart bleiben, könnte der Dax zum Jahresende mit 3500 bis 3700 Punkten aus dem Markt gehen. Kurzfristig gibt es Gründe für Konjunkturoptimismus - mittelfristig muss man sehen, wie die Amerikaner mit ihren Schulden umgehen.

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